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Deutsches Filmmuseum : Unter der Wasseroberfläche

Beweglich im Beweglichen: Tiere und Menschen schweben gerne durchs Wasser, auch im Film. Bild: Pexels/Elianne Dipp

Von Angst zu Lust und zurück: Die neue Ausstellung „Im Tiefenrausch“ des Deutschen Filminstituts und Filmmuseumsin Frankfurt zeigt die Faszination, die alles unter der Wasseroberfläche auf den Film ausübt - und auf Filmfans.

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          Das mit dem Tiefenrausch durch Filmkonsum hat noch nicht ganz geklappt. Auch wenn man sehr entzückt ist von dem, was man da zu sehen bekommt. Und einem schon ein bisschen schwindelig werden kann in dem Wasserstrudel aus Filmszenen, der mitten im Raum die Besucher anzieht wie, so will es das Klischee, der arglose Surfer den Hai. Der sich freut, dass sein Frühstück sogar auf einem bunten Frühstücksbrettchen serviert wird. Der Hai in diesem Kinderwitz muss ein deutscher Hai sein, er kennt die morgendliche Brettchentradition.

          Eva-Maria Magel
          Leitende Kulturredakteurin Rhein-Main-Zeitung.

          Die Haie, die uns jetzt im Deutschen Filminstitut und Filmmuseum (DFF) umkreisen, kommen vor allem, aber nicht nur, aus Hollywood. Haie und Killerwale, Piranhas und riesige Alligatoren zählen zu den im Film seit bald hundert Jahren verlässlich waltenden Schrecken des Wassers, und es gibt reichlich davon zu sehen in der neuen Sonderausstellung „Im Tiefenrausch“ des DFF. Dazu alle Schrecken aus dem Unterwasserreich der Phantasie, Monster, Seeungeheuer – und natürlich die ungeheure See selbst.

          Das Wasser, Lebenselixier und Vergnügen, kann ein Schrecken sein, übrigens nicht nur, wenn es in immer bedrohlicherem Strahl durch die Luken eines U-Bootes dringt. Eine Badewanne und ein unglücklich verhedderter Duschschlauch reichen für eine Tragödie – und eine wundersame Welle, fliegende Fische oder ein buntes Korallenriff können wiederum so viel Schönheit darstellen, dass der Mensch sich an ihr nicht sattsehen kann.

          Das Schöne und der Schrecken des Wassers

          Alles ist da, das Schöne und der Schrecken des Wassers, in diesem Panorama, es flirrt an allen Ecken und Enden, und es wundert weiter nicht, warum das bewegte Bild schon ganz früh in seiner Geschichte, noch vor dem 20. Jahrhundert, das Meer für sich entdeckt hat. „Mobilis in mobili“, „beweglich im Beweglichen“, lautet das Motto der Nautilus von Kapitän Nemo, und es könnte auch als Motto für das bewegte Bild gelten, das sich so früh wie ein Fisch im Wasser bewegt.

          Das Deutsche Filminstitut zeigt die Schönheit unter der Wasseroberfläche.
          Das Deutsche Filminstitut zeigt die Schönheit unter der Wasseroberfläche. : Bild: Pexels/Elianne Dipp

          DFF-Kurator Michael Kinzer muss Hunderte von Filmen gesichtet haben, die in irgendeiner Weise mit Wasser und allem unter der Wasseroberfläche zu tun haben, um das Panorama zusammenzustellen, das uns wie magisch anziehen kann. Sieht das Rund der Projektionsflächen in dunkel spiegelndem Vinyl nicht selbst aus wie eine Wasseroberfläche? Sind die gemütlichen Sitzsäcke in dunklem Wasserblau nicht wie große Tropfen, in die wir sinken können, um stundenlang explodierenden Booten, singenden und tanzenden Zeichentrick-Fischen, unter Wasser knutschenden Paaren oder einer fast echten Nixe aus einem Technicolor-Musicalfilm zuzusehen?

          Immer in thematischen Paarungen laufen die Szenen über die vier Segmente, es ist ein beinahe immersives Vergnügen, und womöglich kommen wir doch noch zu dem Punkt, in dem wir die ekstatische, berauschende und zugleich beängstigende Stimmung erreichen, die „Tiefenrausch“ heißt und sich bei Tauchgängen ab ungefähr 20 Meter Tiefe einstellen kann. Wenn man länger sitzen bleibt im Dunkel auf den Tropfen, wird sich das titelgebende Versprechen schon noch einlösen.

          Kinzer und sein Ausstattungsteam meinen es ernst, wenn sie sagen, dass man mindestens drei Stunden braucht, um alles auf sich wirken zu lassen, von „Sinken und ertrinken“ über „Träumen und tanzen“ bis „Pool-Erotik und Paar-Idylle“. Rings um die Wände erläutern gut dreißig digitale Leinwände in Filmausschnitten, was hinter den Begriffspaaren steckt. Und wer sich traut, ins tiefe Dunkel einer kleinen Kammer hinter Vorhängen buchstäblich einzutauchen, kann fast 40 Minuten lang einer wundervollen Installation der libanesischen Künstlerin Rana Eid lauschen, die Tonmeisterin und Regisseurin für Film ist, was man ihrer Klangcollage „Vortex: Cities And Memories“ unbedingt anmerkt. Mit vier Kolleginnen aus dem Libanon spürt sie zwischen Gluckern und Plätschern, Tuten und Flirren dem Wesen des Wassers in der Wasserstadt Beirut nach, dem Gefühl, das man persönlich dem Wasser gegenüber entwickelt. Der arabisch eingesprochene Text kann auf der Homepage der Ausstellung nachgelesen werden.

          Sitzen auf Tropfen: Die Ausstellung bietet ein immersives Erlebnis.
          Sitzen auf Tropfen: Die Ausstellung bietet ein immersives Erlebnis. : Bild: DFF/Uwe Dettmar

          Ein Klick, der sich unbedingt lohnt: Offenbart er doch die Fülle an Angeboten, die mit „Im Tiefenrausch“ zusammenhängen. Eine Filmreihe, opulent bestückt mit Klassikern von John Hustons „Moby Dick“ (1956) über Steven Spielbergs „Jaws“ (1975) bis zu Wes Andersons „Life Aquatic With Steve Zissou“ (2004) allein im Monat Juli. Die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung, nach „Katastrophe“ ein weiteres Mal Partner des DFF, ist mit Meeresforschern der Hoch- und Tiefsee jedes Mal zu Filmgesprächen dabei, es gibt Workshops in beiden Museen, weitergehende Digitalstrecken und eine Kooperation mit dem Museum Wiesbaden, das derzeit „Wasser im Jugendstil“ zeigt.

          Derart versorgt, werden wir, wenn nicht gerade verwirrt durch Tiefenrausch, endlich mehr darüber wissen, ob Haie wirklich so gefährlich und Delfine so kumpelhaft sind, wie es uns der Film seit Jahrzehnten zeigt. Und warum die Kunst, auch die siebte, das Wasser so liebt.

          Die Ausstellung „Im Tiefenrausch“ ist bis 8. Januar 2023 im Deutschen Filminstitut und Filmmuseum in Frankfurt zu sehen. Das umfangreiche Begleitprogramm findet sich unter tiefenrausch.dff.film.

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