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Frankfurter Schauspielhaus : Geküsst wird nur auf die Ferne

Kein Pausensekt: „Wie es euch gefällt“ wird in knapp zwei Stunden ohne Unterbrechung gespielt Bild: Thomas Aurin

Auch am Frankfurter Schauspielhaus hat die neue Spielzeit unter Corona-Bedingungen begonnen. Den Anfang macht Shakespeares „Wie es euch gefällt“.

          2 Min.

          Der Intendant steht draußen an einem runden Tisch, eine Ahnung von Gastronomie bietet sich dem Auge dar, aber auf einen Pausensekt zu hoffen ist eine vergebliche Regung. Es wird keinen geben – weil es keine Pause gibt. Knapp zwei Stunden wird Shakespeares „Wie es euch gefällt“ durchgespielt, ohne Unterbrechung. Oder vielmehr das, was Regisseur David Bösch daraus gemacht, davon übriggelassen hat. Bevor es losgeht, ertönt die mittlerweile obligatorische Stimme aus dem Off, im Frankfurter Schauspielhaus eine sonore männliche. „Nach der Vorstellung bitten wir Sie, den Zuschauerraum zügig zu verlassen.“ Der Mund-Nase-Schutz müsse getragen werden, bis das Stück beginne. Danach stehe es im Belieben der Zuschauer, ihn abzunehmen. Und auch daran hat man sich schon gewöhnt: Die Besucher sitzen in weitem Abstand voneinander, jeweils eine Sitzreihe bleibt frei.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Aber auch die zugelassenen Plätze sind nicht alle besetzt. Die Unsicherheit scheint noch viele Menschen davon abzuhalten, den Schritt ins Theater zu lenken. Aber immerhin: Es geht wieder los. Vor einem nur zu etwa einem Viertel gefüllten Haus. Zu Beginn der übliche Slalom, Türen, die sonst offen waren, gehen nicht mehr auf, die Kasse ist nur von draußen zu erreichen, und überall weisen einem Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter den Weg. So viel Arm- und Beinfreiheit hatten wir noch nie in einem Theatersessel. So wenig störende Nebengeräusche auch nicht. Die geringe Zuschauerzahl scheint die Disziplin zu fördern.

          Ein erotisches Verwirrstück

          Als der Narr Touchstone zunächst allein auf die Bühne tritt, hinter sich einen schweren Vorhang, schwant uns schon Übles. Denn er ähnelt fatal dem Clown Pennywise aus der „Es“-Verfilmung. Aber die Komödie wendet sich dann doch nicht ins Horrorhafte, eher ins Elegisch-Melancholische und dann wieder ins Halblustige. Unterbrochen von einem Beatles-Medley etwa, durchsetzt mit anderen Texten.

          Im Kern handelt es sich um ein Schäferspiel, ein erotisches Verwirrstück und, überraschend aktuell, eine Etüde über den Tausch von Geschlechterrollen und gar ihrer Auflösung. Alle sind ein bisschen divers. Aber am Ende siegt doch das Heteronormative, beim elisabethanischen Dramatiker wie bei Bösch. Phoebe jedoch, die in Rosalinde verliebt ist, der als Mann mit Namen Ganymede auftritt, muss in dieser Inszenierung nicht den garstigen Schäfer heiraten, der hinter ihr her ist und kein „Nein“ akzeptieren kann. Was einen wirklich interessierte: Wie schaffen es die Akteure, die wegen Corona vorgeschriebenen Abstandsregeln einzuhalten? Nun, die Schauspieler agierten in ziemlicher Distanz zueinander. Nur selten zuckt man zusammen: Sind sich Celia und Rosalinde nicht ein bisschen zu nahe gekommen, als sie sich Zigaretten anzündeten? Wahrscheinlich nicht. Vermutlich eine perspektivische Täuschung. Schließlich wird nicht allein auf Distanz geachtet, sondern auch darauf, dass nicht mehrere Personen einen bestimmten Gegenstand anfassen.

          Auch eine Wrestling-Szene findet ohne bedeutende Körperlichkeit statt. Ganz am Schluss kommt es zu folgendem Dialog zwischen dem nunmehr endlich zusammengekommenen Hauptliebespaar: „Ich würde dich jetzt so gerne küssen.“ – „Dann trau dich.“ Die Bühnenrealität verweigert ihnen das. Weshalb Rosalinde aus einiger Entfernung ruft: „Kuss!“ Es setzt Bravos. Aber der Beifall ist endenwollend.

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