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Instituto Cervantes Frankfurt : Tango verboten

Fünfziger-Jahre-Architektur: Das Instituto Cervantes residiert im ehemaligen Amerika-Haus an der Staufenstraße. Bild: Frank Röth

Das Instituto Cervantes kämpft mit den Folgen der Corona-Pandemie. Die Zahl der Sprachschüler sinkt stetig. Die Kultur wandert ins Netz.

          3 Min.

          Immerhin ist das Gebäude betretbar. Anders als die Museen im Land. Schließlich finden im Instituto Cervantes auch Sprachkurse statt. Als Präsenzunterricht unter strengen Hygienebedingungen. Und akademische, schulische, der Bildung dienende Veranstaltungen unterliegen anderen Regeln als kulturelle. Auch die Bibliothek, die größte spanischsprachige in Westdeutschland, ist zugänglich. Aber die Ausstellung im Foyer, das unweigerlich durchquert, wer in die Klassenräume möchte, ist eigentlich tabu. Die derzeit gültigen Corona-Regeln verbieten es, die Schau mit spanischen Comics genauer in Augenschein zu nehmen. Die gleißende Licht-Installation mit etlichen Neonröhren, die aus dem Inneren einer Kunststoff-Kuh hervorquellen, eine Leihgabe von Bernardí Roig zur Luminale, lässt sich allerdings nicht übersehen. Das Institut war das Festivalzentrum, aber am Tag des vorgesehenen Luminale-Beginns wurde die aufwendig vorbereitete Großveranstaltung abgesagt. Lockdown-Dämmerung.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Im großen Veranstaltungssaal des Kulturinstituts sind die Markierungen zu sehen, auf die zu achten Pflicht der Tango-Paare war, die hier noch bis vor kurzem tanzten. In gehörigem Abstand zu anderen. Doch auch die Tänzer haben Zwangspause. Dabei ist der Ort, wo sie sonst ihre Schritte üben, ein ganz besonderer. Schon die Aussicht ist erstklassig: auf eine Außenbühne, auf einen Park mitten in der Großstadt. Vor zwölf Jahren zog das Instituto Cervantes hierher ins ehemalige Amerika-Haus, einen stilreinen Fünfziger-Jahre-Bau, der zuvor behutsam und detailgenau restauriert worden war.

          Einst sollten die nationalen Kulturinstitute prächtige Schaufenster ihrer Länder sein. Das hat sich längst geändert. So sieht der Direktor des Frankfurter Cervantes-Instituts, Ramiro Villapadierna, die Aufgaben des von ihm geleiteten Instituts im Brückenbauen, in der Kommunikation, im kulturellen Austausch. Nicht allein Spanien vertritt es, sondern die gesamte spanischsprachige Welt, 23 Staaten, überaus reiche und differenzierte Kulturen. Man denke nur an die lateinamerikanischen Schriftsteller, die auch in Deutschland ein großes Publikum gefunden haben. Oder an die Musik. 90 Prozent derer, die sich für den Tanz begeistern, bewegten sich nach hispanischen Rhythmen, sagt Villapadierna. Wobei der Tango zwar in Buenos Aires sehr beliebt sei, nicht aber im Rest Argentiniens. Während es in ganz Deutschland Tango-Enthusiasten gebe. Aber auch Salsa oder Flamenco fasziniere die Mitteleuropäer und helfe ihnen, ein Körpergefühl zu entwickeln. „Es ist nicht nur Yoga, das sie diese Erfahrung machen lässt.“

          Kulturelle Veranstaltungen im Lockdown abgesagt

          Das Instituto Cervantes stellt den Raum für einen externen Partner zur Verfügung, der Tango-Events ausrichtet. Es selbst bietet eine Vielzahl von Kulturereignissen, etwa Lesungen, Filmvorführungen, Konzerte, Performances. Wegen des abermaligen Shutdowns wurden für den November jedoch alle kulturellen Veranstaltungen abgesagt. Oder ins Netz verlegt. Wie der Leseclub. Und die vier Werke des „anderen spanischen Kinos“, die als Online-Filmreihe digital verbreitet werden. Der Institutsleiter sorgt sich, dass die Kultur als wichtige gesellschaftliche Säule brüchig werden könnte: Nicht nur gehe die Angst um, sich zu infizieren, die Menschen hätten offenbar derzeit auch anderes im Kopf, als sich mit Kulturangeboten auseinanderzusetzen. Die Verunsicherung sei groß. Viele seien auch weggeblieben, als es nach dem ersten Lockdown wieder möglich war, Kultureinrichtungen zu besuchen. „Aber wir können nicht aufgeben, was vor einem Jahr für unser Leben noch so wichtig war.“

          Kulturbotschafter: Cervantes-Chef Ramiro Villapadierna ist ein Vertreter für die gesamte spanischsprachige Welt.
          Kulturbotschafter: Cervantes-Chef Ramiro Villapadierna ist ein Vertreter für die gesamte spanischsprachige Welt. : Bild: Frank Röth

          Die Zahl der Sprachschüler habe sich in der ersten Hälfte des Jahres um zwei Drittel verringert, sagt Villapadierna, er hoffe, dass in der zweiten nur ein Drittel weniger Studierende zu verzeichnen sei. Die Einnahmeverluste sind dramatisch. Knapp 50 Prozent des Budgets besteht aus Mitteln, die das Institut selbst erwirtschaftet, der Großteil kommt von den Kursgebühren. Etwas mehr als die Hälfte des Budgets steuert der spanische Staat bei. Aber auch er zeigt sich derzeit knausrig, der wirtschaftlichen Lage wegen. Mit städtischen Zuschüssen sei derzeit nicht zu rechnen, sagt der Direktor. Aber er sei Frankfurt sehr dankbar, im ehemaligen Amerika-Haus residieren zu dürfen. Um sein Büro mit den Fensterfronten und dem Blick ins Grüne beneideten ihn viele.

          Die Corona-Situation hat auch positive Aspekte. So ist das Institut mit der Digitalisierung vorangekommen. Die fünf Cervantes-Institute in Deutschland sind näher zusammengerückt, bei Internet-Veranstaltungen kann sich das Publikum aus aller Welt zuschalten. Wenn es denn den Weg zu den digitalen Angeboten findet. Das Institut sei kein „Geschäft“, sagt Villapadierna. Es biete Dienste an, um die zwischenmenschliche Verständigung zu verbessern. Auch und gerade unter Corona-Bedingungen.

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