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Frankfurter Künstler : Arbeit für die Algorithmen

  • -Aktualisiert am

Zwischendurch geht es nach Apulien: Raphael Brunk posiert neben einem seiner Werke in seinem Atelier im Frankfurter Stadtteil Fechenheim. Bild: Frank Röth

Digital, aber gedruckt: Der Frankfurter Künstler Raphael Brunk macht aus vorgefundenen Fotos großformatige Kunst. Seine Bildmotive entstammen dabei oft der Populärkultur.

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          Es war ein gespenstischer Zufall. An einem Mittag im November durchforstete Raphael Brunk eine Internetsuchmaschine einige Stunden lang nach Bildmaterial zum Fußballer Diego Maradona. Er ging dabei wie üblich vor, um seine Kunstwerke vorzubereiten. Am Anfang steht bei ihm die Suche nach niedrig aufgelösten digitalen Bilddateien. Unzählige Arbeitsschritte später entsteht ein mitunter großformatiges Werk, das im UV-Druckverfahren auf eine Aluminiumwabenverbundplatte aufgetragen wird. Dazwischen arbeiten am Bildmotiv vor allem die Algorithmen einer Bildbearbeitungssoftware, die Brunk als eine Art Pinselwerkzeug einsetzt.

          „Es ist ein total digitaler Prozess“, sagt er. Und betont bald darauf noch einmal: „Es passiert alles im Computer.“ Den in erheblichem Maße von Algorithmen gesteuerten Entstehungsprozess beschreibt er als „kultivierten Zufall“. Vollständig automatisiert ist der Prozess jedoch nicht. Hier und dort greift Brunk ein. Diesen Weg nahmen auch seine Maradona-Bilder, nur dass der weltbekannte Fußballer an genau jenem Novembertag mit gerade einmal 60 Jahren an einem Herzinfarkt starb und die Nachricht Brunk bei der Arbeit erreichte.

          Auf einem Computer in seinem maximal aufgeräumten, minimalistisch eingerichteten Atelier im Osten Frankfurts zeigt Brunk ein Zwischenstadium der Maradona-Arbeit: eine Komposition aus abstrahierten und verfremdeten, bisweilen malerisch anmutenden Figuren. Der Protagonist ist zu erahnen. Bisweilen lässt Brunk am Computer fertiggestellte Arbeiten mehrere Monate ruhen, um dann zu entscheiden, ob sie in Druck gehen und somit, wie er sagt, „haptisch geboren werden“. „Ich habe Hunderte von Arbeiten auf meinem Computer“, sagt der 1987 geborene Künstler. Dass der Druckvorgang unverzichtbar bleibt, steht für ihn außer Frage.

          „Etwas Undefiniertes“

          Fußball, Comics und Computerspiele: Brunks Bildmotive entstammen oft der Populärkultur. Die Motive seien „etwas, das mich irgendwann in meinem Leben begleitet hat“, sagt er. Mit der Frage, ob er sich als Maler oder als Fotograf sehe, werde er oft konfrontiert, fügt er hinzu. Ob seine Bilder gemalt seien, wollten ebenfalls viele wissen. „Digital Natives“ fragten so etwas nicht, merkt er an. Seine Werke seien „etwas Undefiniertes“, erläutert er, um kurz danach doch noch eine Definition seiner Kunst zu geben: „Das, was ich mache, ist Digital Imaging.“ Die experimentelle, zwischen den digitalen Disziplinen changierende Arbeitsweise verbindet ihn mit einem Dutzend Künstlerkollegen, mit denen er seit 2019 die Gruppe „darktaxa-project“ bildet.

          Brunk gibt sich als lakonischer Gesprächspartner. Er wirkt lässig und kontrolliert. Eine Aura kühler Professionalität umweht den Künstler. Es mag daher verwundern, dass die meisten seiner Arbeiten in der ländlichen Abgeschiedenheit Südostitaliens entstehen. Mehrmals im Jahr fahre er nach Apulien, um konzentriert an neuen Bildern zu arbeiten, berichtet er. „Da komme ich in den perfekten Arbeitszustand“, schwärmt er fast. Auch 2020 konnte er einige Male an seinen bevorzugten Schaffensort reisen. Apulien beschreibt Brunk als „das Gegenteil von Frankfurt“.

          Dabei hat der Absolvent der Düsseldorfer Kunstakademie sich 2018 bewusst für das Leben am Main entschieden. Frankfurt sei nicht so überlaufen, sagt er. Und es sei einfacher, Sichtbarkeit zu erlangen als andernorts. Brunk schätzt die Eigeninitiative der Frankfurter und die Hilfsbereitschaft innerhalb der Kreativszene, die er selbst erfahren hat. „Die Museenlandschaft ist einfach Wahnsinn“, hebt er hervor. Er habe sich zudem bewusst gegen die nordrhein-westfälische Landeshauptstadt entschieden: „Düsseldorf fand ich etwas eingefahren.“

          Und doch, gibt Brunk zu, stammen viele seiner Künstlerkontakte noch aus der dortigen Akademie: „Das ist das Netzwerk, von dem ich am meisten zehre.“ Brunk studierte in der Klasse des Fotografen Andreas Gursky. Anfangs habe er klassisch „becheresk“ gearbeitet, sagt er in Anspielung auf Bernd und Hilla Becher, die Begründer der Düsseldorfer Fotoschule. Er habe architektonisch interessante Kompositionen fotografiert, die digital anmuteten. Gursky aber habe ihn irgendwann ermutigt, darüber hinauszugehen. Mit der Unterstützung befreundeter Softwareentwickler begann Brunk, hochauflösende Fotos innerhalb einer Computerspielumgebung aufzunehmen.

          Die Gursky-Klasse sei ohnehin multidisziplinär gewesen – und nicht, wie man zunächst vermuten könnte, eine reine Fotografenschmiede. Bildhauerei und Malerei, Performance, Fotografie und Film seien vertreten gewesen, berichtet er. Sein Studium bewertet er im Nachhinein als „sehr prägende Zeit“. Die Kunst und die Kunstwelt habe er sich aber erst in seinen Zwanzigern angeeignet, erinnert sich Brunk, der im rheinland-pfälzischen Städtchen Meisenheim aufwuchs. An der Düsseldorfer Akademie sei er „totaler Quereinsteiger“ gewesen.

          Nur sieben Jahre nach dem Quereinstieg kann Brunk eine respektable Auflistung von Einzel- und Gruppenausstellungen in Galerien vorweisen. Institutionell auszustellen wäre der nächste Schritt, weiß er. „Einfach an der Karriere arbeiten“, lautet sein ehrliches und ehrgeiziges Ziel. Über seinen Erfolg wacht indes auch weiterhin eine kleine Maradona-Skulptur, die schon seit Längerem auf Brunks Atelierschreibtisch steht.

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