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Frankfurter Stalburg Theater : Darauf ein Hühnerbein

Der Klassiker: „Wer kocht, schießt nicht“ mit Ilja Kamphues in der Hauptrolle wird bald zum 650. Mal aufgeführt. Bild: Stalburg Theater

Das Frankfurter Stalburg Theater wird 20 Jahre alt. Das Programm ist ebenso vielfältig, wie es die Besucher des Hauses sind – und genau so soll es sein.

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          Es ist untertrieben, zu behaupten, ein Theater sei das Letzte gewesen, was Michael Herl je hatte haben wollen. „Ich wollte nicht mal kein Theater – das ist noch weniger, als kein Theater zu wollen“, sagt er. Für diese doppelte Negation ist das Stalburg Theater an der Glauburgstraße in Frankfurt aber ein ganz schön lebendiger Ort. Und aus dem einstigen rasenden Reporter deutscher Qualitätszeitschriften ist eines schönen Herbsttages vor 20 Jahren eher durch Zufall der Bühnenautor und Theaterleiter Herl geworden.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ungefähr um diese Zeit, erinnert sich Herl etwas unpräzise, sei 1998 zum ersten Mal das Bühnenlicht im alten Tanzsaal der Apfelweinwirtschaft „Zur Stalburg“ angegangen. Weshalb auf Einladung von Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) ein Festakt im Kaisersaal des Römers 20 Jahre Stalburg Theater und zugleich 15 Jahre Stoffel, was so viel heißt wie „Stalburg offen Luft“, feiert.

          Die Laudatio wird Mathias Tretter halten, heute einer der bekanntesten Kabarettisten Deutschlands, der zu den ersten gehörte, die im Stalburg Theater angefangen haben. „Wir waren seine erste größere Bühne“, erinnert sich Herl. Was auch für Claus von Wagner oder Philipp Weber gilt, die, ihren Wurzeln treu, immer wieder im Stalburg Theater gastiert haben.

          Zwischen Spinnweben und Gerümpel

          Angefangen hatte das Ganze als Spielort für Anton Le Goff alias Maja Wolff, deren Texte Herl damals geschrieben hatte und die einen neuen Raum brauchte. Ein Bekannter hatte Herl auf den Saal der Apfelweinwirtschaft hingewiesen, und mit dem Wirt Fritz Reuter wurde Herl sofort handelseinig: „Er schloss die Tür auf, und ich konnte mich kaum auf den Beinen halten vor Verzückung: Ein großer alter Saal, mitten im Nordend, mit Spinnweben, Gerümpel, und mittwochs kam der Gesangverein der Bäckerinnung“. Beide Seiten, der Wirt und das Theater, profitierten voneinander, so Herl: „Daran hat sich nichts geändert.“

          Herz und Seele: Michael Herl

          Der Saal ist inzwischen zum zweiten Mal umgebaut worden, nachdem unter anderem Lärmschutzbeschwerden dem „Theaterchen“ vor einigen Jahren beinahe den Garaus gemacht hätten. Und auch die Finanzlage sah manches Jahr nicht zu rosig aus. Angefangen hat das Theater ohne Fördermittel, das ist, bis auf Sponsorenhilfe, etliche Jahre so geblieben. Etliche Mitarbeiter haben in den vergangenen Jahren das Haus verlassen, nun ist umstrukturiert worden, und Herl sieht neue, jüngere Kräfte kommen.

          Herbert Huber, Filippo Tiberia und Ralf Pfeifer kümmern sich um Technik und Bar, Herl um das Künstlerische. Obwohl im aktuellen Haushalt der Stadt 120.000 Euro für das Theater eingestellt sind, 70.000 mehr als noch vor einem Jahr, und das Sommerfestival Stoffel gefördert wird, will sich Herl immer noch an seinem früh getätigten und oft zitierten Spruch messen lassen, es gehe auch ohne öffentliches Geld. Dann aber, so stellt er klar, gehe es eben anders. Kleiner, kassentauglicher. „Es geht viel besser, so zu arbeiten. Wenn uns das jemand wieder abknapst, werden wir aber auf keinen Fall zumachen“, sagt Herl: „Wir haben für nächstes Jahr wieder etwas geplant, das wir ohne Zuschüsse gar nicht machen könnten.“

          „Ein wildes Durcheinander“

          Für derlei künstlerische Wagnisse seien die Zuschüsse auch gedacht: In zwei Wochen soll das Konzept der Regisseurin Katja Lehmann präsentiert werden. „Wir haben unser Spielbein befreit“, sagt Herl zu der Fördererhöhung. Neben Kabarett, Musik und kleineren Bühnenstücken setzt Herl auch auf Kooperationen: Mit den Landungsbrücken, die etwa mit „Hass“ immer wieder in der Stalburg gastieren, kämen ein anderer Ton und auch anderes Publikum, so Herl: „Wir hatten schon immer ein sehr bunt gemischtes Publikum, ein wildes Durcheinander an gesellschaftlichen Schichten und Generationen“ – so sieht das Programm auch aus.

          Auch die politische Aktivistin und Musikerin Uta Köbernick etwa zieht ein jüngeres Publikum an als etwa die „Hesselbachs“, mit dem das hauseigene Ensemble seit 2001 an der Spitze der Hesselbach-Renaissance stand. Herls eigene Stücke, neun an der Zahl, von „Brummbrumm“ bis zum jüngsten „Captain’s Dinner“, haben von Anfang an den Spielplan geprägt. Wobei „Wer kocht, schießt nicht“ ungeschlagen an der Spitze steht: Seit 2002 läuft es mit Ilja Kamphues in der Rolle des Dr. Kögel, der die Lebensmittelindustrie anprangert und dabei ein Hühnerbein kocht.

          Im Dezember wird es die 650. Vorstellung geben – „die 1000 machen wir voll“, verspricht Herl. Zwölf Theater haben das Stück mittlerweile nachgespielt. Im nächsten Jahr will Herl sich wieder an ein neues Stück machen, das dann 2020 uraufgeführt werden soll. Eigentlich hatte Herl ja mehr schreiben wollen und deshalb überhaupt mit dem Theater angefangen. Einen Roman hat er aber immer noch nicht verfasst. Und obwohl er täglich in der „Stalburg“ arbeitet: Apfelwein mag er immer noch nicht.

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