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Frankfurter Jazz-Musiker Sych : Er spielt alles außer Standards

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Impulsgebende Figur des Jazz im Rhein-Main-Gebiet: Pianist und Komponist Yuriy Sych Bild: Mark Trebron

Das Theater hat ihn in der Stadt gehalten. Nun bastelt der Frankfurter Pianist und Komponist Yuriy Sych an einem neuen Bandprojekt. Es bahnt sich einen Weg durch Elektro-Dschungel und Jazz-Gestrüpp.

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          Vor gut einem Jahr ist die Entscheidung gefallen: Da legten Yuriy Sych und Tim Roth das Projekt Contrast auf Eis – für unbestimmte Zeit. Seit bald fünfzehn Jahren gehört der Pianist Sych zu den impulsgebenden Figuren des Jazz im Rhein-Main-Gebiet. 2006 war er Mitbegründer des Contrast Quartetts, das in seinen ersten Jahren vor allem durch juvenilen Sturm beeindruckte. Sychs Virtuosität am Flügel explodierte geradezu in spektakulären Soli, Energieschübe von Schlagzeuger Martin Standke und Bassist Tim Roth beflügelten wechselnde Gastmusiker, häufig Saxophonisten. Im Lauf der Jahre verzichtete das Kern-Trio zumeist auf einen vierten Mann, veröffentlichte drei Alben, vollzog konzeptionelle Metamorphosen in Richtung Elektro- und Krautrock-Ästhetik. 2016 wurde es mit dem Hessischen Jazzpreis ausgezeichnet. Drei Jahre später ruhte Contrast.

          Schon vorher hatte Standke die Band verlassen, für ihn kam der in Köln ansässige Drummer Jan Philipp. „Die Konzerte in der neuen Besetzung liefen gut, wir entwickelten frische Ideen, konnten sie aber nicht ausarbeiten, weil Zeit zum gemeinsamen Proben gefehlt hat“, resümiert Sych. Er hatte sich zunächst auf seine Mitwirkung im J-Sound Project des Trompeters Jason Schneider konzentriert.

          Seit 2013 bereichert Sychs einfallsreiches Spiel auf Flügel und Keyboards dieses Quartett, zum Repertoire des kraftvollen zweiten Albums steuerte er auch eine Komposition bei. Ende Oktober 2020 ist die CD „Loose Tongue“ bei der Frankfurter Firma L+R Records erschienen, pandemiebedingt ein halbes Jahr später als ursprünglich geplant. Viele schon gebuchte Konzerte wurden ebenfalls von Corona verhindert. Der im Dezember aus dem Frankfurter Jazzkeller gestreamte Auftritt jedoch ist weiterhin online zu sehen.

          Unterdessen verdient Sych seine Brötchen durch Unterrichten und treibt ein neues, „Raum“ genanntes Bandprojekt voran. Erste Auftritte, unter anderem Mitte September im Jazzkeller, ließen schon den Stil des neuen Trios erkennen. Bis zu den verschärften Kontaktbeschränkungen waren Sych, Schlagzeuger Max Mahlert und Kontrabassist Hanns Höhn in ihrem Übungsraum im Riederwald mit der Ausarbeitung neuer Stücke beschäftigt. Die Musik vereint komponierte Teile, minimalistische und offene Strukturen sowie spontane Interaktionen zu einem transparenten, modernen Sound.

          Zu charakteristischen Soli anstacheln

          Sychs Flügel steht im Proberaum, denn dort erwächst aus dem unmittelbaren Zusammenspiel eben jene Banddynamik, die den Pianisten wiederum zu seinen charakteristischen Soli anstachelt. Der lebendige Ausdruck ist ein essentielles Gestaltungsmittel von Raum, ein anderes der ausgefeilte Einsatz von Elektronik. Bisweilen manipuliert Sych den Klang des Klaviers mittels Verzerrer-, „Freeze-“ und Tremolo-Effekten so sehr ins Abstrakte, dass man Keyboards zu hören glaubt.

          Darüber hinaus setzt er auch repetitive Sequenzen aus einer Loop-Maschine ein. Später werden die Aufnahmen durch Studiotechnik in Form gebracht. Über die Jahre hat Sych diverses Equipment gesammelt, mit dem er zu Hause unterm Dach im Nordend sämtliche Facetten der Produktion gestalten kann. Zur individuellen Klangsprache von Raum gehört, Formatgrenzen hinter sich zu lassen. Die gewachsene Dramaturgie mit weiten Bögen wird nicht beschnitten. Zwei aktuelle Stücke sind jeweils gut zehn Minuten lang und sollen auch so bleiben.

          Ursprünglich war Yuriy Sych auf dem Weg zu einer klassischen Pianistenkarriere. 1985 wurde er in eine Musikerfamilie geboren, mit sechs Jahren begann er Klavier zu lernen. Seine Tante unterwies ihn in europäischer Klassik, sein Vater war als studierter Akkordeonist, Ensembleleiter und Dozent auf traditionelle Musik spezialisiert. Vom Bezirk Lemberg in der Westukraine zog die Familie um in die Stadt Iwano-Frankiwsk, wo seine Eltern heute noch leben. „Die postsowjetischen Jahre waren keine einfache Zeit. Alte gesellschaftliche Werte galten nicht mehr, es gab wenig Geld und viel Kriminalität. Wir hatten zwar ein Klavier zu Hause, mussten uns aber zu viert in einer Zweizimmerwohnung arrangieren“, skizziert Sych die damaligen Umstände.

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