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Frankfurter Kunstverein : Mythen, Märchen und Maschinen

Alltagskunst, Karneval, Liedgut und Nippes: künstlerischer Mehrwert auf dem Frankfurter Weihnachtsmarkt Bild: dpa

Was Musik, Kunsthandwerk und Brauchtum in der Kunst der Gegenwart zu suchen haben, zeigt die Ausstellung „Experimenta Folklore“ im Frankfurter Kunstverein.

          3 Min.

          Wenn das das Christkind wüsste. Dass der Frankfurter Weihnachtsmarkt jetzt, wechselt man für einen Augenblick die Perspektive, nicht mehr nur für süßen Glühwein steht, für Posaunenchor, Zuckerwatte, Kommerz und Scherzartikel, sondern gleichsam als Readymade im öffentlichen Raum fungiert. Als unfreiwilliger Rahmen der Ausstellung, die von heute an im Kunstverein am Römerberg zu sehen ist und unter dem Titel „Experimenta Folklore“ die Rolle von Musik, Brauchtum, Kunsthandwerk und Ritualen in der zeitgenössischen Kunst thematisiert.

          Christoph Schütte

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Zum Glück fehlt der Ausstellung jede Spur von Kitsch, Bratwurstduft und Trachtenseligkeit. Doch nach einem ersten Rundgang ist man fast geneigt, Kurator Tobi Maier beizupflichten: „Der Frankfurter Weihnachtsmarkt ist das größte Performanceprojekt, das wir für die Schau gewinnen konnten.“ In der Tat begegnen dem Betrachter alleweil Alltagskunst, Karneval, Liedgut und Nippes, wie ihn Jeremy Deller und Alan Kane für ihr „Folk Archive“ zusammengetragen haben, oder allerlei Versprechungen aus der Welt der Mythen und Märchen, wie sie Claus Richter mit seinen Gold-, Silber- und Platinhöhlen eingerichtet hat. Es geht also bunt zu im Steinernen Haus, laut, turbulent und überaus lebendig.

          Muntere Folkloreshow

          Dass man als Besucher nie die Übersicht verliert, ist zunächst zwei konzeptionellen Achsen zu verdanken, die der Ausstellung Struktur geben. Während es einerseits fast ein Gemeinplatz ist, dass Pop und Musik in der jungen Kunst seit ein paar Jahren wieder eine große Rolle spielen, verweist andererseits der Titel der Ausstellung auf die „Experimenta“, das Mitte der sechziger Jahre von Karlheinz Braun und Peter Iden initiierte Theaterfestival, das vor bald vierzig Jahren mit Bazon Brock und Joseph Beuys, Lawrence Weiner und Blinky Palermo, Mauricio Kagel und Ernst Jandl Künstler unterschiedlicher Medien und Disziplinen zusammenführte.

          An dieses Konzept knüpft die muntere Folkloreshow bewusst an. Hier aber ist die Kunst die Plattform, auf der sich Malerei, Performance, Musik, Film und Installation am Ende treffen. Wenn es freilich jenseits der Vielfalt der 25 Positionen einen formalen Nenner gibt, auf den sich diese „Experimenta“ bringen ließe, dann ist es das Mittel der Kontextverschiebung. Das gilt für die Bilder unbekannter Hobbykünstler, die Jim Shaw ausgegraben hat, ebenso wie für die Videoinstallation Shimabukus, der ein älteres Kunstprojekt von zwei brasilianischen Straßensängern aufbereiten und an einer Kreuzung in São Paulo dem Publikum musikalisch erzählen lässt.

          Echter und falscher Zauber

          Die Berliner Honey-Suckle Company veranstaltet derweil eine Art Konzert mit diversen selbstgebauten Musikmaschinen, Helmut und Johanna Kandl lassen eine Trachtengruppe in den österreichischen Bergen „Comandante Che Guevara“ singen, als wären wir im „Musikantenstadl“, und Kostüm Total haben ein Bühnenbild für ihre Performance in den Raum gebaut wie für ein Triadisches Ballett des 21. Jahrhunderts, nur in Schwarzweiß. Es sind nicht zuletzt die vergleichsweise schlicht und reduziert daherkommenden Arbeiten, die auf den Punkt bringen, worum es auch geht in dieser anregenden Schau: um das große, nicht immer eingelöste utopische Versprechen, das Pop und Avantgarde im Grunde schon immer verbindet.

          Wenn Michael Dreher die Woodstock-Bühne im Modell präsentiert, während Nicole Wermers’ „Kleiner Saal“ trostlose Tanzvergnügen in Erinnerung ruft, mag man darin das Scheitern des Traums von einer anderen Welt gespiegelt finden. Erledigt aber ist er damit nicht, auch wenn er gerne ironisch gebrochen durch die Kunst geistert wie in Amy Holdens geschmolzener und als Ansammlung von Schüsseln neu in Form gebrachter Plattensammlung oder in den Bildern von Uroš Djuri. Und wenn dieser Künstler, der als Schauspieler und Punkmusiker in den unterschiedlichsten Kontexten zu Hause ist, in seiner Malerei Popsongs, Kippenberger und Oehlen-Brüder zusammenführt, mag man das ungeachtet aller Ironie dennoch als Bekenntnis begreifen.

          Zwar stimmt es schon, dass Punk und Totentanz vorbei sind, Kippenberger längst gestorben ist und die freche wilde Malerei, mit der die Oehlens einst den Kunstbetrieb herausforderten, sich inzwischen ganz wunderbar verkauft. Doch man muss nicht sentimental sein, um diese Bilder auch als Hommage zu lesen an eine Generation, die vor gar nicht allzulanger Zeit noch einmal kräftig auf die Pauke haute und so manchen im Betrieb das Fürchten lehrte. Tempi passati, die Welt ist eine andere. Doch wie der Weihnachtsmarkt mit seinem echten und falschen Zauber bleibt am Ende auch die Kunst, was sie immer war: ein leuchtendes Versprechen.

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