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Daniel Hollow Horn Bear : Das Lederhemd der Lakota kehrt heim

Nachfahren: Duana Hollow Horn Bear mit Gattin Elsie (links) und dem Lederhemd, das sie nun zurückerhalten Bild: Weltkulturenmuseum

Im Frankfurter Weltkulturenmuseum lag lange ein Lederhemd eines Lakota-Chiefs. Nun hat es das Museum aus moralisch-ethischen Gründen dem Urenkel des ursprünglichen Besitzers überlassen.

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          Als Duane Hollow Horn Bear das Lederhemd endlich vorsichtig anfasst, ist ihm die Rührung anzusehen: Es sei, als halte er seinen Urgroßvater an der Hand, sagt der weißhaarige Mann in der Filmsequenz. Jahrelang hatte er nach dem historischen Lederhemd gesucht, das einst im Besitz des politischen Führers der Teton Lakota, Chief Daniel Hollow Horn Bear, war, und ihm, dem Urenkel, am 12. Juni, vom Frankfurter Museum der Weltkulturen schließlich zurückgegeben wurde.

          Katharina Deschka
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Nach Frankfurt habe Chief Duane Hollow Horn Bear wegen der Pandemie nicht kommen können, berichtete am Donnerstag die Direktorin des Weltkulturenmuseums, Eva Raabe, als sie die erste Repatriierung eines Gegenstands ihres Museums vorstellte. Dem Moment der glücklichen Rückführung seien Monate der Recherchen, Gespräche und Abwägungen vorangegangen. Begleitet worden sei die Rückführung unter anderem vom amerikanischen Generalkonsulat in Frankfurt. Von einem wichtigen Dialog zwischen Museen und indigenen Gemeinschaften sprach Generalkonsulin Patricia Lacina.

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          Die Frage, ob das historische Hemd als Teil der städtischen Sammlungen zurückgegeben werden dürfe, habe auch eines politischen Entscheidungsprozesses bedurft, sagte Raabe. Dabei sei jedoch von Anfang an klar gewesen, dass sich ihr Haus und die Stadt der Debatte um die Dekolonialisierung von Museen und der Forderung nach Restitution von Objekten stellten.

          Aus moralisch-ethischen Gründen

          Die Provenienzforschung sei eine der großen Herausforderungen der Museen des 21. Jahrhunderts, und die Frankfurter Museumslandschaft nehme diese Herausforderung seit Jahren sehr ernst und unterziehe ihre Sammlungen einer systematischen Revision, ließ Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD), die selbst nicht kommen konnte, ausrichten. Die Rückgabe des Lederhemds an Chief Duane Hollow Horn Bear sehe sie als Verpflichtung, die schwerer wiege als die formaljuristische Sachlage. Denn die Rückkehr sei für den Chief und seine Familie wie die Rückkehr des Urgroßvaters selbst.

          Museum und Stadt hätten sich aus moralisch-ethischen Gründen für eine Repatriierung entschieden, es habe keine Unrechtmäßigkeit des Erwerbs nachgewiesen werden können, sagte Raabe. Ganze 113 Jahre lang ist das Kleidungsstück im Besitz des Museums der Weltkulturen gewesen. 1908 hatte das Museum das Hemd vom American Museum of Natural History im Tausch erworben. Dieses wiederum hatte es 1906 als Teil einer großen Sammlung des New Yorker Millionärs, Sozialisten und Philanthropen James Graham Phelps Stokes (1872–1960) erhalten. Unter welchen Umständen das Hemd aus dem persönlichen Besitz des Chiefs in die Sammlung Phelps Stokes gelangt sei, lasse sich jedoch nicht mehr rekonstruieren, sagte Mona Suhrbier, Kustodin für Amerika des Museums der Weltkulturen.

          Chief: Daniel Hollow Horn Bear auf einer um 1900 entstandenen Aufnahme, er trägt sein Lederhemd, das nun seinen Nachfahren übereignet wird
          Chief: Daniel Hollow Horn Bear auf einer um 1900 entstandenen Aufnahme, er trägt sein Lederhemd, das nun seinen Nachfahren übereignet wird : Bild: Weltkulturenmuseum

          Sie berichtete davon, wie Chief Duane Hollow Horn Bear das Lederhemd vor zwei Jahren nach langer Suche endlich im Offenbacher Ledermuseum entdeckte, wo es als Dauerleihgabe des Museums der Weltkulturen präsentiert wurde. Er habe gebeten, dass man ihm das Hemd zurückgeben möge, bei einem Besuch 2019 im Frankfurter Weltkulturenmuseum sah er das Hemd dann wieder – man hatte es extra aus Offenbach bringen lassen. Seine Ansprüche konnte der Chief mit einer Aufnahme des Fotografen John Alvin Anderson von 1900 belegen, die seinen Urgroßvater in dem Hemd zeigt. Das Hemd trage außerdem spezielle Muster aus bunten Glasperlen und Frauenhaar, die zweifellos der Familie Hollow Horn Bear zuzuordnen seien, erläuterte Suhrbier.

          Das Kleidungsstück stelle für die indigene Gemeinschaft der Teton Lakota ein kulturell spezifisches, identitätsstiftendes Objekt von religiöser Bedeutung dar. Dieses Hemd und seine Rückführung erinnerten daran, dass in einem Gegenstand mehr stecke als das reine Material, sagte Raabe. Der Wert sei 2009 auf 15 000 Euro geschätzt worden, doch es stelle sich die Frage, wie man einen kulturhistorischen Wert angemessen zum Ausdruck bringen könne. „Diese Dinge repräsentieren Menschen.“ Daher bleibe ihrem Haus viel, auch wenn das Hemd fortgegeben werde. „Uns bleibt ein neu gewonnener Dialog. Wir gewinnen das Vertrauen der Urhebergesellschaft. Es ist ein ideeller Wert entstanden.“

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