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Frankfurter Schauspiel : Statt Liebestod Flucht vor dem Kranken

Tanzend Tod und Siechtum trotzen: Alfred (Johannes Kühn), Marie (Henriette Blumenau) und Felix (Moritz Pliquet) in dem Stück „Sterben”. Bild: Birgit Hupfeld

In der Box, der kleinsten Spielstätte des Frankfurter Schauspielhauses, wird aus Arthur Schnitzlers erster Novelle ein Stück für drei Personen. „Sterben“ hatte jetzt Premiere.

          2 Min.

          Eine Fototapete, Motiv deutscher Wald, rahmt die Bühne ein, Kunstrasen klebt am Boden. In der stickigen Box ist trivialästhetisch der Frühling ausgebrochen, während es in den Herzen der handelnden Personen herbstlich zu werden beginnt. Der Frankfurter Winter bleibt eiskalt draußen vor der Tür, in der kleinsten Spielstätte des Schauspiels herrschen durchwachsene Wiener Temperaturen. Dort wird „Sterben“ gespielt, eigentlich eine Novelle, die erste aus der Feder von Arthur Schnitzler, 1894 erschienen. Auch in der kompakten hermetischen Theaterschachtel wird kein Stück daraus. Dafür sorgen schon die artifiziellen Bewegungen der Darsteller, ihre gelegentlich comicartigen Gesten, ihre übertriebene Mimik. Der leidende Felix gar darf während der eineinviertel Stunden, die das Werk dauert, kaum einmal seinen entsetzt-verzweifelten Gesichtsausdruck verändern und wirkt wie aufgezogen, wie ferngesteuert, jedenfalls nicht so, als sei er Herr seines Körpers. Wie sollte er auch, könnte man sagen, offensichtlich ist er ja krank, sehr krank, sterbenskrank, ein Jahr noch hat er. Doch es geht weniger um den Tod als solchen und die Furcht vor ihm, als um die Liebe im Angesicht des nahenden Endes, um die belastetete Beziehung zwischen zwei Menschen, von denen einer alsbald das Zeitliche segnet.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Schnitzler spielt mit sehr viel psychologischem Verstand durch, wie sich das Verhältnis der Liebenden mit dem Fortschreiten der Krankheit wandelt. Es gibt auch Phasen der Hoffnung, des neuen Lebensmuts, und Maries Verhalten pendelt vom Verlangen nach dem gemeinsamen Liebestod bis zur Flucht aus dem miefigen Patientenzimmer. Zum Schluss hegt sie den innigen Wunsch, dem Leben in die Arme zu laufen – in Gestalt des Arztes Alfred, der Felix die Diagnose verschwiegen hatte. Er bekam sie von einem anderen Mediziner.

          Stadien der gestörten Zweisamkeit

          In der Inszenierung von Franziska Marie Gramss sind freilich nur drei Personen zu erleben: Felix (Moritz Pliquet), Marie (Henriette Blumenau) und Alfred (Johannes Kühn), wobei der junge Arzt auch in der Rolle des Erzählers zu erleben ist. Von sphärischen Tönen untermalt, die klingen, als seien sie einem Trance-Soundscape entnommen, singt er Stellen aus Schnitzlers Text. Zumeist sitzt er abseits der beiden Liebenden in einem Sessel und kommentiert das emotionale Geschehen mit ironisch-verklärtem oder kritisch-interessiertem Blick. Im Kontrast zu den träumerischen Sequenzen stehen die von harten Beats vorangetriebenen Szenen, in denen sich die Handelnden oder auch nicht Handelnden vor Lebensfreude schütteln. Und tanzen, als gehe es um ihre Existenz. Geht es ja auch. Zwar sind wir mit Schnitzlers Erstling noch im selben Jahrhundert wie Wagners „Tristan und Isolde“, aber die Moderne ist hereingebrochen und lässt Konzepte wie ewige Liebe oder Opfertod allenfalls noch als Zitate zu. Bei Schnitzler benehmen sich Menschen menschlich. Liebe hin, Liebe her.

          Felix möchte seine Geliebte freigeben, will loslassen, allein sterben, wenig später aber fordert er von Marie, mit ihm in den Tod zu gehen, ist panisch vor Angst, einsam im Jenseits zu wandeln. In der Box wird die Novelle reduziert auf die Stadien der gestörten Zweisamkeit, die eine unerwartete Situation mit sich bringt. Dabei agieren die Schauspieler so schematisch, fast schon roboterhaft, dass das Komische in der auf diese Weise sezierten Liebesbeziehung das Grauen des zu erwartenden tödlichen Ausgangs überdeckt. Was bei Schnitzler bleibt, ist der vitalistische Wille Maries zum Leben, in der Box wird auch dieser der Lächerlichkeit preisgegeben. Mit Theater hat das alles nicht so viel zu tun. Es handelt sich um ein Experiment. Und wie im Labor hat auch hier Rührung nichts verloren.

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