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Film „Spitzbergen“ : Die Fernwehmacher bleiben daheim

Eingepackt: Die Filmemacher Silke Schranz und Christian Wüstenberg in der Arktis Bild: Max Muzhas

Ihr Film „Spitzbergen“ kann wegen Corona nicht in die Kinos kommen. Nun fehlt den Frankfurtern Silke Schranz und Christian Wüstenberg eine Menge Geld – sie suchen neue Wege zum Publikum.

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          Blauäugig kann man sie wirklich nicht nennen. Immerhin sind sie schon länger im Geschäft. Einem, das keine großen Reichtümer verspricht. Silke Schranz und Christian Wüstenberg haben „Neuseeland auf eigene Faust“ mit der Kamera erkundet, „Australien in 100 Tagen“ oder auch vor ein paar Jahren schon Südafrika bereist, sie sind die Küste Portugals von Sagres im Süden über Lissabon nach Porto entlanggewandert. Und vor neun Jahren hatten die beiden Frankfurter Dokumentarfilmer mit „Die Nordsee von oben“ mit 250.000 Zuschauern für ihr Genre einen veritablen Hit gelandet. Immer reichten die Erlöse aus, ein neues Projekt zu entwickeln und zu stemmen. Bis jetzt. Bis zu „Spitzbergen“. Soll heißen: Bis das Coronavirus kam.

          Christoph Schütte

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Waren doch von jetzt auf gleich die Kinos in ganz Deutschland dicht. Die beiden Filmemacher mussten ihre eben erst gestartete Tour durch die Filmtheater buchstäblich über Nacht beenden. Alle 315 Kinos, so Wüstenberg, hätten sämtliche Einsatztermine storniert. Rund 200.000 Euro hat die Produktion gekostet, 200.000 Euro, die der Film im Kino wieder einspielen sollte. „Das ist die Summe, die uns jetzt fehlt“, sagt Wüstenberg. „Ob wir als unabhängige Filmemacher überleben werden, steht in den Sternen.“ Denn wenn die Kinos nach der Pandemie eines Tages wieder öffneten, werde es ohnehin einen gewaltigen Filmstau geben. „Und da die Kinos nach der Wiedereröffnung dringend Geld brauchen, werden sie die großen Blockbuster spielen. Und nicht unbedingt einen Dokumentarfilm über Spitzbergen.“

          Sämtliche Termine in 315 Kinos storniert

          Vermutlich haben die beiden unabhängigen Filmemacher, die von der Regie über die Produktion bis zum Schnitt am liebsten alles selbst machen, mit dieser Einschätzung bitter recht. Dabei gehört „Spitzbergen. Auf Expedition in der Arktis“ unbedingt auf die große Leinwand. Nicht nur, weil Schranz und Wüstenberg, die seit zwölf Jahren gemeinsam Reisefilme drehen, nun einmal Cineasten sind. Im Kino könne man sich „ganz darauf einlassen“, weil man im dunklen Saal nicht abgelenkt werde, so Schranz. Die Konzentration sei ganz anders, man könne das Erlebnis miteinander teilen. Vor allem will und kann man nur im Kino mit den Filmemachern zusammen staunen. Oder, angesichts der nicht zu übersehenden Zeichen der Bedrohung angesichts des Klimawandels, vor der weitgehend unberührten Landschaft unwillkürlich melancholisch werden.

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          „Wir reisen nur in Regionen, die uns persönlich wahnsinnig interessieren“, erläutert Wüstenberg die Ziele des Duos, und das merkt man auch der Expeditionsreise mit der MS Togo in die Arktis an. Nur dass es für „Spitzbergen“ nicht einmal ein festes Drehbuch und auch keine festgelegte Route gab. „Der Käpt’n hat das letzte Wort.“ Und Wind und Wellen, Sturm und Wetter – selbst in diesem arktischen Sommer, in dem Kapitän Kim den umgebauten Fischtrawler nach Ny-Ålesund und zum Smeereburg Gletscher, nach Phippsøya und zum Bråsvellbreen einmal rund um das Archipel im hohen Norden steuerte.

          Als Zuschauer kann man sich kaum sattsehen an der grandiosen Landschaft, an kalbenden Eisbergen, Fjorden und eisiger Steppe, staunt über „die Natur, die Weite und die Ruhe“, wie es einmal heißt. Und hält im nächsten Augenblick gemeinsam mit den neun Passagieren seinen Atem an. Rentiere, ein Eisbär und noch einmal einer, hier pflügt ein Blauwal majestätisch durchs eisig kalte Wasser, und dort ruht sich eine Walrosssippe gerade fett und schnaubend aus. „Die Fernwehmacher“ nennen sich Silke Schranz und Christian Wüstenberg mit ihren Reisefilmen gerne, und da ist zweifelsohne etwas dran.

          Auch den Vertrieb übernehmen die beiden jetzt selbst

          Allein wohin und wann, mit welchen Mitteln soll es jetzt weiter gehen? Das wissen sie gerade selbst nicht so genau. Erst einmal haben die beiden Filmemacher sich zu einem ungewöhnlichen Schritt entschieden. Sie haben die eigentlich erst für den Spätsommer vorgesehene Veröffentlichung des neunzig Minuten dauernden Films auf DVD um ein halbes Jahr nach vorn verlegt. Um zu retten, was zu retten ist. Und dann? Dass es „Spitzbergen“ noch ins Kino schafft, die Hoffnung haben sie im Grunde aufgegeben. Selbst Amazon hat den Vertrieb des Films soeben abgelehnt – es gebe gerade Wichtigeres. Da übernehmen sie das eben auch noch selbst.

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