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Filmregisseurin Felicitas Korn : Die man nicht sieht

Am Set: Felicitas Korn, Autorin und Regisseurin, hat einen langen Weg für ihr Herzensprojekt zurückgelegt. Bild: Tatiana Vdovenko

Für ihr Filmprojekt hat Felicitas Korn lange gekämpft. Die erste Notiz dazu hat sie schon vor 20 Jahren aufgeschrieben. Jetzt fällt am Drehort Frankfurt die letzte Klappe.

          3 Min.

          Was haben sie miteinander zu tun, Loosi, Michi und der King? Man würde die Pointe von Felicitas Korns Geschichte verraten, ginge man zu sehr darauf ein, was der Kniff in „Drei Leben lang“ ist. Korn hat ihn schon verraten, allen, die ihren 2019 erschienenen Roman zu Ende lesen. Aber der wäre wohl nicht entstanden, hätte sie nicht einen Film drehen wollen. Und hätte sie nicht beim Schreiben des Drehbuchs gemerkt, dass man das Seelenleben der drei Hauptfiguren noch mal anders erzählen kann, als es ein bewegtes Bild tut. Von Michi, der vierzehn ist und bei einem Unfall seine Eltern verliert; er und seine Schwester sind mutterseelenallein. Von Loosi, der gegen seine jahrelange Alkoholsucht kämpft. Und vom King, der kokainsüchtig ist und sein Geld mit Machenschaften verdient, die ihm das Wasser bis zum Halse stehen lassen.

          Eva-Maria Magel
          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Autowerkstatt, in der sich ihre Fäden kreuzen, liegt jetzt im Frankfurter Ostend. „Kingcarstls“ prangt darüber, allerdings nur ein paar Tage lang. Ins Hinterland der Werkstatt zwischen Bahngleisen, Schotter und Gebüsch windet sich der Set. Nicht nur der Catering-Anhänger, auch die mobilen täglichen Corona-Tests gehören jetzt dazu, alles dauert viel länger als sonst beim Spielfilmdreh. Aber die Stimmung ist freundlich und gelassen.

          Corona hat das Projekt monatelang auf Eis gelegt

          Eine gute Arbeitsatmosphäre ist ihr spürbar wichtig: Diskret und ruhig, mit Blazer und Ballonmütze, steht Felicitas Korn am Rand der Szene. Noch ein paar Tage, dann hat sie doch geschafft, was mehr als einmal auf der Kippe stand: ihre Geschichte zu verfilmen, deren erste Notiz sie schon vor 20 Jahren aufgeschrieben hat. Im Herbst 2019 hat sie in Frankfurt den Part mit den jugendlichen Hauptfiguren abgedreht. Ein Glück, sonst hätte man von vorn anfangen müssen. Denn Corona hat das Projekt monatelang auf Eis gelegt.

          1974 in Offenbach geboren, im Rhein-Main-Gebiet aufgewachsen, Wahlberlinerin, kennt Korn King oder vielmehr die Person, die ihn inspiriert hat, seit Kindertagen. „Da habe ich mich immer gefragt, wie ein empathischer und intelligenter Mensch zu einem Egomanen, einem vom Kokain total aufgesaugten Menschen werden kann.“

          Aus der Figur wurde 2006, inspiriert von der Partylaune der Deutschen während der Fußball-Weltmeisterschaft, ein Szenario. Mit Recherchen in der Party- und Drogenszene hat Korn eine zweite Frage verbunden: Wie gerät man in Abhängigkeit von Drogen oder Alkohol? Was passiert, was fehlt da? „Ich wollte dem Schicksal dieser Menschen, denen gegenüber man oft eine ablehnende oder distanzierte Haltung einnimmt, gerecht werden“, sagt Korn. Generell sei es ihr ein großes Anliegen, „dort hinzusehen, wo man sonst wegguckt“. Und etwas über die großen fundamentalen Konflikte des Lebens zu erzählen.

          So hat sie ihr Dreigestirn aus unterschiedlich alten, unterschiedlich motivierten Hauptfiguren gefunden, denen sie jeweils eine ganz eigene Sprache verliehen hat. Das fertige Drehbuch wurde gleich für zwei Preise nominiert. Das ist gute zehn Jahre her. Und erst jetzt ist André M. Hennicke in der Rolle des Loosi in Frankfurt, kann Jonas Nay den verstrahlten King spielen, beide umgeben von einem großen Ensemble hiesiger Kollegen in den Nebenrollen, viele vom Schauspiel Frankfurt und aus der freien Szene. „Wir haben alle richtig intensiv gesucht, mit zwei Casterinnen“, sagt Korn.

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          Für sie musste der Film in Hessen und Frankfurt spielen, mit möglichst viel hessischer Tonalität – was nicht Dialekt meint. Emotional ist der Stoff mit ihrer alten Heimat verbunden. Außerdem seien Frankfurt und das Umland mit dem starken Kontrast zwischen Arm und Reich der perfekte Hintergrund für diese Geschichte. In Frankfurt hat Korn einen Teil ihrer Kindheit verbracht, die Jugend im Taunus, ihre Wege von damals schlagen sich in den Beschreibungen nieder, sogar die kurvige Straße nach Schloßborn, die der Bus zurücklegt und die sie schon immer geliebt hat.

          Daran, dass Filme lange brauchen, ist sie gewöhnt

          Ausgebildet an der Hochschule für Fernsehen und Film in München, hat Korn Erfolge vorzuweisen: Ihr Musikvideo zu „Supergirl“ von Reamonn etwa hat Platz eins der MTV Charts belegt, ihr Drama „Auftauchen“ hat gleich mehrere Auszeichnungen bekommen. Daran, dass Filme, gerade im Low-Budget-Segment, lange brauchen, ist sie gewöhnt.

          Das Herzensprojekt „Drei Leben lang“, Arbeitstitel „Partynation“, aber hat diese Dimensionen noch gesprengt. Viele Jahre hat sie daran, parallel zu anderen Dingen, gearbeitet. 2017 kam eine Förderzusage der Hessen Film und Medien, neben der Münchner Maze Produktion von Philipp Kreuzer kam die Frankfurter U5 dazu. Unterdessen hat Korn, was ungewöhnlich ist, mit großem Erfolg eine zweite Darstellungsform des Stoffs gefunden.

          In Aktion: Felicitas Korn beim Dreh mit André M. Hennicke
          In Aktion: Felicitas Korn beim Dreh mit André M. Hennicke : Bild: Tatiana Vdovenko

          „Drei Leben lang“ ist 2019, also noch vor dem ersten Drehtag, als Roman bei Kampa erschienen. Und hat ausnehmend gute Kritiken bekommen, während Corona den Film erst einmal unterbrach. Romanautorin zu werden war nicht Korns erste Wahl. Aber sie schreibt nun mal sehr gern. Und im Vergleich zur Produktion eines Films dauert das Veröffentlichen eines Romans nicht so lang. So ist weder „Das Buch zum Film“ entstanden noch die Romanvorlage der Verfilmung, sondern ein eigenes Werk. Viel freier sei sie im Schreiben für ein Buch als für den Film – „weil man keine finanzielle Schere im Kopf hat. Im Film bedeutet jedes Wort Geld.“ Auch künftig will sie beides tun: filmen und Bücher schreiben. Das nächste Vorhaben, sagt Korn, werde wohl wieder ein Roman sein.

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