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Foto-Ausstellung : Die Welt in Rosarot

Marco Evaristti machte aus dem Mont Blanc einen „Mont Rouge” Bild: AP

Der chilenisch-dänische Künstler Marco Evaristti ist keineswegs naiv. Er meint es offensichtlich ernst. Schon seit Jahren reist er um den ganzen Globus und richtet neue, stets temporäre Territorien ein. In Grönland glasiert er einen Eisberg mit ein paar tausend Litern himbeerroter Farbe.

          Vielleicht sollten wir uns das noch einmal überlegen. Nicht dass wir den deutschen Pass nicht auch zu schätzen wüssten. Doch irgendwie ist das von Propheten, Philosophen und Buddhisten hoch gelobte Land auch nicht zu verachten. Und da wir, wie es die Verfassung jenes Staates nun einmal verlangt, zu uns im Allgemeinen freundlich sind, zu anderen sowieso und zur Natur ganz selbstverständlich auch, spräche kaum etwas dagegen, dem „Pink State“ beizutreten. Vor allem Rechte hat man da unter der Flagge des rosa Elefanten, darf „auf freundliche Weise“ sogar die Ehe brechen, und überhaupt ist der „Pink State“, glaubt man Staatsgründer Marco Evaristti, nichts als „reine Utopie. Ein Gemütszustand.“ Kein Witz, so steht es pink auf weiß auf der zur Idee gehörenden Internetseite geschrieben.

          Christoph Schütte

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Selten, mag man sich da denken, war es ähnlich einfach, mit sich, der Welt und dem ganzen Universum klarzukommen. Doch Marco Evaristti ist keineswegs naiv, im Gegenteil. Er meint es offensichtlich ernst. Schon seit Jahren reist der chilenisch-dänische Künstler, der 1963 in Santiago de Chile zur Welt kam, um den ganzen Globus und richtet neue, stets temporäre Territorien ein. In Grönland glasiert er einen Eisberg mit ein paar tausend Litern himbeerroter Farbe wie mit Zuckerguss, den Mont Blanc verwandelt er kurzerhand in den „Mont Rouge“, eine Düne mitten in der Wüste beregnet er mit roter Flüssigkeit.

          Auf den Gipfel des Mont Blanc

          Glaubt man den Fotoarbeiten, die in der Frankfurter Galerie Heike Strelow (Hanauer Landstraße 52) die zur „Trilogy“ verklammerten Aktionen mit großen Formaten bezeugen, dann ist diese anarchische Landnahme nicht nur erfolgreich, sondern sieht als – wenn man sie so nennen will – angewandte Landschaftsmalerei auch noch verdammt gut aus. Als Kunst aber ist sie gleichwohl doch ein wenig problematisch. Denn sie unterfordert den Betrachter. „Es gibt zwei Gründe“, hat Man Ray einmal gesagt, „ein Kunstwerk nicht zu mögen: wenn man es versteht, und wenn man es nicht versteht.“ Und die Kunst Evaristtis nicht zu verstehen, ist schlechterdings kaum möglich.

          Sie steht in einer langen Tradition von künstlerischen Positionen, die in und mit der Natur entwickelt worden sind. Zu denken ist hier an die „Land Art“ der frühen siebziger Jahre ebenso wie an Olafur Eliassons Projekt „Green River“ aus dem Jahr 1998 oder die Vorgehensweise des Argentiniers Nicolás Garcías Uribu, der schon vor 40 Jahren zur Biennale von Venedig den Canale Grande grün färbte. Aber Evaristti interessiert sich schlicht zu wenig für genuin künstlerische Fragen. Worauf es ihm ankommt, ist vielmehr der Kontext des Realen, der mit Subtilität ohnehin nichts anzufangen weiß. Dass Evaristtis Kunst dort, in der Realität also, verblüffend einfach funktioniert, verdankt sich denn auch vornehmlich seiner gezielten Indienstnahme der Medien, die den Künstler und sein Team auf den Gipfel des Mont Blanc begleiten, seine Verhaftung oder die kollektive Aufregung von Politik und Gesellschaft kolportieren.

          Goldfische im Mixer

          Selbst Tierschützer hat der gerne als Enfant terrible der dänischen Kunst bezeichnete Evaristti schon gegen sich aufgebracht. Vor acht Jahren richtete er unter dem Titel „Helena“ eine Reihe von Mixern als Aquarien mit je einem Goldfisch ein und stellte dem Publikum die Entscheidung über das Leben und den Tod der Fische anheim. Das mag man obszön, politisch oder provozierend nennen oder auch schlicht Kalkül. Denn provozierend sind bei genauerer Betrachtung weniger die Projekte als deren gezielte Skandalisierung im medialisierten Diskurs. Und wenn Evaristtis Kunst so etwas wie eine ironische Pointe hat, dann mag man sie gerade darin sehen. Evaristtis Werk subtil zu nennen wäre jedoch reichlich übertrieben. Immerhin: Zutritt zu diesem rosaroten Universum hat man in Frankfurt, in Marco Evaristtis erster Einzelausstellung in einer deutschen Galerie, auch ohne Pass für den Gemütszustand.

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