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Frankfurter Kellertheater : Liebhaber und Wiederholungstäter: Eine Werkschau

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Laien? Das hören sie gar nicht gern. "Wir sind ein Amateur-Theater", sagen Doris Enders und Daniela Vollhardt wie aus einem Munde, die erste Vorsitzende des Vereins "Junge Bühne Frankfurt" und ihre Pressefrau.

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          Laien? Das hören sie gar nicht gern. "Wir sind ein Amateur-Theater", sagen Doris Enders und Daniela Vollhardt wie aus einem Munde. Die erste Vorsitzende des Vereins "Junge Bühne Frankfurt" und ihre Pressefrau sind überzeugt davon, daß ihre Schauspieler und Regisseure "vom Fach" sind, aber sich als "Liebhaber" engagieren. Liebhaber, die ihre Freizeit auf der Bühne des Kellertheaters verbringen und ihren Unterhalt in bürgerlichen Berufen verdienen: als Lehrer und Banker, Sozialpädagoge und Anwalt. Oder als Finanzberaterin wie Vollhardt, als Leiterin einer Kosmetikpraxis wie Enders oder als Buchhalter wie Burkhard Sprenker, der hinter der Theke steht und gerade Gläser spült.

          In diesem heimeligen Foyer können die Zuschauer nach der Aufführung mit den Schauspielern zusammensitzen und plaudern. Die roten Plüschsofas wurden von den Mainzer Kammerspielen gestiftet. Die Miete für den Keller mit der gut 30 Quadratmeter großen Bühne und den 99 Zuschauerplätzen bezahlt die Stadt. Dafür muß das Theater in der Maingasse/Ecke Schöne Aussicht die Nebenkosten selbst tragen, und einen Bonus wie in den Zeiten von Kulturdezernent Hilmar Hoffmann gibt es auch nicht mehr. Immerhin hat Kulturdezernent Hans-Bernhardt Nordhoff ein Grußwort für die mitfinanzierte Jubiläumsbroschüre verfaßt. Denn die "Junge Bühne" feiert an diesem Wochenende ihre "25 Jahre im Keller".

          Sie hat auch Grund zu feiern. Denn bevor sie in das imposante Tonnengewölbe eines alten Hafenlagers einzog, war sie mehrfach umgezogen. 1957 von Werner Andreas und seinen Amateuren gegründet und damit die älteste Theatergruppe unter Frankfurts Freien, spielte die "Junge Bühne" zunächst elf Jahre lang im Haus der Jugend am südlichen Mainufer Autoren, die sich auf den etablierten Bühnen noch nicht durchgesetzt hatten: Tennessee Williams, Edward Albee, Duc Orton und Manfred Haussmann. Als die Amateure 1968 ins Amerikahaus umsiedelten, stieß auch die ausgebildete Schauspielerin Doris Enders zu der stets fluktuierenden Gruppe.

          Doch das politisch engagierte Theater war den Gastgebern auf Dauer nicht recht geheuer. Fassbinder, Weiss, Turrini, die zornigen Angelsachsen und ihr sozialrevolutionärer Anspruch provozierten Konflikte, "bis wir 1975 hinauskomplimentiert wurden", erinnert sich Enders. Dank der Vermittlung von Hilmar Hoffmann kam das freie Theater im Bürgerhaus der Nordweststadt unter. Nur ließen sich unter den dortigen Bewohnern keine Zuschauer gewinnen, und dem Publikum aus der Innenstadt war der Weg zu weit. Von den Stammbesuchern allein konnte die Gruppe jedoch nicht existieren. Wieder half Hoffmann den Liebhaber-Schauspielern aus der Krise: Als der "Sinkkasten" 1979 aus dem Keller in der Mainstraße 2 auszog, rückte die "Junge Bühne" nach.

          Seitdem ist die Auslastung kontinuierlich gestiegen. "Wer einmal hier war, kommt wieder", sagt Daniela Vollhardt, und Doris Enders fährt fort: "Jeder fühlt sich hier persönlich angesprochen und integriert in die Gruppe." Die Gruppe - das sind etwa 30 Vereinsmitglieder, 40 Fördermitglieder und "ein Dunstkreis von 200", vermutet Sprenker. Für eine Probenpauschale von 400 Euro kann hier jeder, der sich für einen Regisseur hält, nach Absprache mit dem Vorstand und Leseprobe mit potentiellen Darstellern ein Stück inszenieren. "Soviel können wir notfalls verschmerzen, falls es danebengeht", sagt Doris Enders. Die drei bis vier jährlichen Produktionen kosten je 2000 bis 4000 Euro und werden von den Mitgliedsbeiträgen und den Eintrittskarten finanziert.

          Gespielt werden nicht mehr nur Stücke sozialkritischer Autoren, obwohl sich die "Junge Bühne" mit dem einstigen Anspruch noch identifizieren kann. Darüber hinaus hat sie sich aber dem klassischen Repertoire geöffnet, wie der Spielplan der vergangenen Jahre belegt: Sophokles, Shakespeare, Goldoni, Marivaux, Ibsen, Schnitzler, Camus, Goethes "Faust" waren zu sehen, und mit dem "Arzt wider Willen" sowie dem "Geizigen" zieren gleich zwei Stücke von Moliere diese und die vorige Spielzeit. Noch immer bleibt Zeit genug für Autoren wie Marsha Norman, Coline Serreau, Fassbinder, Mrozek und Kroetz, auch für Roland Schimmelpfennig, dessen "Push Up 1-3" gerade auf dem Spielplan steht. 20 Aufführungen sind jedem Stück garantiert.

          Die Aufführungen sind freitags und samstags um 20.30 Uhr, in der Woche werden an je zwei Abenden alternierend zwei Produktionen drei bis vier Monate lang geprobt. Ein Sonntag im Monat ist der Reihe "Maleen" vorbehalten, die Vollhardt und Sprenker vor drei Jahren erfunden und nach einem Grimmschen Märchen benannt haben. Hier kann jeder auftreten, der etwas "Musikalisches, Anderes, Lustiges, Ernstes, Eigenes, Neues" zu bieten hat: Nachwuchsautoren, Kabarettisten, Performer und Wahrsager sind willkommen. Ingrid Marschang etwa, die am 29. Mai um 18 Uhr Nonsense-Krimiparodien erzählt. Um die jüngsten Zuschauer kümmert sich Stefanie Vortisch mindestens dreimal im Jahr: Mit zehn Akteuren hat sie in dieser Saison unter anderem den "Sommernachtstraum" einstudiert.

          "Die Leute sind heute wesentlich engagierter und williger, ihre Freizeit zu opfern als früher", findet Doris Enders und geht zur nächsten Spielzeit über. Maja Wolff wird die Saison als Anton LeGoff am 16. September eröffnen, gefolgt von Strittmatters "Polenweiher" am 23. September. Im selben Monat steht auch die jährliche Weinprobe nebst Lesung an, und an Silvester eine Party aus dem Zeitgeist der fünfziger Jahre. Im Dezember gibt es wieder einen Krimi zum Mitmachen und einen Preis für das Erraten des Täters zu gewinnen. Vorerst allerdings wird mit einer Werkschau das Keller-Jubiläum gefeiert. Claudia Schülke

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