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Frankfurter „Habitat“ : Die Rückkehr des Körpers

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Nackte Tatsachen: Doris Uhlich will mit 20 Darstellern die Frankfurter Version von „Habitat“ uraufführen. Bild: Géraldine Aresteanu

Der Tanz kann sich in besonderer Weise damit beschäftigen, was die Krise mit der Körperwahrnehmung angerichtet hat. Das fünfte Tanzfestival Rhein-Main plant auf Sicht, aber ganz analog mit Publikum – und nackten Tatsachen.

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          Im Grunde genommen, sagt Doris Uhlich, sei das Theater doch ein Hochsicherheitstrakt – im Vergleich mit anderen Orten in Pandemiezeiten. Während die österreichische Choreographin sich im „Bau“ des Mousonturms sichtbar herzlich darüber freut, mit gleich drei Stücken Fokus-Künstlerin des fünften Tanzfestivals Rhein-Main zu sein, erklärt Deutschland ihre Heimatstadt Wien zum Risikogebiet.

          Das könnte für Uhlich und ihre Performancer Konsequenzen haben: Wenn kein völliger zweiter Lockdown komme, werde es in jedem Fall vom 30. Oktober bis 15. November ein Tanzfestival in Frankfurt, Darmstadt und Wiesbaden geben, versprechen die Kuratoren Anna Wagner vom Mousonturm und Bruno Heynderickx, seit dieser Saison Direktor des Hessischen Staatsballetts. Denn welche Disziplin, wenn nicht der Tanz, sollte sich nicht bestmöglich mit dem auseinandersetzen können, was die Rückkehr der Körper auf die Bühne und in den Zuschauerraum bedeutet? Und der Tanz kann sich auch in besonderer Weise damit beschäftigen, was die Corona-Krise mit unserer Körperwahrnehmung eigentlich angerichtet hat. Ein Thema, das Uhlich, die schon immer mit Körper, Normen, Schönheitsidealen arbeitet, besonders beschäftigt hat, denn: „Die Welt ist im Körper, der Körper ist in der Welt“, sagt sie. Noch am Tag vor der Programmpräsentation hatte Uhlich aus 75 hiesigen Bewerbern jene 20 ausgewählt, die splitterfasernackt und pandemiekonform die Frankfurter Version ihres Stücks „Habitat“ uraufführen sollen.

          „Fragile Balancen – ein Festival in der Schwebe“ haben Wagner, Heynderickx und die Tanzplattform Rhein-Main aus Mousonturm, Staatsballett und den Staatstheatern Darmstadt und Wiesbaden die fünfte Ausgabe betitelt. Weil auch der Tanz seine Balance sucht, nach Monaten ohne übliches Training, Proben, Aufführungen, und weil Pläne x-mal umgeworfen worden und weiter im Schweben sind. Passend dazu eröffnet der französische Artist und Choreograph Yoann Bourgeois mit einem artistisch-tänzerischen Parcours für Künstler und Publikum das Festival am Staatstheater Darmstadt: „Versuchte Annäherung an einen Scheitelpunkt der Schwebe“ lautet der Übertitel der vier Installationen, in denen Tänzer immer wieder neu ihre Balance finden müssen.

          „Fragile Balancen – ein Festival in der Schwebe“ ist die die fünfte Ausgabe der Tanzplattform Rhein-Main  betitelt.
          „Fragile Balancen – ein Festival in der Schwebe“ ist die die fünfte Ausgabe der Tanzplattform Rhein-Main betitelt. : Bild: Géraldine Aresteanu

          Mit Karina Smigla-Bobinskis interaktiver Installation ADA arbeitet in den nächsten Wochen die Choreographin Helena Waldmann, zusammen mit drei Tänzern des Staatsballetts. Heraus kommen soll eine Performance, an der auch das Publikum teilnehmen kann. Überhaupt setzen Wagner und Heynderickx auf Begegnung, Interaktion und ein analoges Festival nach Monaten des Digitalen. Auch Teilhabe ist ein Thema.

          Daher gibt es mit der Uraufführung „Body Boom Boom Brain“ der Frankfurter Gruppe Pinsker+Bernhardt ein Stück über Körperwahrnehmung und Pubertät für Zuschauer von zwölf Jahren an, außerdem wird erstmals, in Kooperation mit dem Kulturamt, das Zoo-Gesellschaftshaus mit Tanz für Kinder bespielt, „Birds“ richtet sich an Publikum von acht Jahren an, „Plock!“ mit viel Farbe ist schon für Kindergartenkinder geeignet. Sogar der beliebte Tanztag wird in sechs Städten mit guten 100 Kursen stattfinden, diesmal aber auf zwei Tage, 14. und 15. November, verteilt und nur mit vorheriger Anmeldung.

          Einblicke in die Geschichte einer Legende verspricht „Why Wait“ von Tony Rizzi zu werden, der an einer Uraufführung zu seiner Zeit am Ballett Frankfurt mit jungen Tänzern und Weggefährten der Ära Forsythe arbeitet. Insgesamt 16 Stücke umfasst der Spielplan des Festivals zurzeit, kaum weniger als sonst und mit mehr Terminen, um möglichst vielen Zuschauern die Teilnahme zu ermöglichen, selbst wenn die Bedingungen so bleiben wie derzeit. „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, sagt Heynderickx.

          DAS TANZFESTIVAL beginnt am 30. Oktober, Informationen unter tanzfestivalrheinmain.de.

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