https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/kultur/frankfurter-institut-fuer-neue-medien-wird-20-jahre-alt-wir-waren-immer-avantgarde-1795154.html

Frankfurter Institut für Neue Medien wird 20 Jahre alt : „Wir waren immer Avantgarde“

  • -Aktualisiert am

Außen ein Bunker, innen die neueste Technologie: Das Institut für Neue Medien versteckt sich ein wenig in der Schmickstraße im Frankfurter Ostend. Nun wir es 20 Jahre alt. Bild: Dieter Rüchel

Erst ein Teil der Städelschule, heute ein selbständiger Dienstleister zwischen Kunst, Wissenschaft und Wirtschaft: Vor 20 Jahren wurde das Frankfurter Institut für Neue Medien gegründet. Dabei hatte es es am Anfang nicht besonders leicht: „Die klassische Kunst empfand unsere Arbeit als elektronische Spielerei und Kitsch“, sagt Michael Klein, Direktor des Instituts.

          3 Min.

          „Tisch der Geister“ heißt der Film. Er zeigt einen Tisch, auf dem dreidimensionale Körper verteilt sind, eine Pyramide und ein Kegel. Eine Kamera schwenkt über sie hinweg durch das Bild. Was sie aufgenommen hat, ist auf einer Leinwand im Hintergrund zu sehen – die Gegenstände, die auf dem Tisch verteilt sind und noch mehr: Dreidimensionale, aber computergenerierte Objekte schweben auf der Leinwand frei um die gefilmten Körpern herum, werden von ihnen angezogen und wieder abgestoßen.

          Der Film stammt aus dem Jahr 1993. „Heute glaubt Ihnen das keiner“, sagt Michael Klein, der Direktor des Instituts für Neue Medien (INM) in Frankfurt. „Zeigt man das heute den Leuten der Szene, glauben sie nicht, dass man das damals schon hinbekommen hat.“ Das INM machte es möglich, weil es die nötige technische Ausstattung anbieten konnte: „Gibt man den Leuten etwas Nestwärme und eine Umgebung, in der sie ihre Sachen produzieren können, dann kommt oft die Zukunft dabei heraus“, sagt Klein überzeugt. All dies leistet das INM seit genau zwanzig Jahren. 1989 gründeten Kaspar König, damals Rektor der Städelschule, und Peter Weibel, der erste Direktor, die Einrichtung als Institut der Städelschule mit der Aufgabe, experimentelle Kunst zu machen. Fünf Jahre lang beheimatete das Institut Künstler, die sich mit neuen Medien beschäftigten. Hier wurde erprobt, was man in der Kunst mit Video-, Audio-, Computer- und Grafik-Techniken anstellen konnte. „Das ist trotz mehrfach veränderter Definition so geblieben. Hinzugekommen ist das Internet“, erklärt Klein.

          „Die klassische Kunst empfand unsere Arbeit als elektronische Spielerei und Kitsch“

          Angefangen hat das Institut an der Hanauer Landstraße, später an der Daimlerstraße. Es verfügte über Audio- und Videostudios sowie Computergrafik-Labore mit einer Softwareausstattung, die bis dahin nur dem Militär zugänglich gewesen war. Als die Städelschule sich 1994 aufgrund von Geldmangel verkleinern musste, gab sie das Institut zugunsten der etablierten Künste ab: „Die klassische Kunst empfand unsere Arbeit als elektronische Spielerei und Kitsch“, sagt Klein. Mit städtischer Unterstützung und Fördergeldern hat das Institut seit 1994 als Verein weitergearbeitet. „Wir haben damals angefangen, uns dem Markt zu öffnen, und sind seitdem eine völlig frei finanzierte Institution.“

          Nach zehn Jahren Selbständigkeit zog das Institut in die Schmickstraße 18, dort zahlt seitdem die Stadt einen Teil der Miete. Das neue Domizil ist kleiner als das alte, für Studios und Labore ist kein Platz mehr. Folglich entschied man sich für einen Richtungswechsel; anstatt auf der Studioproduktion liegt der Akzent nun auf rechner- und desktopbasierter Arbeit. Diese Struktur hat sich als flexibel erwiesen, das Institut für neue Medien ist gewachsen: „Es wurde immer weniger Kunst und immer mehr Wirtschaft“, sagt Klein. „Was dazu führte, dass wir einige Unternehmen ausgegründet haben.“ Zwischen 1996 und 1999 gingen vier, zwischen 2007 und 2009 fünf Firmen aus dem INM hervor. Heute versteht es sich als Schnittstelle zwischen Kunst und Wirtschaft, Wirtschaft und Wissenschaft, Wissenschaft und Kunst.

          Seit drei Jahren verleiht das Institut für Neue Medien den „Visual Music Award“

          Zu den Forschungsgegenständen des Instituts gehört die „Mixed Reality“ – die Überlagerung der Realität mit virtuellen Objekten. Das Institut experimentierte mit dieser Technik schon vor mehr als 15 Jahren. Heute beschäftigt sie den gesamten Markt und wird für Verkaufsmöglichkeiten, Kataloge und Computerspiele weiterentwickelt. Nebenher war das INM Entwicklungspartner für die ersten Internetseiten vieler großer Unternehmen und Institute im Rhein-Main-Gebiet, von der Deutschen Börse bis zu Fraport. Andere Internetauftritte betreut das Institut bis heute, unter ihnen sind die Internetseiten der Oper Frankfurt und der hessischen Straßen- und Verkehrsverwaltung. Daneben erstellt es auch Internetplattformen für regionale Aktivitäten und hat das Kulturportal Frankfurt oder das Wissensportal für Frankfurt und Rhein-Main entworfen. Seit drei Jahren verleiht das Institut für neue Medien darüber hinaus den „Visual Music Award“, eine Auszeichnung für die Visualisierung von Musik mit Experimentierfilm und Animation. „Wir sind und waren immer Avantgarde“, sagt Klein. „Also die, die nie etwas davon haben, was sie entwickeln, aber immer früh dabei sind“ – wie der Film „Geister auf dem Tisch“ von 1993 zeigt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Eine Frau dreht am Thermostat einer Heizung.

          F.A.Z. exklusiv : Deutlich höhere Heizkosten für Millionen Haushalte

          Millionen Fernwärmekunden müssen sich auf heftige Preiserhöhungen einstellen. Laut einem Regierungsentwurf sollen Stadtwerke und Betreiber die gestiegenen Beschaffungskosten weitergeben können – und das schon bald.
          Im Jahr 2000 wurde die EEG-Umlage zur Finanzierung von Wind- und Solaranlagen eingeführt.

          Ende der EEG-Umlage : Wer zahlt jetzt für den Ökostrom?

          Am heutigen Freitag fällt die Abgabe für den Ausbau von Ökostrom weg. Der Strompreis wird dennoch kaum sinken. Hier kommen die wichtigsten Fragen und Antworten zu diesem Wendepunkt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.