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Frankfurter Lyriktage : Bescheidenheit lernen

  • -Aktualisiert am

Vertont: Gedichte und Musik gehören bei den Frankfurter Lyriktagen zusammen. Dies bewies das Orange Peel bei „textandbeat“ (Archivbild). Bild: Dreisen, Linda

Natur, Popmusik und der Tod: Bei den vierten Lyriktagen, die noch bis Samstag laufen, beschäftigen sich Dichter mit Gegenwartsgedichten - auch in ihrer musikalischen Form.

          Die Luft in der Studiobühne des Künstlerhauses Mousonturm ist schon nach wenigen Minuten unerträglich stickig. Wie in einer Sauna sei es, beschwert sich ein älteres Paar, noch ehe es richtig losgegangen ist.

          Rund einhundert Zuschauer haben sich eng zusammengedrängt, es gibt nicht genug Sitzplätze für alle. Gleich treten Michael Krüger und Jan Wagner auf, und obwohl alle es kaum abwarten können, der bulligen Hitze später wieder zu entkommen, verlässt in den folgenden anderthalb Stunden kaum jemand vorzeitig den Raum. Alle schwitzen und lauschen gebannt den Versen der beiden Dichter über Flohkraut, Stechmücken oder Bäume. Es sind „Gedichte über Kleinigkeiten“, sagt Wagner, „die aber doch, wenn man sie nur lang genug betrachtet, das Große in sich tragen“.

          Elf Tage lang an 21 Orten

          Wer sich auf den diesjährigen „Frankfurter Lyriktagen“ umschaut, erlebt viele Szenen wie diese. Die besten Plätze sind am ersten Wochenende des Festivals oft schon eine Viertelstunde vor Beginn belegt, wer zu spät kommt, muss stehen. Die mittlerweile vierte Ausgabe des vom Frankfurter Kulturamt alle zwei Jahre organisierten Festivals ist zugleich eine Neuauflage. 2013 waren die „Lyriktage“ zugunsten des Romantikkongresses im Frankfurter Kunstverein ausgefallen. Nun ist die Poesie zurück in der Stadt, mit 23 Veranstaltungen an elf Tagen und 21 Orten in und um Frankfurt.

          Mildere Temperaturen als im Mousonturm herrschen zu Beginn des Wochenendes auf einer Podiumsdiskussion über deutsche Popmusik in der Glasveranda der Städelschule. Auf der Bühne die Liedermacher Bernd Begemann und Maike Rosa Vogel sowie der Frankfurter Germanist Heinz Drügh. Im Gespräch mit Jan Wiele, Redakteur im Feuilleton dieser Zeitung, geht es in weitem historischem Bogen von der Nachkriegszeit über die Neue Deutsche Welle und die von Begemann mitbegründete Hamburger Schule bis in die Gegenwart.

          „Das Lied ist gepimpte Lyrik“: Liedermacher Bernd Begemann war zu Gast bei den Frankfurter Lyriktagen, hier bei einem Konzert (Archivbild).

          Warum auf einem Lyrikfestival über Popmusik gesprochen wird, danach fragt an diesem Abend ernsthaft niemand. „Das Lied ist gepimpte Lyrik“, witzelt Begemann. Und Drügh stellt fest, Popmusik sei eben nicht nur Wortkunst, sondern habe mehr mit dem musikalischen Hörerlebnis und den dabei unmittelbar empfundenen Gefühlen zu tun. Im Gegensatz zu aktueller Lyrik, die sich oft in komplexen, akademischen Diskursen bewege, müsse Pop zuallererst verständlich und unterhaltsam sein. Dazu Begemann: „Wir Popmusiker brauchen den Zuspruch der bierseligen Plebs.“

          Von Vogels und Begemanns Qualitäten als Songschreiber und Unterhalter können sich die Zuschauer anschließend überzeugen. Wie beide mal laut, mal leise mit dem Publikum kokettieren und dabei erbarmungslos ehrliche Lieder über den Alltag und die Liebe vortragen, ist großartig und genau so, wie Vogel in ihren Liedern singt: verzweifelt, aber tröstend, klug und ein bisschen verdorben.

          Lesungen wie eine Explosion

          Eines anderen Bühnenvirtuosen wird einen Tag später in der Ausstellungshalle an der Schulstraße gedacht: des Dichters Thomas Kling, der in den neunziger Jahren einer der einflussreichsten Vertreter experimenteller Lyrik war und 2005 an Lungenkrebs starb. Mit dem Dichter Marcel Beyer und Hans Jürgen Balmes, Programmleiter für internationale Literatur bei S. Fischer, sitzen zwei enge Weggefährten Klings auf der Bühne. Gemeinsam mit dem Germanisten Peer Trilcke schreiten sie die wichtigsten Lebensstationen des Freundes ab - vom Bücherschrank des Großvaters in Düsseldorf über Etappen in Wien und Köln bis hin zu Klings letztem Wohnort, der Raketenstation Hombroich.

          Die Erzählungen werden durch Videos und Tonaufnahmen von Klings Lesungen untermalt, auf denen er seine Gedichte nicht einfach vortrug, sondern so gewaltig intonierte, dass ein wogendes Stimmenkonzert entstand. Klings Lesungen seien wie eine Explosion gewesen, sagt Balmes. In einer literarisch eher biederen Zeit sei er „mit Vollgas und ganzem Körpereinsatz für die Lyrik als mediales Ereignis“ eingetreten.

          Besonders legendär: Klings Auftritte mit dem Jazzschlagzeuger Frank Köllges, die auf dem jetzt bei Lilienfeld erschienenen Hörbuch „Die gebrannte Performance“ nachzuhören sind.

          Am Ende des Abends spielt Balmes Ausschnitte aus einem Gespräch mit Kling vor, das er ein knappes Jahr vor dessen Tod aufgezeichnet hat. Klings Stimme ist zu diesem Zeitpunkt nur mehr ein Flüstern. „Das Fragment ist das heile Teil der Moderne“, hört man ihn sagen. Und weiter: „Wenn man seinen Frieden damit macht, dass man über das Fragment gar nicht hinauskommt, weil abschließbar nichts zu machen ist, das lehrt einen auch Bescheidenheit, und das sollte man früh genug lernen.“

          Lyriktage

          Die Frankfurter Lyriktage enden am 20. Juni. Die „Lange Nacht der Lyrik“ findet am 20. Juni von 18 Uhr an aufgrund der hohen Nachfrage nicht im Neubau des Historischen Museums, sondern in der Evangelischen Stadtakademie statt.

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