https://www.faz.net/-gzg-9tlnt

Geschichten im Mousonturm : Süchtig nach guten Gesprächen

Hört zu und bringt zum Reden: Mats Staub 2018 im Mousonturm. Bild: Benno Seidel

Seit 15 Jahren arbeitet Mats Staub als Erinnerungskünstler. Nun gastiert er mit seiner wundervollen Theaterinstallation „Death and Birth in My Life“ am Frankfurter Mousonturm.

          3 Min.

          Nichts gewöhnlicher und nichts zugleich außergewöhnlicher als Geburt und Tod. Mit dieser simplen Idee fängt es an. Und wir hören Juliane und Wolfgang zu oder Emily und Lisa, die vom Tod ihrer Väter, der Geburt der Lieblingsnichte oder der Oma erzählen, deren Immer-weniger-Werden sie seit Jahren begleiten.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Nichts weiter. Und doch sitzen immer fünf Personen mit Kopfhörern gemeinsam um einen Doppelbildschirm, auf dem zwei Leute zu sehen sind, die einander wechselseitig zuhören. Und sitzen dabei so ruhig da, wie sonst selten gesessen wird im Theater. Wir lauschen und schauen, das Gehörte löst Erinnerungskaskaden aus in jedem, der zusieht. Oft darf und muss man lachen, bisweilen weinen, vorherzusehen ist es nicht. Eine knappe Stunde dauert jedes der beiden Gespräche eines Abends, auf den bunten, an Bauhausmöbel erinnernden Sesseln und Stühlen, die auf kreisrunden kuscheligen Teppichen stehen. Auch das Foyer des Frankfurter Mousonturms ist mit diesen sympathischen und farbenfrohen Möbeln ausgestattet, und in der Pause warten Brot und Wein, Wurst und Saft auf diejenigen, die zugehört haben. Was wie ein Gag klingt, ist wesentlich für das Funktionieren des Ganzen.

          Geschichten, die sich lohnen

          „Death and Birth in My Life“ heißt die jüngste Arbeit des Schweizers Mats Staub, der nicht zum ersten Mal in Frankfurt zu Gast ist. Projekte wie „21“, in dem sich Leute jeden Alters daran erinnern, wie es war, erwachsen zu werden, mit 21, oder „Zehn wichtigste Ereignisse meines Lebens“ waren im Mousonturm und im Historischen Museum schon zu erleben. Nun ist, über einen ungewöhnlich langen Zeitraum, die Video-Installation über Geburt und Tod im Angebot. Und ist genau richtig in einem Haus der darstellenden Künste.

          Staub, Jahrgang 1972, bringt Leute zu sich, nicht nur diejenigen, denen er anhand kluger Fragen ermöglicht, über Dinge nachzudenken, die ihnen vielleicht wenig präsent waren, sondern auch diejenigen, die sich diesen meist wildfremden Personen widmen, ihnen zuhören und selbst über die Fragen nachdenken, die von ihm gestellt wurden. So entsteht so etwas wie eine Weltgeschichte in Bruchstücken, „von unten“, denn schnell wird klar, dass alle stets auch von den Großwetterlagen der Welt berührt werden. Es gehe ihm um Imagination und Erinnerung, sagt er: „Jeder Mensch ist Zeitzeuge und hat eine Geschichte, die sich lohnt, gehört zu werden.“

          Staubs zugewandte, zutiefst menschenfreundliche Arbeiten funktionieren auf Festivals in Kunstgalerien ebenso wie in Museen. Und im Theater, das stets der Hauptort für seine Arbeiten gewesen ist, nicht zuletzt, weil er am Anfang seiner Karriere Dramaturg war: „Die Idee ist, wie um ein Lagerfeuer herum zu sitzen. Es gibt sechs dieser Feuerstellen, um die sich maximal fünf Menschen gruppieren können. Also an einem Abend maximal 30 Leute.“ Die Erfahrung habe gezeigt, dass das Publikum das Angebot sehr dankbar annehme, noch einmal wiederzukommen. „Am Mousonturm geht das jetzt“, sagt Staub – dank der langen Laufzeit.

