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Kunst zum Thema Tod : Vom Leib zum Leichnam

Außenwand: Gosbert Gottmann, endlich/Good Old Germany, 2014 Bild: Norbert Miguletz

Wehe, wenn es konkret wird: Im Frankfurter Kunstverein muss sich der Zuschauer den letzten Fragen stellen. Die Schau „Der Tod ist dein Körper“ bietet jedoch viele überraschende Einsichten.

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          Eigentlich will man es gar nicht so genau wissen. Wie es einmal sein wird, wenn dereinst der Tod an unsere Tür klopft. Ob wir warten, bangen, uns erschrecken oder wir im Gegenteil Freund Hein womöglich sehnsuchtsvoll willkommen heißen. Wie oder gar wann wir sterben und warum und was dann wohl mit uns passiert; ob es uns schwerfällt, in jene andere Welt zu wechseln, oder ob man leichten Herzens geht und ob sich die Erde danach überhaupt noch weiter dreht. Und wie der Weg allen Fleisches genau aussieht, wenn uns die Stunde schlägt.

          Christoph Schütte

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Dabei kennen wir die Antwort wo nicht auf die letzten, so wenigstens auf die hier zuletzt gestellten Fragen recht genau. Kehren unglücklich verirrte Seelen, glaubt man einschlägigen Horrorfilmen, schon mal aus dem Reich der Toten wieder, stellt Gunther von Hagens präparierte Leichen wie auf einem Jahrmarkt aus, und gibt es mittlerweile keinen „Tatort“ ohne wenig zimperliche Pathologen und eingehende Leichenschau. Allein, wenn es konkret wird, wenn es uns selbst betrifft, wollen wir davon nichts wissen. Sterben, ließ schon Marcel Duchamp auf seinen Grabstein schreiben, sterben tun schließlich immer nur die anderen.

          Schockierende Arbeiten aus Wachs und Pferdehaut

          Wenn nun der Frankfurter Kunstverein unter dem Titel „Der Tod ist dein Körper“ vierzehn zeitgenössische Positionen zum Thema präsentiert, dann setzt die Schau genau hier an: an der Schnittstelle von Leben, Tod und Sterben, von Leib und Leichnam. Dem Abstraktum des Begriffs werden seine Manifestationen gegenübergestellt sowie jene mal eher vagen, mal präzise konturierten Bilder, die wir uns davon machen. Das ist mal komisch, mal berührend, mal irritierend und mal auch bedenklich nah am Kitsch, nur gleichgültig lässt die von Lilian Engelmann kuratierte Ausstellung den Betrachter nicht.

          Dabei sind es weniger die auf den ersten Blick drastischen, empfindsamere Gemüter auch schon mal schockierenden Arbeiten wie Berlinde de Bruyckeres gewaltige Skulpturen und Installationen aus Epoxidharz, Wachs und Pferdehaut, die den nachhaltigsten Eindruck hinterlassen. Auch nicht die eher lustigen Waldgeister, Mischwesen und Wolpertinger, wie sie die Videos Aujiks bevölkern, denen man sich nicht entziehen kann. Und nicht einmal Thomas Rentmeisters kreisrunder und schon einigermaßen unappetitlicher Haufen Aufschnittpackungen aus dem Kühlregal der umliegenden Supermärkte.

          Vielmehr sind es jene Werke, die weniger etwas auszustellen als zu zeigen trachten, die den Betrachter etwas fühlen lassen, von dem man zunächst kaum zu sagen weiß, was das denn sei. Kaia Hugins äußerst intensive Videoarbeiten etwa, in denen sich die Künstlerin mal in kreisenden Bewegungen selbst einzugraben trachtet, mal Haus und Leuchter, Stuhl und Körper der Performerin ein gespenstisches, präzise choreographiertes Eigenleben zu führen scheinen wie in einem Horrorfilm; de Bruyckeres aquarellierte Zeichnungen auch, in denen sich noch keine Spur von jenem Pathos findet, wie es ihren aktuellen Plastiken bisweilen ablesbar ist, und schließlich und keineswegs zuletzt „51 cuerpos“ von Teresa Margolles. Schon in ihrer Einzelausstellung im Frankfurter Museum für Moderne Kunst vor ein paar Jahren mochte man buchstäblich am eigenen Leib erfahren, was die Kunst der Mexikanerin mit dem Betrachter macht.

          Man glaubt das Chloroform zu riechen

          Dabei wirken ihre minimalistischen Betonkuben, die Aquarelle oder in die Luft gehauchten Seifenblasen und mithin all die teils poetisch, teils spröde Form gewordenen Bilder von Tod und Sterben und Gewalt auf den ersten Blick nachgerade harmlos – bis man um die verwendeten Materialien weiß. Und doch erscheint das Werk der studierten Gerichtsmedizinerin nie respektlos, nie zynisch oder voyeuristisch. Im Steinernen Haus hat Margolles jetzt nichts als einen mehrfach verknoteten Faden hüfthoch durch den ganzen Raum gespannt. Und schon das ist ein stilles, lange nachhallendes Bild.

          Ein Bild freilich, das unvermittelt kippt, sobald man erfährt, dass es sich um Obduktionsfäden handelt. Fast glaubt man mit einem Mal, das Chloroform zu riechen, das getrocknete, hier und da das Garn färbende Blut und andere Körpersäfte, und doch wirkt „51 cuerpos“ statt geschmacklos, kitschig oder gar obszön wie eine stille, eindringliche Totenklage. Ein Requiem, ein „Memento mori“ auch, wie es im Kontext der sehenswerten Schau allenfalls Gosbert Gottmann noch gelingt. Buchstäblich. „Endlich“ hat der vornehmlich als Fotograf bekannte Frankfurter Künstler auf tiefschwarzen Grund geschrieben, in kleinen, zittrigen, eigentümlich schön zu nennenden Buchstaben, wie sie heute allenfalls noch alte Menschen schreiben. Sonst nichts.

          Ein Wort bloß, das nun, in seiner so düster wie verführerisch schillernden Mehrdeutigkeit und ins Monströse aufgeblasen, an der Fassade des Steinernen Hauses und mithin nur einen Steinwurf vom Dom entfernt, für all das stehen mag, was Künstler wie Margolles und de Bruyckere, Taryn Simon oder Omer Fast im Innern des Gebäudes zu verhandeln und in je eigene Form zu bringen suchen. Eine Mahnung den Lebenden, ein Epitaph den Toten, eine Meditation zu Körper, Leib und Seele. „D’ailleurs, c’est toujours les autres qui meurent“: Duchamp, lehrt „Der Tod ist dein Körper“, hat womöglich auch nicht immer recht.

          Die Ausstellung im Frankfurter Kunstverein ist im Steinernen Haus am Römerberg bis zum 6. Juli dienstags bis freitags von 11 bis 19 Uhr, mittwochs bis 21 Uhr sowie am Wochenende von 10 bis 19 Uhr geöffnet.

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