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Frankfurter Künstler : Kunst als Schrei und Ausdruck

  • -Aktualisiert am

„Einfluss von außen wäre völlig störend“: In Florian Heinkes Atelier im Frankfurter Stadtteil Bornheim fällt kein Tageslicht. Bild: Helmut Fricke

Er nennt seine schwarzen, gegenständlichen Bilder „Black Pop“: Darin nimmt es Florian Heinke mit dem Ernst des Lebens auf. Zur Auflockerung malt er aber manchmal auch bunte.

          3 Min.

          Es ist ein ungewohnter Anblick. Expressiv wirken die farbintensiven Gemälde, die Florian Heinke seit einiger Zeit öffentlich zeigt. Auch der bisweilen spontan anmutende Malduktus überrascht. Ist doch der 1981 geborene Künstler mit seinen konsequent schwarzweißen, gegenständlichen Gemälden bekannt geworden, für die er den Oberbegriff „Black Pop“ etabliert hat. Die bunten Bilder male er zwar schon seit Jahren parallel, sagt Heinke. Aber er habe sie bis vor kurzem nicht präsentiert. Mit ihnen verbinde er „eher Freude“, während die schwarzen Bilder ernst, durchdacht und geplant seien: „Sie sind mein Werkkomplex.“

          Er habe das Gefühl gehabt, dass er jetzt etwas anderes zeigen könne, ohne dass die Betrachter irritiert seien, sagt Heinke. An diesem schwülwarmen Tag strahlt er Selbstbewusstsein aus. Während des Gesprächs raucht Heinke. Er formuliert gewählt, legt hin und wieder kurze Denkpausen ein. In sein Atelier im Frankfurter Stadtteil Bornheim dringt kein Tageslicht. Lediglich eine Glühbirne spendet etwas Helligkeit. Das Studio wirkt dadurch fast wie eine Höhle. Er brauche die Abgeschiedenheit, betont Heinke: „Einfluss von außen wäre völlig störend.“ Das Atelier sollte ein Ort der Ruhe sein, sagt er. Deswegen male er vorzugsweise nachts. Dabei hört er auch Musik.

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          Der Blick fällt auf Heinkes schwarzweiße Ölgemälde, die in einer Art Petersburger Hängung die Atelierwände zieren. Sie zeigen flirrende, bisweilen traumartige Szenerien, denen eine rätselhafte, düstere Grundmelodie eigen ist. Des Öfteren taucht im Bildraum eine weibliche Rückenfigur auf. Hier und da sind Tiere zu erkennen, von denen eine bedrohliche Wirkung ausgeht. Manche Bilder wiederum kommen einem vor wie Standbilder aus einem Film noir. Fast nostalgisch mutet ein Gemälde an, das einen Zeitungsleser zeigt, der fast vollständig hinter seinem Blatt verschwindet.

          Grundgedanke seiner Bilder: „Überdosiertes Paradies“

          Eine Interpretation seiner Arbeiten möchte Heinke ausdrücklich nicht anbieten: „Ich glaube, jedes Bild spricht für sich.“ Der Zugang sei da – oder eben nicht. Sie zu erklären wäre fatal und auch vermessen, ergänzt Heinke resolut. Das sollten andere machen, wenn er tot sei. Der Grundgedanke seiner Bilder sei mit den Worten „Überdosiertes Paradies“ einzufassen, verrät er lediglich. Später geht Heinke etwas ins Detail: „Die Boshaftigkeit des Menschen in Kombination mit der Intelligenz ist schon mein Thema.“

          Seine Bildideen entstünden, so der Künstler, fortlaufend im Alltag. Sie seien die eigentlichen, gedanklich weitgehend ausformulierten Bilder. Die Arbeit im Atelier sieht er als eine Art Mission, sie auf die Leinwand zu bannen. „Die Bilder sind toleranter geworden“, so charakterisiert Heinke seine künstlerische Entwicklung in den vergangenen Jahren. Kunst sei eine Form von Schrei und Ausdruck, und der sei in jüngeren Jahren nun einmal unreflektierter. „Sie sind einfach älter geworden“, sagt Heinke über seine Gemälde und lacht. Vielleicht seien sie heute auch symbolischer. Anfangs noch verwendete er oft Schrift. Die Bilder sprachen gleichsam direkt zum Betrachter.

          An die Entstehung seiner „Black Pop“Malerei um 2007 erinnert sich Heinke genau. Er habe damals bei Christa Näher an der Städelschule studiert und ein großzügiges Atelier genutzt. „Mir ging es darum, eine Form zu finden, die wiederholbar ist und noch nicht da war“, erzählt er. Irgendwann war es so weit: „Es war eine Nacht, da habe ich das gemalt.“ Ein großes Querformat sei entstanden – das Ursprungsbild seiner Werkreihe. Es sei damals um pure Gefühle gegangen, und die seien schwarz oder weiß. Seine Kunst sei, habe er damals gedacht, so wie die Pop-Art, nur eben mit Tiefe. An der Grundkonzeption der „Black Pop“-Bilder hält Heinke bei aller Weiterentwicklung bis heute fest.

          Heinke: „Die meisten Sachen interessieren mich nicht.“

          Diese Konzeption bedeutet auch eine Entlastung im Arbeitsprozess. Die Idee der Form stehe, dadurch gebe es keine Ablenkung, sagt Heinke. So könne er sich auf den Inhalt konzentrieren. Die Konzentration kann sehr intensiv sein. Wenn er an den schwarzen Bildern male, schaue er sich keine andere Kunst an, sagt er: „In der Zeit bin ich total egoistisch.“ Nur in den sich zwei- bis dreimal im Jahr ergebenden Pausen, in denen er die bunten Bilder male, stolpere er über andere Künstler. Überhaupt war Heinke eine eher seltene Erscheinung auf Frankfurts Vernissagen, als sie noch stattfanden. „Ich gehe zu Freunden und Sachen, die mich interessieren“, bekennt er und macht sogleich deutlich: „Aber die meisten Sachen interessieren mich nicht.“ Heinke hat, so scheint es, einfach keine Zeit, zu Ausstellungseröffnungen zu gehen: „Ich arbeite halt.“ Er konzentriere sich darauf, zu malen und Geld zu verdienen.

          Nach dem Studienabschluss im Jahr 2009 ist Heinke bewusst in Frankfurt geblieben: „Ich habe hier ein kleines Netzwerk an Freunden und ein kleines Kunstnetzwerk, das mich umgibt.“ Ausdrücklich erwähnt Heinke seine Galeristin Heike Strelow. Das Netzwerk funktioniere, freut er sich. In Frankfurt fühle er sich wohl. Der Flughafen, die zentrale Lage der Stadt, die Kunstsammler, die hier ankommen – das sind Dinge, die aus Florian Heinkes Sicht für Frankfurt sprechen. Und dann nennt er noch einen weiteren, für seine Verhältnisse beinahe sentimental klingenden Grund: „Ich bin eben von hier.“

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