          Durch das Bühnenbild, denn nichts anderes ist die Ausstattung samt Speisen, geht das, was an den Videos fasziniert, nahtlos über in ein Gespräch mit Wildfremden, die sich austauschen über das, was sie gerade gesehen haben, die untereinander beginnen, über Leben und Sterben zu sprechen. Staubs Vorstellung, es solle sich jeden Abend eine „temporäre Gemeinschaft“ bilden, geht auf. Das Teilen, auch an einem Ort wie dem Theater, an dem es nicht oft praktiziert wird, sondern jeder nach der Vorstellung seiner Wege geht, ist Staub ungeheuer wichtig.

          Im Grunde ist alles, was er seit gut 15 Jahren als Künstler macht, ein solches Teilen. Staub könnte man einen Erinnerungskünstler nennen, er sammelt, in verschiedenen Themenprojekten, die Erinnerungen, Erlebnisse und Interpretationen unterschiedlicher Gesprächspartner auf der ganzen Welt. Und wenn er, wie zum Beispiel gerade in Spanien, „21“ erstmals präsentiert, sammelt er gleich wieder neue Interviews, die jedes seiner mehr als ein Dutzend Projekte zu einem wachsenden Langzeitvorhaben werden lassen, das reifen kann und durch seine Internationalität auch interkulturelle Perspektiven öffnet. Manche seiner Arbeiten laufen als Loop in Museen, werden Bücher oder, so wie jetzt, ein quicklebendiges, warmherziges Theatererlebnis, das geradezu ein Gegenentwurf ist zu dem anonymen und oft leblosen Meinungsgeschmetter in der digitalen Welt.

          Persönlicher Anlass

          „Ich bin auf eine Art süchtig nach guten Gesprächen. Wenn es ein gutes Gespräch gibt, ist es wunderbar, dem beizuwohnen. Der Aspekt, Gespräche zu führen, ist einfach schön“, sagt Staub schlicht: „Ich brauche immer einen biographischen Punkt, etwas, das für mich eine brennende Frage ist. Wenn die dann nicht mehr brennt, muss ich aufhören. Zum Beispiel habe ich mal ein Projekt über Großeltern begonnen, und nach 300 Gesprächen habe ich gemerkt, jetzt mag ich nicht mehr Oma und Opa hören. Dann muss ich eine Pause machen.“ Was aber nie bedeuten muss, dass eines seiner Projekte, sie touren durch alle Welt, für immer beendet ist. Und auch die Themen gehen ihm anscheinend nicht aus. „Ich habe oft gedacht, bald ist’s vorbei, aber es geht immer irgendwie weiter“, sagt er: „Gerade bin ich ziemlich entspannt.“

          Auch „Death and Birth in My Life“ hatte einen autobiographischen Anlass: Staubs geliebter Bruder war gestorben, und er merkte, dass es schwer war, den Schmerz zu teilen. So hat er nach einer Form gesucht. Bislang 67 lange Gespräche sind zu Geburt und Tod entstanden, „Ich gebe zu, das Bearbeiten ist echt anstrengend. Aber es muss sein, damit es für das Publikum funktioniert“, sagt Staub. In die Chronologie des Gesprächs greift er, anders als bei anderen Projekten, nicht ein, aber er editiert es nach Kriterien, die er sich vorher ausgedacht hat, und wählt für jeden Ort eine eigene Präsentationsform. Wichtig sei ihm, dass diejenigen, die teilnehmen, eine gute Erfahrung machten. Und das gilt, wie jetzt zu erleben ist, nicht nur für die auf dem Bildschirm.

          „Death and Birth in My Life“ ist am 23. sowie vom 25. bis 28. November und vom 12. bis 18. Dezember von jeweils 19.30 Uhr an im Mousonturm zu erleben.

          Weitere Themen

          Kino der heimlichen Rekorde

          Labia Theatre in Kapstadt : Kino der heimlichen Rekorde

          Das Labia in Kapstadt ist ein besonderes Lichtspielhaus. Filme laufen hier auch mal fast ein Jahr lang. Das Kino, in dem jeder Besuch zu einer kleinen Zeitreise wird, behauptet sich seit 70 Jahren – gerade deswegen.

          Topmeldungen

          SPD unter neuer Führung : Auf Linkskurs

          Unter Esken und Walter-Borjans wird die SPD einen Linkskurs einschlagen, mit dem sie vor die „Agenda 2010“ zurückfällt. Damit gibt sie allerdings auch den Anspruch auf die „Mitte“ auf.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.