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Chocolate Remix in Frankfurt : „Wir kümmern uns drum“

  • -Aktualisiert am

Die argentinische Programmiererin, Rapperin und Produzentin Romina Bernardo als DJane Chocolate Remix Bild: Kulturprojekt 21 e.V.

Kantiger latino-karibischer Beat als Rap-Basis, ein Elektropop-Gemisch aus jamaikanischem Dancehall und Cumbia mit Gesellschaftskritik: Chocolate Remix in der Frankfurter Brotfabrik. Am Freitag gibt es in Darmstadt einen Nachschlag.

          Chocolate Remix muss mit einem Kaltstart beginnen. Es gibt kein Vorprogramm an diesem Abend in der Frankfurter Brotfabrik. Die Musik vom Band vorher bleibt leise, die Zuhörer schlendern hin und her. Nur vorne scheinen ein paar junge Frauen, die Stretchübungen vollziehen, zu wissen, was hier gleich passieren soll: eine Reggaeton-Show, ausschließlich weiblich besetzt.

          Endlich entlockt die gutgelaunte DJane dem Laptop den ersten Beat und entfaltet ihn in angemessen kräftiger Lautstärke. Tamm, tadamm, tamm. Ein Rhythmus, bei dem jede mit muss. Ein kantiger latino-karibischer Beat als Rap-Basis, im Wesentlichen ein Elektropop-Gemisch aus jamaikanischem Dancehall und Cumbia.

          Zuerst war Reggaeton harter Underground, etwa in Panama oder Puerto Rico. Dann kamen die Stars und die Hits, erst kontinent-, dann weltweit. „Dancehall Reggaespañol“ hieß eine der ersten Zusammenstellungen 1991. Aber ob in Armen-Barrios oder auf der Jetset-Jacht, die Protagonisten waren (und sind) im Wesentlichen lauter Kerle, und ihre oft öden oder fiesen sexistischen Texte waren ihr fragwürdiges Markenzeichen. Der Begriff „Latin Ballermann“ liegt nahe.

          Die argentinische Programmiererin, Rapperin und Produzentin Romina Bernardo beschloss vor einigen Jahren, dass Reggaeton zu gut sei, um ihn den Machos zu überlassen. Also veröffentlichte die lesbische Partygängerin als Chocolate Remix online ihre Lieder, als erstes „Nos hagamos cargo“ („Wir kümmern uns drum“), bald „Lo que las mujeres quieren“ („Was die Frauen mögen“).

          Zu gut, um die Musik den Machos zu überlassen

          Als sie diese beiden Songs in der zweiten Hälfte des einstündigen Abends hintereinander feiert, denkt längst niemand mehr an den Kaltstart. Es ist nicht wirklich voll geworden im Saal, aber vor der Bühne kochen die Tänzerinnen. Die schmale, energische Künstlerin im silbernen Shirt und Boxerhose federt lachend über die Bühne.

          Ihre sicher und groovy plazierten Raps erobern lauthals den Raum, und die Message – sie entschuldigt sich für manche ausführliche englischsprachige Erklärung – ist längst angekommen: Ihr „Lesbian Reggaeton“ hat sich diese Popkultur angemessen angeeignet, weil sie ihr einen feministischen Kontext gibt. Sie bricht die sexistische (Hetero-)Norm, bleibt dabei aber in Sound, Wort und Bild so wunderbar sexy, dass auch die Männer im Publikum ihre ungetrübte Freude an den beiden ausgelassenen Gogo-Tänzerinnen und ihren kreisenden und zuckenden Pos haben.

          Kolonialerfahrungen, Homophobie und Sexismus

          „Perreo“ heißt der Tanz in nach vorn gebeugter Haltung, im HipHop seit Jahren als Twerken adaptiert. Er hat eine toxische Geschichte aus Kolonialerfahrungen, Homophobie und Sexismus. „Dem Bow“ („Die sich beugen“) hieß 1991 der erste Reggaeton-Welthit des jamaikanischen Dancehall-Sängers Shabba Ranks, in dem die Stellung als Unterwerfungsgeste verhöhnt wurde.

          Chocolate Remix hat das enorm eingängige Stück umgetextet und singt nun zusammen mit dem Publikum „Bien bow“ („Schönes Beugen“). Kurz zuvor haben alle zusammen schon „Ni una menos“ gesungen, ihre Unterstützung für die gleichnamige lateinamerikanische Bewegung, die die Gewalt gegen Frauen anklagt. Der Freude an der Show schadet dieser Background keineswegs, im Gegenteil. Es ist nicht zuletzt diese genuin menschenfreundliche Haltung, die die gemeinsame Party befeuert.

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