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Die Ausstellung „Museum“ : Wenn die Kunst uns erwischt

Die Viagra Paintings von Pamela Rosenkranz Bild: Frank Röth

Transformationen, Metamorphosen und die Auflösung der Geschlechterrollen: Im Frankfurter Museum für Moderne Kunst ist die Ausstellung „Museum“ zu sehen. Sie fragt auch nach den Möglichkeiten dieser Institution.

          2 Min.

          Die Arbeiten sind sorgsam plaziert. Und sparsam verteilt. Der Kunst der Reduktion sind nicht nur viele der hier versammelten Objekte, Bilder, Installationen, Videos verpflichtet, auch der kuratorische Zugriff übt sich in Askese. Konzentration ist erwünscht. Ein unvoreingenommener Blick. Die Werke können sich entfalten, ohne dass sie sich gegenseitig ins Gehege kämen, die Idee eines Dialogs zwischen ihnen scheint jener von einer notwendigen Vereinzelung gewichen zu sein.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Als sollten großzügige Hängung und zurückhaltendes Arrangieren allein schon andeuten, dass es hier um ein ästhetisches Durchatmen geht, um die Offenheit, die nötig ist, jenseits von Zeitgeist und alltäglichen Zwängen die Phänomene von unterschiedlichen Perspektiven aus zu betrachten. Um Freiheit und Autonomie, um einen Ort, an dem vorgegebene Meinungen nichts gelten, wo die Sachen befragt und bedacht werden, wo Dinge und Deutungen Platz haben, die sonst zu kurz kommen oder nicht gesehen und nicht gehört werden.

          Keinen Sinnzusammenhang erzwingen

          Das Museum als Freiraum, als Ort, wo sich das Denken von Gegenwart auf andere Art und Weise entfalten kann als in der realen und medialen Alltagswirklichkeit: Dieser grundlegenden Haltung entspricht die offene Form der Ausstellung mit dem lapidaren Titel „Museum“, die jetzt im Hauptgebäude des Museums für Moderne Kunst und im gegenüberliegenden Zollamt zu sehen ist. Als Kritik an der Institution versteht sich die Präsentation nicht, wie MMK-Direktorin Susanne Pfeffer das Publikum wissen lässt. Vielmehr gehe es um die Möglichkeiten, die so ein Haus biete. Das bleibt etwas vage, aber womöglich ist das auch gut so. Denn es kommt womöglich erst einmal darauf an, die Bedeutungen in der Schwebe zu lassen. Und keinen Sinnzusammenhang zu erzwingen.

          Neben Werken aus der Sammlung sind Leihgaben zu sehen, und besondere Aufmerksamkeit verdienen zwei eigens für die Raumsituation im „Tortenstück“ geschaffene Werke, die beide sowohl mit dem spezifischen Ort als auch mit dem Museum an sich zu tun haben. Anne Imhof hat in einen der spitz zulaufenden Dreiecksräume des Hans-Hollein-Baus ein architektonisches Element eingebaut, das dem Boden ihrer preisgekrönten Biennale-Arbeit von 2017 gleicht. Es handelt sich um eine Stahlfassung, auf der großformatige Glasscheiben angebracht sind, einen technisch anmutenden Einbau, eine durchaus brutale Setzung, ein Objekt, das die herkömmliche Ordnung im Museum gleichsam auf den Kopf stellt.

          Die Vulva im Zentrum

          Jana Euler hat für das zentrale Treppenhaus ein Triptychon geschaffen, das keinen Zweifel daran lässt, dass sie sich in erster Linie als Malerin versteht, das aber auch mit einem Relief in den Raum ausgreift und zusammen mit der Architektur, deren Farbe, Weiß, und Materialität aufgenommen wird, eine irritierende, so schöne wie beunruhigende Symbiose eingeht. Dass der Museumsdirektorin besonders an weiblichen Perspektiven gelegen ist, dürfte jedem mittlerweile klar sein, und da nimmt sich die Vulva im Zentrum von Eulers Arbeit nachgerade programmatisch aus. Die malerische Reflexion des Museums und das Selbstbildnis der Künstlerin ergänzen sich zu einem als Körper begreifbaren Ganzen. Durch die sparsame Farbgebung erhält diese Arbeit aber auch etwas Transparentes, schwer zu Fassendes. Schon der Beginn dieser Ausstellung in der großen Halle hat freilich etwas Unfassliches. Ryan Ganders „Looking for something that has already found you (The Invisible Push)“ besteht aus nicht mehr als einem Windhauch, den der Besucher verspürt, wenn er den Ausstellungsraum betritt. Wo er Kunst erwartet. Die ihn als Luftzug bereits erwischt hat. Neben minimalistischen Werken wie denen von On Kawara liegt ein Schwerpunkt auf Videoarbeiten: In Li Liaos Film etwa geht es eigentlich um die Passanten, die den auf dem Boden schlafenden Künstler beobachten. Und ihre Verwirrung zeigen. Und dann wären da noch die Tiere. Unser Umgang mit ihnen wird ebenfalls thematisiert.

          Die Ausstellung „Museum“

          MUSEUM bis 16. Februar 2020. Frankfurt, Museum für Moderne Kunst und Zollamt, Braubachstr. Öffnungszeiten: Di, Do bis So 10 bis 18 Uhr, Mi 10 bis 20 Uhr

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