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Film : Wie ein wildes Tier begafft: Das Schicksal der Sarah Baartman

  • Aktualisiert am

Die sterblichen Überreste Sarah Baartmans wurden 2002 zu Grabe getragen Bild: picture-alliance / dpa

1810 begegnete Hendric Cezar seinem späteren „Ausstellungsobjekt“ - die junge Frau war Sklavin auf der Farm seines Bruders. Ihre Brüste und ihre Genitalien erschienen ihm riesig. Er nahm sie mit nach Europa, wo er sie zur Schau stellte. Nun befaßt sich ein Film mit Sarah Baartman.

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          Für viele Europäer war sie Mensch und Affe zugleich. Ein Objekt der Belustigung und Projektionsfläche erotischer Vorstellungen, nur mühsam verborgen unter dem Deckmantel naturkundlichen Forscherdrangs. All das spiegelt sich wider in dem Namen, unter dem Sarah Baartman in Europa vermarktet wurde: Die „Hottentotten-Venus“ zog als erste Afrikanerin das Interesse von Schaulustigen und Wissenschaftlern gleichermaßen auf sich.

          Als Baartman 1789 in der östlichen Kap-Region geboren wurde, wußte Europa kaum etwas über die ursprünglichen Bewohner der Kolonien. Insbesondere die südafrikanischen Khoisan, die sogenannten „Buschmänner“ oder „Hottentotten“, erregten das Interesse der Europäer. Sie hätten riesige Geschlechtsteile und monströse Körperformen, hieß es. Über allem stand jedoch die Frage, ob die Buschmänner wirklich Menschen seien.

          Sklavin aus „Ausstellungsobjekt“

          1810 begegnete Hendric Cezar seinem späteren „Ausstellungsobjekt“ - die junge Frau war Sklavin auf der südafrikanischen Farm seines Bruders. Ihre Brüste, ihr Hinterteil und ihre Genitalien erschienen ihm riesig im Vergleich zu den physischen Charakteristika europäischer Frauen. Er nahm sie mit nach Europa, wo er sie erst in London und später in Paris zur Schau stellte. Für einen Eintritt von zwei Schilling konnte man die Afrikanerin, die sich wie ein wildes Tier bewegen mußte, begaffen.

          Damals bemühte sich die Anti-Slavery-Society um ihre Freilassung. Doch bei einer Vernehmung gab Baartman an, sie trete freiwillig auf. Ob sie zu dieser Aussage genötigt wurde, ist heute nicht mehr zu klären. Der Dokumentarfilm „The Life and Times of Sarah Baartman - The Hottentot Venus“, der heute noch einmal beim Frankfurter „Africa Alive“-Festival gezeigt wird, stützt sich vor allem auf Spekulationen, versucht, ein Bild des damaligen Zeitgeistes zu vermitteln und daraus Schlußfolgerungen über das Leben von Baartman zu ziehen. Quellen sind spärlich, und so muß der Film vage bleiben.

          Eine einsame und verzweifelte Frau

          Ein Journalist, der mit Baartman sprach, bezeichnete sie als „einsam“ und „verzweifelt“. In Frankreich wurden Wissenschaftler auf sie aufmerksam. Der Naturforscher Georges Cuvier lieh sie von ihrem „Eigentümer“ aus, um sie zu untersuchen und zu vermessen. Kurz darauf starb Baartman mit nur 25 Jahren. Für die Ursache ihres Todes interessierte sich keiner. Ihr Körper aber wurde seziert, ein Abdruck von ihm gemacht, ihre Genitalien abgeschnitten und ihr Gehirn entnommen. Ihre Überreste wurden bis 1974 im Pariser „Musee de l'homme“ ausgestellt.

          Nach dem Ende der Apartheid wurden Stimmen laut, die Baartmans Körper zurückforderten. Dessen Verbleib war damals ungewiß - so endet der Dokumentarfilm aus dem Jahr 1998. Doch die Geschichte ging weiter: 2002 wurde Baartmans Körper tatsächlich nach Südafrika überführt und begraben. Ausgelöst wurde die Rückführung durch ein Gedicht: Die südafrikanische Autorin Diane Ferrus machte mit ihrem Text „Tribute to Sarah Baartman“ das Thema öffentlich. Nun hat Ferrus im Anschluß an die Filmvorführung ihr Gedicht und neue Texte vorgelesen. Dabei sagte sie, die Rückführung von Baartman habe die Khoisan endlich mit ihrer Vergangenheit ausgesöhnt.

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