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Fotografie : „Jetzt“ ist immer auch gestern

Katalanische Fotokunst: Humusgarten von Manuel Esclusa Bild: Manuel Esclusa/ Fotografie Forum International

Das Ende eines Zeitalters: Das Frankfurter Fotografie Forum international zeigt im ehemaligen Literaturhaus mit „Nou - Now“ zeitgenössische katalanische Fotokunst.

          3 Min.

          Man muss nicht gleich an Fotohandys denken. Oder an das Geknipse der Besucher auf der documenta XII, wo die im Vorübergehen, gleichsam aus der Hüfte geschossenen Bilder der hehren Kunst ein zweites digitales Leben zu versprechen schienen. Das analoge Zeitalter der Fotografie, sagen täglich die Zeitungsbilder, geht nicht, wie vor ein paar Jahren noch gedacht, langsam zu Ende. Es ist ganz offensichtlich schon vorbei. Und das Verblüffende daran ist: Man merkt es zunächst kaum. Dass es vor allem Künstler waren, die in ihren Arbeiten die digitale Revolution thematisiert haben einerseits, die neuen Möglichkeiten ihres Mediums virtuos genutzt haben andererseits, ist derweil keine große Überraschung.

          Christoph Schütte

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Wenn nun das Frankfurter Fotografie Forum international zehn Künstler der Buchmesse-Gastregion Katalonien in seinem Domizil im ehemaligen Literaturhaus (Bockenheimer Landstraße 102) vorstellt, dann spiegelt die „Nou – Now“ betitelte Ausstellung zwar die gegenwärtige Entwicklung mit ihren verschiedenen Facetten. Doch der Blick auf „Jetzt“ ist auch ein Blick zurück. Denn der Kurator David Balsells, Leiter des traditionsreichen Festivals „Primavera Fotogràfica de Catalunya“, hat Fotografen aus zwei Generationen ausgewählt, deren Sicht der Welt – und des Mediums – äußerst differenziert ausfällt. Und es sind zunächst vor allem die Pioniere der katalanischen Fotokunst, deren Bilder das Ende eines Zeitalters besingen.

          Im Internet zusammengesuchte Fotos

          „Googlerams“ nennt etwa Joan Fontcuberta seine aus tausenden, nach einer Handvoll Stichworten im Internet zusammengesuchten Fotos bestehenden Arbeiten, die er zu Mosaikbildern topographischer, politischer oder kunstgeschichtlicher Motive zusammensetzt. Und es gehört nicht viel Phantasie dazu, die Bilder als einen sarkastischen Kommentar auf die Informationsgesellschaft zu lesen. Dagegen erscheinen die malerisch-abstrakten „Humusgärten“ des 1952 in Barcelona geborenen Manel Esclusa als Variation des klassischen Themas der Vergänglichkeit ebenso wie als Requiem der klassischen Fotografie.

          Denn was man sieht auf diesen Digitalabzügen, hat die Natur und nicht etwa moderne Technik am analogen Material der Diafilme katastrophisch angerichtet – mit Wärme, Kälte, vor allem aber reichlich Überschwemmungswasser im Atelier des Künstlers. Dagegen zeigen sich Anna Ferrer und Manolo Laguillo in ihren Serien vor allem an sozialen Kontexten interessiert. Während Laguillos sich von außen, von den Rändern der Stadt nähernde Aufnahmen sich lückenlos in sein seit 30 Jahren betriebenes Projekt über Barcelona einfügen, erzählen die Bilder Ferrers, die in der Klasse von Bernd Becher in Düsseldorf studiert hat, vom Elend der kolumbianischen Landbevölkerung. Nichts als Slums zeigen diese Fotos, bis zum Horizont und irgendwo an der Peripherie der großen Städte.

          Erstaunlich stark vertretene Stillleben

          Doch die Menschen, die darin hausen, kommen oft weniger, um ihr Glück zu machen, als um ihre nackte Haut zu retten – vor der Guerrilla, dem Drogenhandel und keineswegs zuletzt vor den paramilitärischen Einheiten der Viehzüchter, Industriellen und Großgrundbesitzer, die sie mit Gewalt von ihrem Land vertreiben. Und doch sind es schließlich die erstaunlich stark vertretenen Stillleben, die den tiefsten Eindruck hinterlassen. Das gilt sowohl in formaler Hinsicht – in den Arbeiten lassen sich die subtilsten Kommentare auf das eigene Medium finden – als auch für den je eigenen Ton der Melancholie, den diese Kompositionen mit unterschiedlichen Mitteln variieren.

          Doch während Pere Formiguera seine bei Freunden und Verwandten ausgegrabenen „Capsas“, Schachteln also voller Kreiden, Model oder Bausteine, analog und in Farbe fotografiert, überrascht Tony Cartany mit einer neuen Serie von barocker Kraft. Seit 30 Jahren beschäftigt sich der Künstler mit dem Thema der „Nature morte“ und „Vanitas“. Doch dass ausgerechnet die aktuellen, grobkörnigen Schwarzweißaufnahmen – Lilien, Muscheln oder Schneckenhäuser – den Möglichkeiten digitaler Technik geschuldet sind, ist eine von sanfter Ironie begleitete Pointe, die man zunächst kaum glauben mag.

          Hommage an das Industriezeitalter

          Dagegen bleibt der 1963 geborene Jorge Ribalta beim klassischen Mittelformat. Er findet damit zu Kompositionen, deren Mittel ihrem Gegenstand auf ungemein stille und zugleich atemberaubende Weise entsprechen. Nichts als Schrauben, Werkzeug und Maschinen zeigen diese Bilder in Schwarzweiß, die kurz vor der Schließung in einem metallverarbeitenden Betrieb entstanden sind. Doch als Hommage an das Industriezeitalter, als Epilog auf die Moderne wie auf die analoge Technik im Augenblick ihres Verschwindens ist Ribaltas Serie von einem ästhetischen Zauber, wie man ihn in der mehr und mehr von Konzepten geprägten zeitgenössischen Fotografie eher selten findet.

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