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Privatbühnen in Corona-Krise : Ohne Nähe kein Theater

Notgedrungen auf Distanz: Claus Helmer, Leiter der Frankfurt Komödie und des Fritz Rémond Theaters im Zoo Bild: Esra Klein

Für Komödie, Rémond Theater und andere Privatbühnen in Frankfurt ist die Lage höchst prekär: Prinzipal Claus Helmer und sein Schauspieler Stefan Schneider im Corona-Modus

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          Er schwenkt den Zollstock wie ein Zepter. Ein neues Requisit? Aber dem Hausherrn der Frankfurter Komödie und des Fritz Rémond Theaters ist nicht zum Lachen zumute. Am Fenster seiner seit Mitte März geschlossenen Komödie prangt eine Fahne mit der Aufschrift: „Wir würden uns freuen, bald wieder für Sie spielen zu können.“ Das soll Hoffnung verbreiten.

          Claudia Schülke

          Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Doch Claus Helmer hat Sorgen: „Ich habe einen monatlichen Einnahmeausfall pro Theater von 90.000 Euro. Den zehn bis zwölf Minijobbern an Garderobe, Einlass und Bar muss ich eine Überbrückung zahlen, die 24 Festangestellten sind in Kurzarbeit. Deshalb habe ich auch nur 60.000 Euro Festkosten monatlich.“ Vier Bühnenbilder hat er im Lager: für jedes Theater eines für die laufenden Vorstellungen und eines für die nächste Premiere. Vor allem aber: „Ich musste vier Ensembles nach Hause schicken, zwei spielende und zwei probierende.“

          Viel Abstand, wenig Platz

          Wozu der Lärm? Die Theater dürfen doch seit dem 15. Mai wieder spielen. Für den 16. Mai war in der Komödie eine Premiere geplant: „Schwiegermütter und andere Bosheiten“. Jetzt kommt der Zollstock ins Spiel. Helmer klappt ihn aus und zeigt, wie lang 1,50 Meter sind. So viel Abstand voneinander müssen die maskierten Schauspieler auf der Bühne und die maskierten Zuschauer im Saal einhalten. So will es die Landesregierung, solange das Coronavirus grassiert.

          War Ministerpräsident Volker Bouffier schon mal im Theater? Dann müsste er wissen, dass es unmöglich ist, eine Reihe voller Zuschauer zwischendurch zu verlassen, ohne sich an etlichen Mitbesuchern vorbei zu drängen. Also könnten nur die beiden äußersten Plätze einer Reihe verkauft werden. Für die Komödie bedeutet das: 36 Zuschauer statt 380 bei ausverkauftem Haus, für das Rémond Theater mit seinen 342 Plätzen noch weniger.

          Stefan Schneider könnte den Damen auf der Bühne über 1,50 Meter Abstand zumindest noch den Hof machen. Aber wenn er damit Erfolg hat? Meist geht es doch um Liebe. Wie in „Arthur und Claire“, seiner ausgefallenen Premiere vom 14. Mai im Rémond Theater. Der Schauspieler hat aber andere Sorgen: Er hat kein Zuhause. Zu seiner Freundin in Koblenz kann er nicht, weil die Wohnung auf Dauer zu klein ist für zwei: „Aber so schön.“ Zu seiner Ex-Freundin in Berlin, wo er bis vor kurzem gewohnt hat, kann er auch nicht, weil diese ihre kranke Mutter pflegt und er Angst hat, das Virus einzuschleppen. Also wohnt er weiter in Helmers Künstler-Apartment. Ach ja: 6000 Euro Monatsmiete für zehn Apartments fallen auch noch an. Dirk Waanders, auch eine „Säule“ der beiden Privattheater, ging es ähnlich: Er hatte seine Wohnung in Stuttgart an einen Kollegen vermietet, der nicht ausziehen konnte, weil in seiner Wohnung auch ein Kollege festsaß.

          Keine Sicherheit für Schauspieler

          Schöne neue Corona-Welt. Immerhin hat die HDI-Versicherung die Miete für die Komödie bis inklusive August um 50 Prozent gesenkt. Helmer atmet dankbar auf. Aber Schneider ist seit 11. Mai arbeitslos gemeldet. „Für sechs Monate bekomme ich jetzt Arbeitslosenhilfe, danach muss ich Hartz IV beantragen“, erläutert er. „Wie so viele seiner Kollegen“, ergänzt Helmer. Auch ohne Pandemie müssten viele Schauspieler immer wieder Hartz IV beantragen, weil sie nicht die 360 Arbeitstage innerhalb von zwei Jahren zusammenbekämen, die für die reguläre Arbeitslosenunterstützung nötig seien.

          Schneider spielt mit dem Gedanken, jetzt ganz nach Frankfurt zu ziehen: „Zumal ich ja immer wieder hier auftrete.“ Wohnungssuche in Frankfurt? Zumindest könne er damit aber die leere Zeit sinnvoll füllen. Bis zum 20. Juni hätte er bei Helmer gespielt, danach bis in den Oktober im Grenzlandtheater Aachen: „Das hat noch nicht abgesagt.“

          Auf Abonnenten ist Verlass

          Helmer fürchtet auch um die anderen Privattheater. Überhaupt denkt er mit Sorge an ein „Theatersterben“. Wenigstens kann er sich auf seine Abonnenten verlassen. Er erhalte rührende Mails: „Wir bleiben Ihnen treu.“ Oder: „Wir vermissen Sie so.“ Oder: „Wir haben nichts mehr zu lachen.“ Das tröstet über manches hinweg und macht Mut. Und doch: „Ich habe schlaflose Nächte. Ich sehe momentan keine Lösung. Wir hoffen, dass die Politiker uns helfen.“

          Er könne seinen Abonnenten nur das Jahresprogramm schicken, aber keine Zahlscheine: „Weil ich nicht weiß, ob und wann ich wieder spielen kann.“ Viele Abonnenten und Vorkäufer haben auf die Rückerstattung ihrer Kosten verzichtet, um die beiden Theater zu unterstützen. Von der Stadt erhält Helmer auch einen jährlichen Zuschuss: 547.000 Euro für die ,Komödie‘ und 675.000 Euro für das Rémond Theater. „Davon muss ich jeweils 200.000 Euro Miete abziehen“, rechnet er vor.

          Noch immer ist er der alte Kämpfer: „Ich habe die ,Komödie‘ mit 486.000 Mark Schulden übernommen und das Rémond Theater mit 2,3 Millionen Mark Schulden. Ich habe die ,Komödie‘ auf eigene Kosten neu gebaut. Ich werde auch diese Krise überstehen.“ Zumal er im nächsten März sein 65. Bühnenjubiläum feiern will. Nun setzt er seine Hoffnung auf Bund und Land. Immerhin war er schon beim Friseur. Schneider war dort zuletzt im Dezember. Aber einen Zopf kann er sich auch noch nicht flechten.

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