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Frankfurter Schauspiel : Über das Ziel hinaus

Verkörperung eines Prinzips: Nils Kahnwald. Bild: Frank Röth

Nils Kahnwald spielt den Peer Gynt im Frankfurter Schauspiel. Die Inszenierung von Antú Romero Nunes hat heute Premiere.

          2 Min.

          Es ist sein absolutes Lieblingsstück. Nils Kahnwald hatte sich mit Ibsens „Peer Gynt“ schon einmal an der Schaupielschule versucht, aber dann die Rolle geschmissen. „Das war mir zu theatrig“, sagt der Schauspieler und meint: „Das hatte nichts mit mir zu tun.“ Dabei hat er nichts gegen Werktreue. Aber er möchte keine Bilder nachspielen. „Wenn die Inszenierung nichts mit mir zu tun hat, kann ich sehr schlecht sein“, weiß er offenbar aus Erfahrung.

          Claudia Schülke

          Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Schauspieler sucht die Auseinandersetzung mit der Figur. „Wie werde ich Peer Gynt?“, fragt er sich, und Antú Romero Nunes, von der Fachzeitschrift „Theater heute“ zum „Nachwuchsregisseur des Jahres“ gekürt, hilft ihm dabei. Heute Abend, wenn das „dramatische Gedicht“ in den Kammerspielen des Frankfurter Schauspiels Premiere hat, werden die Zuschauer einen Titelhelden erleben, der immer „über das Ziel hinausschießt“.

          Verkörperung von Prinzipien

          Kahnwald hat sich einiges vorgenommen. Er weiß nicht, wie verwöhnt sein Frankfurter Publikum ist. Erst 1997 hatten Tom Kühnel und Robert Schuster im Großen Haus einen „Peer Gynt“ inszeniert, der ein ähnlich überregionales Aufsehen erregte wie einst Peter Steins legendäre Inszenierung an der Berliner Schaubühne. Ganz unbeschwert tritt Kahnwald die Nachfolge Christian Nickels an, der von seinem Frankfurter „Gynt“ zu Steins Expo-„Faust“ und dann zum Burgschauspieler avancierte. Kahnwald hält Peer Gynt für einen „Event-Junkie“, der sofort aus dem kribbelnden Erlebnis aussteigt, sobald er sich nicht mehr frei, sondern von Erwartungen anderer gefesselt fühlt: „Er verkörpert das Leben als Urmensch, als Naturgewalt, ohne Liebe und ohne Moral. Er lernt nichts dazu, wird nicht weise im Alter, sondern stirbt einfach.“

          Kahnwald, 1984 in Marburg an der Lahn geboren, ist ein junger Peer Gynt. Aber die Frage des Alters stellt sich auch gar nicht. Seine beiden Mitstreiter auf der Bühne verkörpern mit ihren weiblichen und männlichen Rollen ebenfalls nur Prinzipien: Henrike Johanna Jörissen die Liebe und Michael Goldberg die Realität. Wo da die „Zwiebel“ bleibe? Jene berühmte Szene, in welcher der alternde Peer Gynt Haut um Haut und Schicht um Schicht vergeblich nach einem Kern sucht, ist zwar nicht völlig den Strichen zum Opfer gefallen, aber „die Suche“, um die es auch diesmal gehen soll, findet wohl doch eher in einem „Theater, wie wir die Welt sehen“, statt. So jedenfalls paraphrasiert der Schauspieler sein Rollenkonzept, hält sich aber zugleich bedeckt, um sein Publikum nicht um jede Überraschung zu prellen.

          Schon vier „Tatorte“ überlebt

          Seit seinem siebten Lebensjahr spielt Kahnwald Theater, wechselte von einer Marburger Kindertheatergruppe mit kleinen Rollen zum Hessischen Landestheater. Nach dem Abitur reiste er nach Australien, kehrte aber schon nach sieben Wochen wieder zurück und sprach an Schauspielschulen in Potsdam, München und Berlin vor. Während seiner Ausbildung an der Universität der Künste Berlin (früher HdK) sammelte er am Gorki Theater und am Deutschen Theater praktische Bühnenerfahrungen, unter anderem bei René Pollesch, der seinen Schauspielern die Freiheit des Mitdenkens und Mitredens gönnt. Auch Regisseur Christoph Mehler hat Kahnwald geprägt und mit Oliver Reese, dem damaligen Chefdramaturgen des Deutschen Theaters Berlin, bekannt gemacht.

          So blieb dem Eleven das leidige Vorsprechen nach dem Examen erspart. Kahnwald trat voriges Jahr gemeinsam mit dem neuen Schauspiel-Intendanten Reese in Frankfurt an. Seitdem hat er als türkischer Detektiv vier „Tatorte“ in der „Box“ überlebt, die Titelrolle in „Roter Ritter Parzival“ gespielt, in „Das blaue blaue Meer“ mitgewirkt und den Wirt Tebaldo in Goldonis „Diener zweier Herren“ unter Regie von Andreas Kriegenburg übernommen. Auch mit Pollesch ist er in dieser Spielzeit wieder auf der Bühne zusammengetroffen: in „Sozialistische Schauspieler sind schwerer von der Idee eines Regisseurs zu überzeugen“. Sein Peer Gynt ist ein gewaltiges Wagnis. Aber die Gedanken, die er sich dazu gemacht hat, klingen vielversprechend.

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