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Filmverleih aus Offenbach : Frühe Vögel für feine Filme

Fernwehstiller und Beziehungs-Tragikomödie: Marleen Lohse und Daniel Strässer in „La Palma“ Bild: FOUR GUYS Film Distribution

Viele Kinos mögen angesichts der Corona-Maßnahmen noch dicht sein. Der neue Verleih „Four Guys“ prescht jedoch gerade jetzt mit seinem ersten Film vor, zu sehen im Offenbacher Hafenkino.

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          Kino ist für sie Kultur und Gemeinschaftserlebnis. Pure Emotion. Systemrelevant sowieso. Sie schwärmen von „Cinema Paradiso“. Und ein Film, na klar, der braucht die Leinwand. Das klingt in Corona-Zeiten so fern von der Wirklichkeit, dass man glauben könnte, Martin Schwimmer, Marvin Rössler, Dominik Utz und Enkelejd Lluca seien steinalt und säßen zusammen in irgendeiner Seniorenresidenz für Filmpioniere.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die vier aber sitzen in Frankfurt und München, sind Anfang, Mitte 30 und haben kein Problem damit, das gute, alte Leinwand-Feeling mit digitalen Angeboten zusammenzudenken. Vor ein paar Monaten haben sie sich in ein kleines Abenteuer gestürzt: die „Four Guys Film Distribution“, einen Verleih für Arthouse-Filme mit Sitz in Frankfurt. Für ihren Erstling soll und muss es aber die Leinwand sein: „La Palma“, der Münchner Abschlussfilm von Erec Brehmer, mit der fernsehbekannten Marleen Lohse und dem neuen Saarbrücker „Tatort“-Kommissar Daniel Strässer in den Hauptrollen, erlebt heute seine Hessen-Preview im Offenbacher Hafenkino, open air. Von 4. Juni an läuft „La Palma“ in einigen wenigen deutschen Programmkinos, die schon wieder geöffnet haben.

          Antizyklisches Denken

          Ein Kinostart, während viele Kinos geschlossen sind, und die Gründung eines Filmverleihs in Zeiten, in denen das Verschwinden der Verleiher die Branche plagt: Das nennt man wohl antizyklisches Denken. „Wir sehen da ein paar Chancen“, sagt Martin Schwimmer lapidar. Etliche Verleiher hätten in den vergangenen Jahren aufgegeben oder ihre Programme reduziert. Auch in Frankfurt und Hessen ist das so. Mit Gegenentwürfen: Vor genau zwei Jahren haben Julia Peters und Jutta Feit die Frankfurter JIP Film als Verleih und Produktion begonnen, ein erfolgreiches Team, das sehen auch die „Four Guys“. Konkurrenzdenken liege ihnen fern, versichern sie, im Gegenteil, so Utz: Seit sie begonnen haben, lernten sie für alle ihre Arbeitsfelder ungeheuer viel Neues, knüpften Kontakte in der Szene und würden schon öfter direkt angefragt.

          Es fehle ihm in vielen Bereichen des Films an Mut, sagt Lluca, „die ständige Angst vor dem Scheitern nervt und bremst“. Vielleicht sei der Markt heute reif für flexiblere Strukturen, sagt Schwimmer: So flexibel wie die vier, die im April am selben Tag wie der neue „James Bond“ starten wollten und nun einfach mal anfangen, als Erste. Das könnte viele Kinos bewegen, den Film auch länger zu spielen, glauben sie. Im Hafen-Open-Air jedenfalls ist die erste Vorstellung so rasch ausverkauft gewesen, dass eine weitere in der zweiten Juniwoche folgen soll.

          „Wir lieben Filme – und das meinen wir auch so“

          Regisseur und Autor Lluca, aufgewachsen in Frankfurt, Absolvent der Hochschule Darmstadt, und die Produzenten Schwimmer, Rössler und Utz, die alle drei ihr Produktionsstudium an der Filmakademie Ludwigsburg absolviert haben, kennen sich aus unterschiedlichen Arbeitszusammenhängen. Utz und Schwimmer betreiben in München die Domar Filmproduktion, Rössler arbeitet auch bei Ufa Fiction, und Lluca, der für seinen Abschlussfilm „Frankfurt Coincidences“ den Hessischen Filmpreis bekam, betreibt mit Sebastian Sgodzai in Frankfurt das Produktionsbüro Behind the Screens. Eines der nächsten Projekte der „Four Guys“ soll wiederum Llucas zweiter eigener Langfilm „Das Meer ist der Himmel“ werden. Ursprünglich hätte er jetzt gedreht werden sollen, koproduziert in Albanien – dass sein Projekt nun vielleicht wegen Corona ein Jahr später realisiert wird, trägt Lluca mit Fassung.

          Umso energischer betreiben sie nun den Start von „La Palma“, einer sehenswerten, skurrilen Tragikomödie, die kanarische Strände fürs Fernweh und allerhand Beziehungslagerkoller aufweist – passend zur Zeit. „Wir lieben Filme – und das meinen wir auch so“, sagt Utz. Im Studium schon sei ihnen klargeworden, wie viele Perlen der Filmkunst kein Publikum fänden – mit wenigen Ausnahmen wie der gefeierte Film „Systemsprenger“ ihrer Kommilitonin Nora Fingscheidt.

          „Da haben wir uns gedacht: Dann machen wir es eben selbst“, fasst Schwimmer zusammen. Auf Frankfurt fiel die Wahl, weil Lluca dort lebt, Schwimmer zur Hälfte und weil die Bedingungen interessant seien. Vielleicht gehöre auch eine Portion Unbedarftheit dazu, so etwas anzufangen, sagt Utz. Naiv aber klingt der Plan nicht. „Natürlich müssen auch wir wirtschaftlich denken, aber wir schauen darauf, was Kino ausmacht: Ähnliche Gefühle in einem Raum. Das treibt uns an.“

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