https://www.faz.net/-gzg-8p2ho

Frankfurter Neuinszenierung : Vom Despoten zum traurigen Clown

  • -Aktualisiert am

„Xerxes ist ein innerlich Zerrissener“: Regisseur Tilmann Köhler (links) und der Dramaturg Zsolt Horpácsy Bild: Cornelia Sick

Sehnsucht nach Zuwendung und Beständigkeit: Der Regisseur Tilmann Köhler und der Dramaturg Zsolt Horpácsy über die Frankfurter Neuinszenierung von Händels Oper „Xerxes“.

          Es ist einer der großen Hits aus der Feder Georg Friedrich Händels, häufig bearbeitet und zu finden etwa in Sammelbänden mit leichten Stücken, auch gern gespielt von Anfängern auf dem Klavier: Das sogenannte „Largo“ aus der Oper „Xerxes“, eigentlich eine mit „Larghetto“ überschriebene Arie der Titelfigur. Der Perserkönig singt sie gleich zu Beginn, gedankenversunken an einen Baum, eine Platane, gewandt: „Ombra mai fù“ („Nie war der Schatten einer Pflanze lieblicher, angenehmer und süßer“). Für den Regisseur Tilmann Köhler, der mit „Xerxes“ nun schon seine dritte Händel-Oper in Frankfurt inszeniert, zeigt sich der Titelheld da so ehrlich wie später im ganzen Stück nicht mehr.

          Guido Holze

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Zum Ausdruck komme in der berühmten Arie die Sehnsucht dieser sehr einsamen Figur nach Zuwendung und Beständigkeit. Allerdings sei Xerxes innerlich zerrissen. Er sei ein Despot, wie es sie heute auch wieder vermehrt gebe. Einer, der seine Macht auch im Privaten missbrauche und glaube, sich einfach alles nehmen zu können, ja sogar dem Bruder die Frau ausspannen zu dürfen. So hat Xerxes die Prinzessin Amastre verlassen und will nun die Hauptmannstocher Romilda heiraten, die aber seinen Bruder Arsamene liebt.

          Eine Zeit der Korruption und politischen Skandale

          Auf Basis dieses Plots entwickelt sich „eine turbulente Tragikomödie“, wie es der Dramaturg Zsolt Horpácsy nennt. Xerxes werde darin Stück für Stück demontiert. Durch seine größenwahnsinnige Art entgleite ihm seine Macht. „Xerxes entwickelt sich vom Despoten zum traurigen Clown“, führt Köhler aus. Die politischen Verhältnisse blieben bei alldem unbeachtet. Die wichtigen Entscheidungen über Kriege würden in diesem „Kammerspiel“ mit sieben Personen wie nebenher getroffen.

          So werde eine historische Figur mehr oder weniger karikiert und zugleich Kritik am herrschenden Adel geübt, erläutert Horpácsy. Denn die Jahre von 1721 bis etwa 1741 seien in England eine Zeit der Korruption und politischen Skandale gewesen, in die viele Adelige verstrickt gewesen seien. „Händel war also sehr mutig gewesen, als er dieses Werk 1738 in London auf die Bühne gebracht hat.“ Dass es ein Flop geworden sei, habe wohl auch damit zu tun, dass es für die Adeligen so unangenehm gewesen sei.

          Überhaupt sei „Xerxes“ eine sehr untypische Händel-Oper. Die Figuren darin sind viel genauer „auserzählt“ als in den anderen beiden Opern Händels, die er in Frankfurt in Szene gesetzt hat, findet Köhler. Das Frühwerk „Teseo“, das in der Inszenierung des damaligen Hausregisseurs am Staatsschauspiel Dresden 2013 im Bockenheimer Depot zu sehen war, habe mit einer kruden Handlung noch eher zweidimensionale Gestalten gezeigt.

          Ein Bühnenraum, der eng an den Zuschauerraum anschließt

          Die Opera seria „Radamisto“, die im März 2016 in der Oper Frankfurt Premiere hatte und aus der mittleren Schaffensperiode Händels stammt, sei unterdessen so etwas wie ein großer Kino-Blockbuster im Breitwand-Format gewesen, dabei sehr formstreng. Mit „Xerxes“, der vierzigsten und zugleich drittletzten Oper des Komponisten, löse sich die Form nun wieder auf, indem etwa auf die üblichen Da-capo-Arien verzichtet werde.

          Motor der Handlung ist nach Ansicht Horpácsys das Misstrauen aller untereinander. Die Figur des Arsamene etwa sei ganz aus der Rivalität zu Xerxes heraus entwickelt: „Er empfinde große Angst gegenüber seinem Bruder und äußert gar den Gedanken, ihn umzubringen.“ Zugleich gebe es bei Arsamene eine „selbstmitleidige Seite“ und Todessehnsucht. Beide Partien sind eigentlich für Kastraten bestimmt. Doch wird in Frankfurt Arsamene von dem Countertenor Lawrence Zazzo gespielt, Xerxes aber von der Mezzosopranistin Gaëlle Arquez. So bekomme die Rivalität noch mehr seltsame Spannung.

          Von Missgunst ist ebenso das Verhältnis der Schwestern Romilda und Atalanta geprägt, die beide den Königsbruder Arsamene lieben. Eine Zeitlang spiele Romilda wohl damit, dass sich der mächtige Xerxes für sie interessiere, sagt der Dramaturg. Als der jedoch Arsamene verbanne und so seine politische Macht im Privaten missbrauche, sei ihre Ablehnung klar. Wie ein „Deus ex machina“ tauche am Ende die verlassene Braut Amastre auf, als Soldat verkleidet, und führe in wenigen Sekunden das glückliche Ende, das lieto fine, herbei, so Horpácsy.

          Ihre ehrlichsten Momente hätten alle Figuren, wenn sie aus dem Spiel gewandt zum Publikum sprächen, meint Köhler. In ihrer Einsamkeit, mit dem Kreisen um sich selbst und mit ihrem großen Schmerz hätten sie dabei „viel mit uns zu tun“. Die Zuschauer sollten sich in ihnen entdecken. So sei für die Produktion ein Bühnenraum entworfen worden, „der eng an den Zuschauerraum anschließt“. Ohne eindeutige Zuordnung sei die Handlung zudem aus dem alten Persien heraus in die Gegenwart verlagert worden.

          Aufführungen von „Xerxes“

          Die Premiere in der Oper Frankfurt beginnt unter der musikalischen Leitung von Constantinos Carydis am Sonntag um 18 Uhr. Weitere Vorstellungen folgen am 12., 15., 18., 21., 26. und 29. Januar.

          Weitere Themen

          Revival der Föhnfrisur

          „Saturday Night Fever“ : Revival der Föhnfrisur

          Am Premierenabend riss es bei der Zugabe mit „Stayin’ alive“ alle in der Wasserburg von den Sitzen. „Saturday Night Fever“ bei den Burgfestspielen Bad Vilbel.

          EKG für unterwegs Video-Seite öffnen

          Infarkt oder nicht? : EKG für unterwegs

          Eine App fürs Handy und ein Kabel mit Elektroden - Cardiosecur hat ein mobiles EKG entwickelt. Gründer und Geschäftsführer Markus Riemenschneider erklärt im Video, wie das Ganze funktioniert.

          Topmeldungen

          TV-Duell für Tory-Vorsitz : „Wo ist Boris?”

          In einer lebendigen Debatte stellen die Kandidaten für den Vorsitz bei den britischen Konservativen unter Beweis, wie groß das Arsenal präsentabler Politiker der Tory-Partei noch ist. Boris Johnson bleibt der Runde fern – und ein anderer sticht heraus.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.