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Fotoausstellung : Reise ans Ende des Regenbogens

Die Ausstellung „Das verlorene Paradies" in den Rüsselsheimer Opelvillen widmet sich dem Thema „Landschaft in der zeitgenössischen Fotografie“. Unter den 70 Arbeiten von 16 Künstlern findet sich weit mehr als nur romantischen Bezüge.

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          Angenommen, der liebe Gott hätte damals, vor Anbeginn der Zeit, ein Auge zugedrückt. Hinweggesehen über den Sündenfall, den Menschen nicht vertrieben aus dem Garten Eden und in die Welt geworfen: Was wären uns Natur, das weite Meer, die schöne Landschaft? Vermutlich einerlei.

          Christoph Schütte

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Daß es anders gekommen ist, hat uns neben allerlei Mühsal etwa die romantische Sehnsucht beschert, die gerade als „neue Romantik“ in der zeitgenössischen Kunst wieder mächtig von sich reden macht. Doch wenn sich nun eine Ausstellung in den Rüsselsheimer Opelvillen unter dem Titel „Das verlorene Paradies“ dem Thema „Landschaft in der zeitgenössischen Fotografie“ widmet, muß man sich vor wallendem Pathos nicht fürchten.

          Eine zerstörte, gänzlich umgepflügte Natur

          Zwar liegen in einer ganzen Reihe der etwa 70 Arbeiten von 16 Künstlern die romantischen Bezüge auf der Hand, reist Spencer Finch ans Ende des Regenbogens, komponiert Beate Gütschow gar liebliche, an kunstgeschichtliche Vorbilder gemahnende Szenerien oder wandelt Darren Almond auf den Spuren Caspar David Friedrichs, um die Kreidefelsen auf Rügen bei Vollmond zu fotografieren. Doch erweist sich die Landschaft bei aller Diversität der Ansätze meist als Konstruktion, die Verheißung der Romantik als leeres Versprechen. Das gilt für Finchs in desolate Gegenden führende Schatzsuche ebenso wie für Gütschows wie aus dem Baukasten am Computer zusammengesetzte ideale Landschaften.

          Und auf Andreas Gurskys umfangreich bearbeitetem „Gardasee“-Panorama oder seinem - noch unter Verzicht auf digitale Techniken entstandenen - „Seilbahn Dolomiten“ aus dem Jahr 1987 erscheint die wilde, unberührte und sich selbst genügende Natur vor allem als touristisch gut erschlossen. Dagegen zeigen Inge Rambows grandiose, mit der Plattenkamera eingefangene „Wüstungen“ nicht etwa eine von Naturgewalten geformte Urlandschaft, sondern Industriebrachen - eine zerstörte, gänzlich umgepflügte und vom Menschen geschaffene Natur, wie sie der Braunkohletagebau in Brandenburg zurückgelassen hat, und die mit ihren Canyons, gewaltigen Verwerfungen und sanft sich kräuselnden Seen gleichwohl von überwältigender Schönheit ist.

          Eine nahezu perfekte Illusion des Paradieses

          Eher einem dokumentarischen Ansatz verpflichtet zeigt sich neben dem Pionier der Farbfotografie, William Eggleston, der mit seiner berühmten, 1981 entstandenen „Südstaaten-Folge“ aus der amerikanischen Provinz vertreten ist, auch ein Künstler wie Wolfgang Tillmans. Seine Naturaufnahmen freilich erscheinen weniger inszeniert als gleichsam vorgefunden am Rand von Sportanlagen oder in öffentlichen Parks, nie entrückt, sondern alltäglich.

          Hoffnungslos romantisch wie ein Märchen aus uralten Zeiten, so lehrt die Ausstellung beinahe nebenbei, erscheint nicht nur die schwärmerische Phantasie einer unberührten Natur, sondern auch die tradierte Vorstellung von der Fotografie als Vermittlerin authentischer Bilder. Dafür stehen nicht nur die zahlreichen Beispiele digitaler Bearbeitungen, sondern gerade auch analoge Aufnahmen wie Paola Pivis „Untitled (zebras)“ oder Thomas Demands „Forest“. Beide verzichten auf jede Manipulation, ihre Arbeiten zeigen also genau das, was die Kamera gesehen hat, und doch täuschen sie den Betrachter.

          Denn während man Pivis eigens in die schneebedeckten Abruzzen verfrachtete Zebras ohne Zögern als digitale Fälschung zu erkennen glaubt, erscheint Demands Blick ins Blätterdickicht über jeden Zweifel erhaben. Dabei gibt die wandfüllende Aufnahme des 1964 in München geborenen Künstlers weder den immergrünen Dschungel wider noch eine Landschaft. Niemand, der diesen Wald je betreten, keiner, der ihn jemals finden wird. Denn „Forest“ zeigt nicht mehr als ein Bild der Natur, wie wir es uns gern ausmalen; ein Modell im Maßstab eins zu eins, täuschend echt zwar, doch aus Papier und Pappe im Atelier gebaut und schließlich nach Betätigen des Auslösers wieder zerstört. „Das verlorene Paradies“, hier mag man es finden - als nahezu perfekte Illusion.

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