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Frankfurter Buchmesse : „Voneinander lernen statt gegenseitig ausschließen“

Chinas Vize-Präsident Xi Jinpin ging auf die kritischen Anmerkungen zur Regierung des Gastlands zur Eröffnung nicht ein Bild: Frank Röth

Die Frankfurter Buchmesse will im Verhältnis zum Gastland China zum „Wandel durch Annäherung“ beitragen, wie ihr Direktor Boos sagt. Ministerpräsident Koch will mit einem „stolzen, großen China“ sprechen. Und Frankfurts Stadtoberhaupt Roth freut sich über das Bekenntnis der Messe zu Frankfurt.

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          Mit an die Volksrepublik China gerichteten Ermahnungen, die Menschenrechte zu achten, ist die 61. Frankfurter Buchmesse eröffnet worden. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte, sie gehe davon aus, dass es in den Diskussionen mit den Vertretern des diesjährigen Gastlands keine Tabus geben werde. „Das ist nämlich der Kern der Meinungsfreiheit, für die kaum ein Genre der Kunst so sehr steht wie die Literatur.“

          Florian Balke
          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der stellvertretende chinesische Staatspräsident Xi Jinping ging auf die entsprechenden Bemerkungen sämtlicher deutscher Redner nicht ein. Er begrüßte den chinesischen Ehrengastauftritt als Gelegenheit, der Welt eine reichhaltige traditionelle Kultur und ein prosperierendes Verlagswesen vorzustellen. Die menschliche Geschichte bezeichnete er als Prozess des steten Austauschs, der auf die Überwindung von Vorurteilen angewiesen sei und durch unterschiedliche Gesellschaftssysteme nicht behindert werden dürfe. „Wir sollten voneinander lernen, statt uns gegenseitig auszuschließen.“

          „Werther“ und „Der Traum der roten Kammer“

          Der Schriftsteller Mo Yan stellte seine Rede in das Zeichen Goethes. Dessen „Werther“ sei knapp zehn Jahre nach dem chinesischen Klassiker „Der Traum der roten Kammer“ entstanden. Wie sein fernöstlicher Vorgängerroman sehne er sich nach der Überwindung der Feudalgesellschaft durch das freie Individuum. Literatur, die mit Goethes Begriff als „Weltliteratur“ zu verstehen sei, überschreite alle kulturellen Grenzen. „Sie deckt das uns allen gemeinsame Geheimnis menschlicher Gefühle auf.“

          Gottfried Honnefelder, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, hatte zuvor von der allgemeinen Geltung der Menschenrechte gesprochen. „Wir vertreten die Meinungsfreiheit als ein unveräußerliches Grundrecht. Es gilt über alle nationalen Grenzen und kulturellen Unterschiede hinweg.“ Honnefelder entschuldigte sich indirekt für die Ausladung der chinesischen Autoren Dai Qing und Bei Ling vom Frankfurter China-Symposion im September. Wenn man gegen den eigenen Maßstab verstoße, sei eine solche Entschuldigung kein Gesichtsverlust.

          Jürgen Boos, Direktor der Buchmesse, sagte, die Bücherschau könne Konflikte aufzeigen, aber nicht lösen. „Sie ist nicht die Uno.“ Am Morgen hatte er geäußert, die Buchmesse verurteile „die Menschenrechtsverletzungen und Einschränkungen der Meinungs- und Pressefreiheit in der Volksrepublik China auf das Schärfste“, wolle jedoch zu einem „Wandel durch Annäherung“ beitragen.

          Bekenntnis der Buchmesse zu Frankfurt

          Der hessische Ministerpräsident Roland Koch (CDU) sagte, er wolle mit einem „stolzen, großen China“ sprechen. Nur wer das „Selbstbewusstsein“ des Gesprächspartners akzeptiere, könne etwas erreichen. Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) freute sich in ihrem Grußwort über das Bekenntnis der Buchmesse, bis mindestens 2023 in Frankfurt zu bleiben, und verwies auf die Frankfurter Tradition des kritischen Diskurses, von dem der Buchmessendialog mit China getragen werden müsse. Bis zum 18. Oktober werden auf dem Messegelände knapp 7300 Aussteller mehr als 400.000 Bücher und Verlagsprodukte zeigen. Zum ersten Mal seit Jahren konnte die Buchmesse gestern nicht mehr durchweg bessere Zahlen präsentieren als im Vorjahr. Honnefelder verwies zwar darauf, dass die deutschen Verleger und Buchhändler in den ersten neun Monaten dieses Jahres trotz Krise ein Umsatzplus von 2,8 Prozent erwirtschaften konnten. Die Schwierigkeiten der internationalen Buchbranche bekommt aber auch die Buchmesse zu spüren.

          Nach Angaben von Boos konnte sie in diesem Jahr zwei Prozent weniger Ausstellungsfläche vermieten als 2008. Der weiter wachsende Rechtehandel, der für die Mehrheit der Fachbesucher im Mittelpunkt jeder Buchmesse steht, machte allerdings auch in diesem Jahr den abermaligen Ausbau des Agentenzentrums erforderlich. Am Wochenende ist die Buchmesse für alle Besucher geöffnet.

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