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Frankfurter Galerien eröffnen : Farbenfroh auf Wolke sieben

Bei Beckers: Christopher Lehmpfuhl, BHF-Bank Frankfurt, 2019, Öl auf Leinwand Bild: Galerie Netuschil

Nach dem Corona-Schock verhaltener Optimismus: Beim 26. Saisonstart der Frankfurter Galerien ist die Fotokunst ein Schwerpunkt mit zahlreichen glänzenden Arbeiten.

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          Beinahe konnte man es hören: das Aufatmen des Kunstbetriebs. Auch wenn man sich zunächst erst einmal fragen mochte, ob diese spürbare Erleichterung vielleicht nicht eher einem Luftanhalten glich. Wussten doch so manche Galeristen nach dem langen Lockdown nicht, wie es jetzt weitergehen sollte. Nach Wochen, Monaten mitunter ohne Ausstellungen und Vernissagen, ohne Messen auch, von Kunstbetrachtern oder Käufern ohnehin zu schweigen. Denn wer, so konnte man allenthalben hören, wer denkt in diesen pandemischen Zeiten schon daran, ein Bild fürs Wohnzimmer zu kaufen?

          Christoph Schütte

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Selbst große Sammler denken jetzt womöglich zweimal über eine Neuanschaffung nach, und den meisten zeitgenössischen Museen fehlt in aller Regel ein Etat zum Ankauf neuer Werke, der diesen Titel auch verdiente. Und so sah man das Zentrum der Frankfurter Galerienlandschaft, die Fahrgasse also, im Sommer mitunter schon mal erschreckend leer, so dass man sich durchaus fragen mochte, wie das wohl zum traditionellen Saisonstart sich gestalten würde. Nun, sagen wir, es ist ein wenig anders als gewohnt, doch gottlob auch nicht allzu sehr. Sicher, Vernissagen ohne Sekt und Wein sind inzwischen fast die Regel, und statt am Freitag einfach von einer Galerie zur nächsten zu flanieren, war es ratsam, sich im Vorfeld einen Plan zurechtzulegen. Weniger um möglichst nichts und niemanden zu verpassen.

          Im KunstRaum Bernusstraße: Peter Vaughan, Komposition 2019, Bronze
          Im KunstRaum Bernusstraße: Peter Vaughan, Komposition 2019, Bronze : Bild: KunstRaum

          Man hat ja schließlich am Samstag und Sonntag noch zwei volle Tage Zeit. Doch wer will schon vor verschlossenen Türen stehen? Wilma Tolksdorf etwa lud zwar zur Eröffnung mit neuen Arbeiten des Becher-Schülers Axel Hütte, doch nur im kleinen Kreis, bei Sakhile&Me buchte man sich für einen Slot von einem, für die dichte Ausstellung doch recht knapp bemessenen Stündchen ein, und bei Grässlin ließ man es gleich gänzlich bleiben und eröffnet heute Vormittag eine jener Handvoll Ausstellungen, die man keinesfalls verpassen darf. Na und? Dann eben so. Hauptsache, der 26. Saisonstart findet statt. Und wie, wie man nach einem ersten Rundgang konstatieren darf.

          Kunstort Frankfurt muss sich keineswegs verstecken

          Bange machen gilt nicht, hat sich die Interessengemeinschaft der Frankfurter Galerien offenbar gedacht und ein Programm auf die Beine gestellt, das sich allemal sehen lassen kann. Zwar mag man „The Frankfurt Art Experience“, in die der Saisonstart mit „Talks“ und „Walks“ und einer eigenen Ausstellung eingebettet ist, für doch ein wenig aufgeblasen halten und das Geraune von der „internationalen Strahlkraft“ des Formats, von der bei der Programmvorstellung alleweil die Rede war, für verwegen. Doch was die Qualität angeht, daran lassen die Ausstellungen der mehr als 40 Galerien nebst einer ganzen Reihe freier, nicht kommerzieller Räume keinen Zweifel, muss sich der Kunststandort Frankfurt keineswegs verstecken.

