https://www.faz.net/-gzg-7ru6b

„Frankfurter Kinowoche“ : Witzischkeit, du warst einmal

  • -Aktualisiert am

Filme an ungewöhnlichen Orten: Kinoleinwand in der Lagerhalle Bild: Kaufhold, Marcus

Kino in der Ebbelwei-Kelterei - Die „Frankfurter Kinowoche“ bringt Filme an ungewöhnliche Orte. Und so lacht das Publikum zwischen Weinfässern und Gabelstaplern über Fernsehkunst der Neunziger.

          2 Min.

          Es ist feucht und warm und riecht nach Gärung. Im schummrigen Licht türmen sich Fässer und Kisten, Förderbänder verschwinden in der Dunkelheit der weiten Lagerhallen, ein paar Gabelstapler warten vor Laderampen und riesigen Rolltoren auf ihren Einsatz. In der Mitte des langen Raumes, der das Stapeln von Äpfelwein-Paletten bis unter die hohe Decke erlaubt, sitzen rund 300 Menschen im Dämmerlicht und warten auf Hape Kerkeling. Es sind Paare und Familien, deren Schatten auf die rohen Betonwände fallen, die meisten in mittlerem Alter, ein paar Studenten, Bildungsbürgertum und Bionade-Biedermeier.

          Schnatternd sitzen sie auf Bierbänken, trinken Ebbelwei, was auch sonst, alles andere wäre schließlich Hochverrat in den heiligen Hallen der Familienkelterei Possmann. Gelegentlich fällt der Blick auf die blau schimmernde Leinwand am Stirnende der Halle, auf der Kerkeling gleich die „Frankfurter Kinowoche“ einläuten soll, als Peter Schlönzke im Neunziger-Jahre-Film „Kein Pardon“.

          Heinz Schenk parodiert sich selbst

          Die Veranstaltungsreihe des Deutschen Filminstituts bringt zum achtzehnten Mal Kino an ungewöhnliche Orte in und um Frankfurt. Der Osthafen ist schon dabei gewesen, die Galopprennbahn, der Flughafen, eine Kläranlage. Diesmal ist es die Kelterei Possmann in Rödelheim, zum zweiten Mal nach 2005. Damals wurde im Keller des Betriebs zwischen riesigen Gärtanks, sogenannten U-Boot-Tanks, „Das Boot“ gegeben. Nun also „Kein Pardon“, weniger martialisch, weniger existentiell. Nicht das Leben ist in Gefahr, sondern nur das deutsche Fernsehen.

          Kerkeling spielt Schlönzke, ein Bottroper Jüngelchen, das bei Mutter und Großeltern wohnt. Tagsüber arbeitet es im familieneigenen Schnittchen-Service, einem etwas kleineren Familienbetrieb als der Kelterei Possmann, abends findet es vor der Flimmerkiste sein Glück. Lieblingsshow der Schlönzkes und der gesamten Fernsehnation ist die Sendung „Witzischkeit kennt keine Grenzen“, deren Moderator Heinz Wäscher im Bottroper Wohnzimmer wie ein Volksheld verehrt wird. Einmal im Jahr sucht Wäscher, großartig gespielt vom im Mai gestorbenen Heinz Schenk, einem verdienten Propagandisten des hessischen Äpfelweins, das Talent des Jahres. Es kommt, wie es kommen muss: Mutter Schlönzke meldet den Sohnemann ohne dessen Wissen zum Casting an. So landet er in der Traumfabrik Fernsehen, in der es natürlich viel weniger glamourös zugeht als vom heimischen Sofa aus gedacht. Mächtige Aufnahmeleiter entpuppen sich als katzbuckelnde Jasager, der verehrte Showmaster erweist sich als eitler, jähzorniger Rentnermoderator, der hübschen Statistinnen in den Ausschnitt sabbert.

          Der Reiz der Tatsache, dass sich in der Person Schenks ein erfolgreich tätiger Moderator selbst parodierte, hat sich inzwischen etwas verloren. So manches, was 1993 noch Fernsehironie war, löst heute Fernsehnostalgie aus. Viele Kalauer kommen zudem arg schal und voraussehbar daher. Ein Teil des Spaßes, den das gesetztere Publikum ganz offensichtlich hat, ist wohl auch die Erinnerung an den Spaß, den es beim Sehen des Films vor zwanzig Jahren empfand. Der Stimmung im Lager der Kelterei schadet das nicht, im Gegenteil. Papa lacht, Mama lacht, die Tochter fragt: Wie lang noch? Ein schöner Familienabend.

          Informationen

          Die „Frankfurter Kinowoche“ dauert bis Freitag. Es gibt noch Karten für die Filme „The Host“ (Dienstag, 22 Uhr, Kläranlage Niederrad) und „Seabiscuit“ (Donnerstag, 21.30 Uhr, Galopprennbahn).

          Weitere Themen

          Von Weltruf, aber ohne Gagen

          Jazzband in Existenznot : Von Weltruf, aber ohne Gagen

          Die Barrelhouse Jazzband ist Frankfurts und Deutschlands Aushängeschild des traditionellen Jazz. Doch wenn sich ihre prekäre finanzielle Situation unter Corona nicht bald ändert, ist die Existenz der Gruppe massiv gefährdet.

          Topmeldungen

          Das SAP-Logo steht auf der Fassade der Konzernzentrale in Walldorf.

          Starkes Quartal : SAP trotzt der Krise

          Mehr Umsatz, mehr Gewinn – SAP kam trotz Coronavirus-Auswirkungen überraschend gut durch das zweite Quartal. Ein Bereich entwickelte sich besonders gut.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.