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Abschied von Monika Schoeller : Letzter Spaziergang

Monika Schoeller, geboren am 15. September 1939 in Stuttgart, gestorben am 17. Oktober 2019 in Filderstadt, im November 2018 in Frankfurt Bild: Picture-Alliance

Trauerfeier für Monika Schoeller: Einen Monat nach dem Tod der Fischer-Verlegerin wird ihrer in Frankfurt gedacht.

          3 Min.

          Voll ist es in der Dreikönigskirche. So wie sonst nur zu Weihnachten, zu Konzerten oder wenn es um jemanden geht, den viele gemocht haben. Mehr als 40 Jahre lang hat Monika Schoeller den S. Fischer Verlag geleitet, dessen Sitz an der Hedderichstraße nur ein paar hundert Meter entfernt ist. Am 17. Oktober ist die Verlegerin mit 80 Jahren in Stuttgart gestorben, wo sie geboren wurde und begraben liegt, nun, gut einen Monat nach ihrem Tod an jenem Buchmessendonnerstag, gibt es eine Trauerfeier an ihrem einstigen Arbeitsort.

          Florian Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Familie, Freunde, Frankfurter, alle sind gekommen. Mitarbeiter und Ehemalige des Verlages haben sich an diesem sonnigen Novembersamstag versammelt, Autoren von Carolin Emcke bis Zsuzsa Bánk füllen die Bänke der neugotischen Kirche am Sachsenhäuser Ufer des Mains. „Dein ruhig fließender Begleiter bei vielen einsamen Spaziergängen“, sagt Schoellers Bruder Stefan von Holtzbrinck. Mit ihm zusammen stand sie lange an der Spitze der Holtzbrinck Publishing Group, zu der in Deutschland neben der Wochenzeitung „Die Zeit“ und dem Fischer-Verlag auch Rowohlt, Kiepenheuer & Witsch sowie Droemer Knaur gehören. Er verabschiedet die viele Jahre ältere Schwester nun mit den persönlichen Worten des kleinen Bruders. Es müsse erwähnt werden: „Wie unendlich dankbar ich dir bin und wie sehr ich dich geliebt habe.“

          Erinnerungen des Bruders

          Er erinnert an Lebensorte und Maximen („Kirchen und Museen immer von innen, Arztpraxen eher von außen“) an „Frankfurt, deine Heimat, an der du die Internationalität liebtest“, Schoellers Gärten, die aus einem Park oder aus einem Lindenbaum vor dem Haus bestehen konnten, ihren unzuverlässigen elektrischen Teekessel („Er tut es, wenn du ihm gut zuredest“) und „dein größtes Geschenk“, die Tochter Christiane. „Und immer wieder Fischer, dein Erbe, unser Erbe, auch in Zukunft.“ Mit dem von Schoeller berufenen Jörg Bong sei ein weiterer der für den Verlag typischen Aufbrüche in die Moderne erfolgt. „Mit Siv Bublitz steht nun eine mutige Verlegerin für Fortführung, aber auch weiteren Wandel.“

          Pfarrerin Silke Alves-Christe zitiert zwischen Bach, Telemann, Haydn und Purcell Rilkes Worte vom Fallen der Blätter und Seelen, Arno Mahlert, Vorstand der von Schoeller aus ihrem Vermögen gegründeten S. Fischer-Stiftung, nennt die großzügig betriebene Förderung von Übersetzungen und Editionen ein „Abenteuer in großer Freiheit“, das Schoeller sämtlichen Mitarbeitern geschenkt habe: „Führen war bei dir nicht Anordnen, Führen war Herbeiführen.“

          Die Dinge so gestalten, dass es klappt, das bescheinigt der Chefin auch Bublitz. Einen „Unternehmer des Kommenden“ habe Thomas Mann in seinem Nachruf den Verlagsgründer Samuel Fischer genannt: „Eine gute Beschreibung der Aufgabe des Verlegers.“ Schoeller habe als frisch angetretene Verlegerin mit feministischen Titeln von Alice Schwarzer, der Reihe „Die Frau in der Gesellschaft“ und der Serie „Fischer alternativ“ sofort bewiesen, dass sie sich an Manns Stellenbeschreibung zu halten gedachte, von der „Schwarzen Reihe“ und Nobelpreisträgern wie William Golding, Doris Lessing, V. S. Naipaul und J. M. Coetzee einmal ganz abgesehen. Sie habe Fischer ein reiches Erbe hinterlassen. „Nun sind wir die Treuhänder für den Verlag, der uns anvertraut ist und dem die Autoren sich anvertraut haben.“ Wie man ein solches Erbe gestalte, habe Schoeller jeden Tag gezeigt. „In diesem Sinne wird sie an unserer Seite bleiben.“

          „Als Verlegerin war sie süchtig nach dem Morgen“, fügt Hans Jürgen Balmes hinzu, seit langem zuständig für die ausländische Literatur, nun Editor-at-large: „Das lehrte sie uns.“ Als eine der ersten Frauen „in der Männerdomäne der starken Verleger“. Sie habe eine Stille gesucht und zu erzeugen gewusst, die nicht als „Abwesenheit von etwas“, sondern als „Anwesenheit von allem“ zu begreifen gewesen sei: „Nach einem Gespräch mit ihr fühlte man sich immer ein wenig mehr bei sich zu Hause.“

          „Wie gerne hätte ich Monika davon erzählt“

          Christoph Ransmayr schließlich spricht für die Autoren. Denkt zurück an einen Spaziergang über den Roten Platz, auf dem ihm Schoeller mit dem Lächeln entgegenkam, das gezeigt habe, dass sie sich über die Begegnung mit einem anderen Menschen freute, spricht von ihrem ersten gemeinsamen Gang über die Frankfurter Buchmesse, auf dem sie sich zwischen Lautsprecherdurchsagen und Bücherstapeln gemeinsam von Kaschmir bis nach Borneo träumten, und berichtet von einem letzten, ihr vorgeschlagenen, dann aber alleine unternommenen, durch Griechenland, am Meer entlang, unterhalb des Taygetos-Gebirges auf der Halbinsel Peloponnes, von dem er ihr mit Kurznachrichten ins Krankenhaus berichtete.

          In ihrem letzten Telefonat habe sie keinerlei Aufhebens von sich gemacht, sondern ihn stattdessen nach dem Tod seiner Schwester Maria wenige Wochen zuvor befragt. Nach ihrem Tod träumte er auf dem Heimflug davon, wie Schoeller und seine Schwester am Ionischen Meer in die Ferne gingen: „Wie gerne hätte ich Monika davon erzählt. Und ich hoffe, ich hätte sie lächeln sehen.“

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