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          Das gilt seit jeher für die auch in diesem Jahr nicht nur in den Galerien der Fahrgasse in jeder Hinsicht stark vertretene Malerei, auch wenn die Gegenüberstellung der pastosen Stadtlandschaften Christopher Lehmpfuhls und Liat Yossifors ziemlich großartigen, während des Lockdowns in Los Angeles entstandenen Papierarbeiten bei Beckers einigermaßen gewagt erscheint. Doch immerhin, es kommt ganz offensichtlich an. Schon am Eröffnungsabend, so die strahlende Anita Beckers, waren die ersten Arbeiten verkauft. Da war Bärbel Grässlin noch beim Aufbau und schwebte erklärtermaßen doch beflügelt von der Kunst „auf Wolke sieben“. Und angesichts der atelierfrischen Arbeiten Imi Knoebels, der an Silvester seinen 80. Geburtstag feiern kann, setzte man sich liebend gern ein farbenfrohes Weilchen mit dazu.

          So frisch, so experimentierfreudig sind die neuen, auf den Minimalismus früherer Jahre fröhlich pfeifenden Bilder in Acryl auf Aluminium, dass man von einem Alterswerk im Ernst nicht sprechen mag. Frankfurter Positionen lassen sich derweil bei Sakhile&Me mit Ana Paula Dos Santos, Eun-Joo Shin und Nigatu Tsehay oder bei Parisa Kind mit neuen Bildern des Städelschulabsolventen Hannes Michanek entdecken. Und auch in der Gruppenschau zur Zeichnung, mit der Hübner & Hübner in diesem Jahr die Herbstsaison eröffnen, finden sich etwa mit Heidi Riehl, Johannes Spehr oder Nicole van den Plas eine ganze Reihe in Frankfurt wohl bekannter Namen. Indes geht der ganz große Glanz in diesem Jahr wieder einmal von den fotokünstlerischen Positionen aus.

          Von der konzeptuellen, das Wesen des digital erzeugten Bildes befragenden Serie Johannes Franzens etwa in der L.A. Galerie, den farbsatten, weitgehend abstrakt anmutenden Arbeiten Frank Mädlers auch bei Peter Sillem; und während Axel Hütte bei Tolksdorf mit seinen „Flowers“ auf die Malerei des klassischen Stilllebens ebenso verweist, wie er sich einen fluoreszierenden Reim auf die Geschichte der Fotografie und namentlich die „Urformen der Kunst“ Karl Blossfeldts macht, findet man sich vor den Bildern Lynne Cohens in der Galerie Jacky Strenz in einem höchst merkwürdigen Universum wieder.

          Dabei weiß man durchaus, wo man sich befindet, hat die 2014 gestorbene Cohen, deren Werk allmählich auch in Europa entdeckt wird und im nächsten Jahr etwa im Centre Pompidou zu sehen ist, meist in funktionalen Räumen fotografiert. In militärischen Einrichtungen etwa, in Labors und Schulen, einem Schießstand der New Yorker Polizei vielleicht und an dergleichen Orten mehr. Als „found environments“ hat Cohen ihre mit der Großbildkamera eingefangenen Interieurs einmal charakterisiert, doch wiewohl sie Lobbys, Tonstudios und Herrenclubs so fotografiert, wie sie sie vorfindet, wirken sie doch stets wie sorgsam inszeniert. Sachlich, kühl und seltsam glatt. Und je näher man der Welt im Bild zu kommen trachtet, desto fremder, rätselhafter und bedrohlicher erscheint sie dem Betrachter. Großartig.

          ALLE GALERIEN sind Samstag und Sonntag jeweils von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Ein Faltblatt liegt aus. Weitere Informationen unter www.galerien-frankfurt.de.

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