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Frankfurter Kunstverein : Die Macht der Erinnerung: Kurzfilme von Keren Cytter

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Die Erinnerung, meinte Jean Paul, sei das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können. Was aber, wenn sie die Hölle ist, unscharf wird, verblaßt?

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          Die Erinnerung, meinte Jean Paul, sei das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können. Was aber, wenn sie die Hölle ist, unscharf wird, verblaßt, wenn eigene Bilder sich mit fremden mischen, Realität und Fiktion sich überlagern und uns zum Narren hält, wie es dem Wesen dieser treuen und doch äußerst launischen Gefährtin entspricht? Wenn es eine Konstante gibt im bisherigen Werk der jungen Filmkünstlerin Keren Cytter, dann ist es die Macht der Erinnerung und ihr Einfluß auf die Wahrnehmung der Gegenwart, auf all die Entscheidungen, die das Leben Tag für Tag bereithält und damit auf die Zukunft.

          Dabei zeigt sich die 1977 in Israel geborene Künstlerin, die in Tel Aviv und in Amsterdam studiert hat und deren erste umfassende Einzelausstellung jetzt im Frankfurter Kunstverein zu sehen ist, vergleichsweise wenig an formalen Fragen interessiert. Die Anwesenheit der Kamera, die Inszenierung oder - vor allem in den noch in Israel entstandenen Filmen der "Friends series" - das gewählte Genre vom "Film noir" über die Seifenoper bis zum hektisch verwackelten Musical spielen durchaus eine Rolle. Und vorwiegend in den neueren Arbeiten löst sich die lineare Erzählstruktur immer wieder in sich wiederholenden Schleifen auf.

          Doch ist es stets die Geschichte, eine aus autobiographischen, scheinbar dokumentarischen und unverkennbar fiktionalen Elementen gewebte Erzählung, die sowohl am Anfang der künstlerischen Arbeit als auch im Zentrum der zehn Videos aus den vergangenen drei Jahren steht. Das ist oft komisch, gelegentlich spannend wie die "Maigret"-Variation "Disillusioned Love 2", mitunter fast ein wenig sentimental. Vor allem aber ist es ein unaufdringlicher, aber doch nachdrücklich sich artikulierender melancholischer Klang, der diese meist zwischen fünf und fünfzehn Minuten kurzen Filme grundiert. Das gilt insbesondere für "2/06/04" aus den "Dates Series", für einen zu den Klängen von Brahms und Satie den Abschied aus Israel und den Neubeginn in Europa reflektierenden "French Film" aus dem Jahr 2002 und nicht zuletzt für "Nothing", einen Film, der offenbar vorgefundenes, düsteres und grobkörniges Super-8-Material mit minimalistischen Videoaufnahmen mischt.

          Georges Perec könnte hier Pate gestanden haben für die Geschichte jenes neuen Mieters, dem die früheren Bewohner, dem Ben und Greta und John und die anderen mehr und mehr zu Gefährten seines eigenen Lebens zu werden scheinen; deren Wohnungen und Mobiliar ihm zu den eigenen vier Wänden, den eigenen Stühlen und Tischen werden; und deren über die Jahre und Jahrzehnte wechselnden Ausblicke auf das bunte Leben vor den Fenstern zu seiner eigenen Umgebung, zur gültigen Realität werden. Niemand, darf man vermuten, kennt noch die längst verschwundenen Gesichter, nennt ihre Namen. Doch die Geschichten, die Stimmen mag man vernehmen, hört man nur genau hin. Und so singt der junge Mann ihre Lieder, memoriert ihre Gedichte, als seien es die eigenen, bis er selbst mehr und mehr Teil einer Erinnerung wird, von der niemand mehr weiß. Christoph Schütte

          Bis 20.Februar, Dienstag bis Sonntag von 11 bis 19 Uhr geöffnet.

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