https://www.faz.net/-gzg-a1e5s

Frankfurts Kultur in der Krise : „Die Leute erwarten Zukunftsperspektiven“

Die Corona-Krise hat deutlich gemacht, wie vulnerabel die freie Szene ist. Das war vielen aus dem Publikum gar nicht so klar, unter was für oft bescheidenen Lebensverhältnissen Kulturschaffende für uns da sind, ohne zu klagen. Viele leben von der Hand in den Mund. Sobald die Auftrittsmöglichkeiten weggefallen sind, ist die Lebensgrundlage zusammengebrochen, ohne dass sie auch nur ein Fitzelchen Schuld daran hatten. Das ist eine Bedrohung und auch eine ziemliche Kränkung, die vermutlich tief wirkt.

Reichen die Hilfsangebote aus?

Der Druck der öffentlichen Meinung hat gewirkt, es sind immer wieder auf Landes- oder Bundesebene Maßnahmen nachgelegt worden. Inwiefern die Angebote des Landes und des Bundes greifen, beispielsweise im Fall der Solo-Selbständigen, ist viel diskutiert worden, und das halte ich auch für notwendig. Es hat sich gezeigt, dass die Situation der Kulturschaffenden nicht unbedingt so einfach ist, wie man sich das vorstellt, es gibt beispielsweise viele Mischformen der künstlerischen Existenz. So haben einige Leute Jobs, um sich über Wasser zu halten, die Kunst ist eine unter mehreren Einnahmequellen, diese Menschen fallen schon mal durchs Raster. Wir haben von Seiten der Stadt rasch einen Notfallfonds eingerichtet, das ging durch Umschichtungen in meinem Budget. Er ist sehr gut angenommen worden, aber natürlich kann er nicht die finanzielle Not aller Kulturschaffenden in Frankfurt auffangen.

Wie lief das konkret ab?

Wir konnten kurzfristig kleine Projekte finanzieren. Es war für mich auch eine Frage der Würde, hier Übergangsmöglichkeiten zu schaffen, damit die Künstlerinnen und Künstler nicht sofort zur Arbeitsagentur gehen und Grundsicherung beantragen mussten. Auf unserer Website haben wir alle Angebote des Bundes und des Landes zusammengefasst, denn viele waren verständlicherweise überfordert, da haben wir Hilfestellung geleistet. Wir waren persönlich ansprechbar und sind nach wie vor dabei, in Not geratene Kulturschaffende zu beraten.

Wird sich die Kultur nach der Krise verändern?

Wir befinden uns mitten in einer strukturellen Veränderung, was die Digitalisierung der Arbeitswelt und der Kultur angeht. Wir haben aber auch deutlich gespürt, was uns wirklich wichtig ist. Die Erfahrung der Einsamkeit etwa im Homeoffice hat viele erkennen lassen, dass wir das gemeinschaftliche Arbeiten brauchen, dass viele miteinander den Arbeitsalltag verbringen wollen. Ich sehe zwei große Fragen auf uns und damit auch auf die Kultur zukommen: Wird unsere Zukunft noch mehr von der Digitalisierung geprägt sein, und wenn ja, welche Form der Digitalisierung wollen und brauchen wir?

Wird es nach Corona noch so viel Kultur geben wir vorher?

Ich werde alle Anstrengungen unternehmen, um die Infrastruktur unserer Kulturlandschaft zu erhalten. Und wenn Ihre Frage aufs Geld zielen sollte: Die Kultur ist auch ein Wirtschaftsfaktor, gerade in Frankfurt, das darf man nicht vergessen. Wir hatten 2019 so viele Touristen wie noch nie, und der Tourismus lebt zum Großteil von der Kultur, sie wirkt nach außen, prägt das Gesicht unserer Stadt. Wir sind sozusagen mitten im größten Erfolg von der Corona-Krise getroffen worden.

Weitere Themen

Zum ersten Mal auf dem neuen alten Goetheturm Video-Seite öffnen

Wahrzeichen steht wieder : Zum ersten Mal auf dem neuen alten Goetheturm

Er erstrahlt fast wieder in seinem alten Glanz - der Frankfurter Goetheturm. Und gäbe es Corona nicht, würde Frankfurt dieses Wochenende zu einer Eröffnungsfeier einladen. Zumindest ein kleiner Kreis konnte das Wahrzeichen am Freitag schon mal genauer in Augenschein nehmen.

Die Krise ist noch nicht vorbei

F.A.Z.-Hauptwache : Die Krise ist noch nicht vorbei

Das Grandhotel Hessischer Hof muss schließen. Verdi hat Warnstreiks in mehreren Krankenhäusern angekündigt. Das, und was heute sonst noch wichtig ist in Rhein-Main, steht in der F.A.Z.-Hauptwache.

Topmeldungen

Nordkoreas Machthaber Kim : Stalinist mit PR-Qualitäten

Tausendsassa, Basketballfan und Trumps Männerfreund: Seit zehn Jahren ist Kim Jong-un der starke Mann in Nordkorea – seit knapp neun an der Spitze des Regimes. Dabei ist der skurrile Diktator Projektionsfläche für Wünsche und Erwartungen. Doch als Reformer enttäuscht er auf ganzer Linie.

Zum Tod von Wolfgang Clement : Eigenständig und zuweilen unbequem

Er hat Wirtschaftspolitik in den letzten Jahren stets größer gedacht als seine alte sozialdemokratische Partei. 2008 verließ Wolfgang Clement die SPD. Im gesellschaftlichen und politischen Leben blieb er aber bis ins hohe Alter präsent. Ein Nachruf.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.