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Über Zukunft und Herkunft : Wer hat Angst vor der Wohnungslosigkeit?

Auf Neufundland zur Autorin geworden: Sharon Bala war eine unter zehn Schriftstellern, die im Frankfurter Literaturhaus berichteten Bild: Nadra Ginting

Wie geht das, Schreiben ohne festen Ort? Im Frankfurter Literaturhaus sprechen zehn Autoren über Zukunft und Herkunft.

          3 Min.

          Sharon Bala ist auf Neufundland zur Autorin geworden. Vor zehn Jahren ist sie auf die große Insel vor Kanadas Ostküste gezogen: „Die Winter sind lang.“ In ihrem Debüt „The Boat People“, zu Hause ein großer Erfolg, der zum kanadischen Gastlandauftritt auf der Frankfurter Buchmesse im September auch auf Deutsch herauskommt, schildert sie das Schicksal von 500 tamilischen Flüchtlingen, die im August 2010 an der Küste von Vancouver Island ankamen. Auch Balas Familie stammt aus Sri Lanka, gelangte aber schon 1986 nach Kanada, zu einwanderungsfreundlicheren Zeiten. Die Flüchtlinge vom Schiff mussten 24 Jahre später lange auf die Bearbeitung ihrer Asylanträge warten. „Wenn die Würfel ein wenig anders gefallen wären, könnte ich dort sein“, dachte Bala sich: „Ohne den kanadischen Pass, der alles leicht macht.“ Ihr Buch frage danach, was es heute bedeute, kanadisch zu sein, sagt die Autorin, die in Dubai zur Welt kam.

          Florian Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Welche Geschichten erzählen Schriftsteller in einer Welt, in der sie sich immer selbstverständlicher zwischen mehreren Ländern bewegen? Um „Literatur ohne festen Wohnsitz“ ging es am Wochenende im Frankfurter Literaturhaus. Kulturdezernentin Ina Hartwig dankte den Veranstaltern der „Literaturtage“, dem Verein Litprom, der seit 1980 die Übersetzung von Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika ins Deutsche fördert, für vier Jahrzehnte „großartiger Arbeit“: „Dass Sie das von hier aus tun, ist ein Geschenk für unsere Stadt.“

          „Keinerlei Gefühle, wenn ich schreibe“

          Zehn Autoren hatten die Organisatoren eingeladen, vom libanesischen Kanadier Rawi Hage über den Marokkaner Youssouf Amine Elalamy bis zur Japanerin Yoko Tawada. „Ich habe keinerlei Gefühle, wenn ich schreibe“, sagte die in Berlin lebende Autorin, die einst mit der Transsibirischen Eisenbahn zum Germanistikstudium nach Hamburg kam: „Aber die Sprachen haben sehr viele Gefühle in sich.“ Weil es in der Natur jeder Sprache liege, mit Grenzen zu spielen, ergänzte Elalamy, der das Sterben afrikanischer Flüchtlinge auf hoher See schon vor 20 Jahren in seinem Roman „Die Gestrandeten“ beschrieben hat. Offene Grenzen und das Eröffnen von Kommunikationssituationen hätten durchaus etwas gemein: Anschließend gebe es viel zu besprechen. Was für ihn sowohl das wortreiche Schwafeln der Gutmenschen als auch die Parolen von Populisten erklärt: „Wer etwas abwehrt, tut es oft mit wenigen Worten.“

          Das Motto des Festivals hat vor 15 Jahren der Potsdamer Romanist und Komparatist Ottmar Ette geprägt, der es als Untertitel seines Buches „Zwischen Welten schreiben“ verwendete. Seine These, die neue Weltliteratur schreibe nicht länger über Wurzeln („roots“), sondern über Wege („routes“), bejahte die in London geborene, in Nigeria aufgewachsene und in den Vereinigten Staaten lebende Lesley Nneka Arimah ausdrücklich: „Mich interessieren keine Wurzeln. Mich interessiert, wovor ein Autor Angst hat.“

          Ein Haus, zwei Säulen

          Das können Bücher sein wie bei Eduardo Halfon, der zwei von ihnen seit langem meidet: die Tora und das Popol Vuh. Und das als Jude aus Guatemala, dem Land der Maya: „Die beiden Säulen meines Hauses.“ Er stamme aus diesen Werken: „Aber ich muss sie zerstören und wiederaufbauen durch das Schreiben.“ Mit dem Begriff Migrant könne er nichts anfangen, fügte er hinzu. Er denke an seine Kindheit als Jude in der durch und durch katholischen Gesellschaft Mittelamerikas und die Erfahrung der Fremdheit: „Ich durfte zusehen, aber nicht mitspielen.“ Er bevorzuge daher das Wort Nomade: „Du bist immer der Outsider, du bist nie Teil der Kultur und der Koffer ist immer gepackt.“

          Das kennt auch Pedro Kadivar, der als iranischer Teenager nach Frankreich kam, inzwischen aber in Berlin lebt. Er schreibt auf Französisch und Deutsch: „Der Text entscheidet über die Sprache, in der er geschrieben werden möchte.“ Schon Proust habe gesagt, Aufgabe jedes Schriftstellers sei es, eine Fremdsprache innerhalb der eigenen Sprache zu finden. Jede Literatur sei daher eine Art Migration – hinein in die Sprache: „Es geht darum, dass man sich inhaltlich bewegt und auf Reisen geht.“ Man müsse sich bemühen, Halfons Nomade zu bleiben: „Es ist vielleicht eine Art Lebenskunst.“ In ihr übt sich auch die argentinische Comiczeichnerin Nacha Vollenweider, die 2013 mit einem Künstlerstipendium nach Hamburg kam. Ihre Vorfahren waren nach Argentinien ausgewandert, sie wollte es andersherum machen: „Die Gegenreise.“

          Aus einem anderen Grund hin und her ging es für die in Chile geborene Dramatikerin Carmen Aguirre, die als Kind nach Vancouver kam: „Ich wurde als Exilantin aufgezogen.“ Immigranten wollten sich integrieren, Exilanten sehnten sich nach der Rückkehr in eine Heimat, die sie verstoßen habe. „Wer an Kanada denkt, denkt an Margaret Atwood und Alice Munro, nicht an mich“, fügte Aguirre hinzu, die als junge Frau im Kampf gegen Pinochet konspirative Wohnungen in Argentinien verwaltete und Flugzeuge über die Grenze steuerte. Fände sie in Chile ein Auskommen, ginge sie wieder zurück. So aber ist sie froh, ihre Theaterstücke im Buchhandel wenigstens unter den kanadischen Dramatikern eingeordnet zu finden.

          Denn eine gewisse Ratlosigkeit im Umgang mit der Literatur ohne festen Wohnsitz gibt es bei Verlegern, Buchhändlern und Käufern noch immer. Die Leserschaft fordere von Autoren wie ihnen oft, ihre Welt zu erklären, so Arimah. Viel zu oft sage der Leser dem Autor: Du existierst, um mich zu bilden. „Eigentlich eine ziemlich schreckliche Sichtweise.“ Genug Stoff für die nächsten 40 Litprom-Jahre.

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