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Fräulein Julie : Dame mit Winterlandschaft und Hirsch

  • -Aktualisiert am

Diese Julie ist eine vielfache. Bild: Bettina Müller

Zwischen Albtraum und Assoziationsfreude: Robert Borgmann inszeniert „Fräulein Julie“ sehr frei nach Strindberg am Staatstheater Mainz.

          3 Min.

          Wenn ein Stück, das angeblich in der nordischen Mittsommernacht spielt, damit beginnt, dass ein kleines Mädchen Schuberts Lied "Der Wegweiser" aus der "Winterreise" singt, während schwarze Asche vom Bühnenhimmel im Kleinen Haus rieselt, ahnt man schon, dass hier kräftig gegen den Strich gebürstet wird. Zutreffend nennt der 1980 geborene Robert Borgmann seine Inszenierung von August Strindbergs "Fräulein Julie" eine "Überschreibung" und macht unter anderem mit T.S. Eliots Langgedicht "Aschermittwoch", das Andrea Quirbach in der Rolle der gealterten Julie quälend lang vorträgt, klar, dass es sich bei diesem Abend um eine Collage, um einen ganz persönlichen Bewusstseinsstrom und, ja, um eine brachiale Textvergewaltigung handelt. Sie hätte das Zeug zum Skandal, wäre das Publikum nicht längst gegen Attacken dieser Art immunisiert.

          Die neurotisch-katastrophische Lustleidenschaftsverstrickung der Grafentochter Julie mit dem Diener Jean spielt sich bei Strindberg in einer einzigen Nacht ab und endet, wie im ausgehenden 19. Jahrhundert üblich, mit der Entleibung des gefallenen Mädchens. Splitter dieser verwickelten Herrin-Knecht-Beziehung machen auch in Borgmanns Inszenierung den Kern des Dramas aus. Man sieht eine junge Frau, die sich spielerisch aus ihrer Rolle und ihrem Stand befreien will, man sieht einen Mann, der seinen Respekt ablegt und seine unterdrückten Triebe, seinen Hass auf die Frau als solche und als gesellschaftlich über ihm Stehende gewaltsam auslebt. Dass beide daran zerbrechen, zeigt Borgmann an den kläglich beschmutzten nackten Leibern, die sich hilflos aneinanderklammern.

          Ein auf Karl Marx getrimmter Herr ist sher skurril

          Ausgehend von diesem immerhin noch vorhandenen Kern des Strindberg-Textes (in der Übersetzung von Peter Weiss), zieht die Inszenierung Linien in verschiedenste Richtungen, ändert Chronologien und addiert eine inkommensurable Zutatenflut.

          Zunächst einmal tritt uns Julie dreifach, als kleines Mädchen, als junge und als ältere Frau, entgegen. Dann gibt es noch eine weitere alte Frau (Monika Dortschy), die in einer kleinen Küche aus Familien- und Kriegsfotos einen Papierbrei kocht. Zudem laufen im Bühnenhintergrund Filme von explodierenden Gebäuden, immer wieder auch erkennt man auf Fotos Aufmärsche der Nazis, Szenen aus der russischen Revolution, konterkariert von idyllisch spielenden Kindern. Höhepunkt der Skurrilitäten ist ein auf Karl Marx getrimmter Herr, der ins Publikum klettert und die aktuelle Version seines Aufrufs zur Revolution verteilt: "Der kommende Aufstand".

          Radil subjektive Inszenierung

          Dazu passt auch das Trödelladenarrangement der wie halbfertig offenen Bühne (Raum: Michael Rütz), wo Stilmöbel, alte Sofas, Caspar David Friedrichs "Winterlandschaft mit Kirche" sowie ein Hackklotz nebst Axt und Holzscheiten koexistieren. All dies steht unverbunden nebeneinander, hin und wieder suggestiv untermalt von Musik. Die Assoziationen schweben heran, verschwinden schnell wieder; sie folgen nicht der Logik eines Diskurses, sie folgen der nichtgreifbaren Logik des Traums, genauer gesagt: des Albtraums.

          Hier liegt die Stärke dieser radikal subjektiven Inszenierung, hier liegt auch ihre Achillesferse. Für den, der sich der Suggestionskraft der eindringlichen Bilder überlässt, wird der Abend zu einer atemberaubenden Reise auch ins eigene Unbewusste, entsteht aus den herandrängenden Assoziationsketten ein bezwingendes Geflecht, verlagert der sprunghafte Gang durch Liebe, Ständeunterschiede, Gewalt und gesellschaftliche Folgen der herrschenden Ungerechtigkeiten sich nahezu unmerklich ins Innere des Zuschauers. Dann ist der Abend gespickt mit magischen Momenten, in denen Traumbilder sich materialisieren: Menschen mit Hirschgeweih, Menschen mit Fensterrahmen als Krücken, und ein ewiger Wanderer sitzt am Klavier. Textstücke werden variiert, kommentiert und aus unterschiedlichen Perspektiven gleichzeitig vorgeführt. Man begreift nichts, folgt dem Abend aber gleichsam mit offenem Mund.

          Was für ein grässlicher, atemberaubend ungeschlachter Theaterabend!

          Wem indes der Bilderwirbel fremd bleibt, wird in zwei sich dehnenden Stunden von einem Reizflächenbombardement überzogen, in dem er vergebens Sinn, Verstand und Halt sucht. Dann wird das ganze symbolhafte Durcheinander zu einem überinszenierten Privatquatsch. Dass Robert Borgmann sich dieser Gefahr ausgesetzt hat, zeugt von Mut, wenn nicht von Übermut oder Tollkühnheit.

          Immerhin hat Robert Borgmann mit Andrea Quirbach (Julie, alt), Lisa Mies (als hier sehr in den Hintergrund gedrängte Magd Kristin) sowie Stefan Graf (ein Jean nur wenig älter als Julie), vor allem aber mit Katharina Knap als junger Julie ein preiswürdiges, vom Publikum frenetisch gefeiertes Ensemble, das ihm bei dieser Tour de Force willig gefolgt ist. Knaps Julie ist stupend, und auch wenn sie in der Regieeinfallsflut bisweilen unterzugehen droht, bleibt sie doch immer das funkensprühende Zentrum. Mal gibt sie die Verführerin, mal die Göre, sie ist eine Traurig-Verliebte, dann wieder steigt sie aus der Rolle aus und macht sich darüber lustig, dass Frauen im Theater immer nur von Liebe quatschen. Dazu passt der Selbstmord als lächerliches Armgeritze mit roter Farbe.

          Was für ein grässlicher, atemberaubend ungeschlachter Theaterabend! Wirklich gelingen kann es nicht, ein Stück zu spielen, dabei dessen Wirkungsgeschichte und ein ganzes Jahrhundert und den Kampf der Geschlechter zu reflektieren. Aber es kann ungemein spannend sein, bei diesem Scheitern zuzuschauen. Wer einen soliden, naturalistischen Strindberg- Abend verbringen möchte, sollte das Mainzer Staatstheater weiträumig meiden. Wer sich einer grandiosen Zumutung aussetzen will, sollte diesen Karneval frei nach "Fräulein Julie" anschauen.

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