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„Fidelio“ in Darmstadt : Leonore, der ewige Engel

  • -Aktualisiert am

„Fidelio“ als Inszenierungsgeschichte: Katrin Gerstenberger (Mitte) führt das Publikum bis zur Darmstädter Gegenwart. Bild: Nils Heck

Mit neu komponiertem Schluss polarisiert Paul-Georg Dittrichs Inszenierung von Beethovens „Fidelio“ in Darmstadt das Premierenpublikum. Und die Zuschauer werden zur Festgesellschaft.

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          Wie ein Freiheitsengel steht Leonore zwischen der Bühne und dem Publikum, als weit blickende Frau und in Ewigkeits-Gold gehüllt. Die Darmstädter Kammersängerin Katrin Gerstenberger, die diese zentrale Figur in Ludwig van Beethovens Oper „Fidelio“ gibt, hat nichts mit jener jungen Frau zu tun, die in Männerkleidern beim Kerkermeister Rocco anheuert, um ins Verlies und dort zu ihrem Ehemann Florestan, einem politischen Gefangenen des Gouverneurs Pizarro, zu gelangen.

          Vielmehr schaut Gerstenberger mit uns in zwei Jahrhunderte „Fidelio“-Rezeption, die Regisseur Paul-Georg Dittrich im ersten der beiden Akte Revue passieren lässt, und zwar in Gestalt von Inszenierungs-Zitaten, für die Lena Schmid eine kleine Bühne auf der riesigen Darmstädter Bühne errichtet hat.

          In dieser Darstellung erzielt Dittrich die größtmögliche Verunsicherung über den Gehalt von Beethovens einziger Oper, über dieses Hohelied der Gattenliebe, über ihr Freiheitspathos, über ihre vermeintlich sicher im C-Dur-Jubel endende Erlösung. Die ersten beiden Zitate, die auf die Wiener Uraufführung der Letztfassung 1814 am Kärntnertortheater sowie auf eine Pariser Aufführung mit ihrem heute antiquiert wirkenden Gestenvokabular zum Quartett von Leonore, Rocco, dessen Tochter Marzelline und deren Bräutigam Jaquino verweisen, wirken noch historisch.

          „Weiterentwickelte Übernahme“ der Bremer Inszenierung

          Das ändert sich schlagartig mit dem Gegenüber zweier Inszenierungen aus dem Werktätigen-Theater in Leningrad von 1928 und dem braunen Aachen des Jahres 1938, wo „Fidelio“ samt Glückwunsch zum Führergeburtstag über die Bühne des Stadttheaters ging. Berlin 1945, Kassel 1968, Dresden 1989: Jede Zeit fand ihren Spiegel für „Fidelio“, bis hin zu einer Bremer Inszenierung von 1997, in der Johann Kresnik die Gefangenen mit den entlassenen Arbeitern der insolventen Vulkan-Werft gleichsetzte, die, ein provokantes Bild, ihre Helme in Aldi-Tüten versenken.

          Dass Regisseur Dittrich daran anknüpft, ist kein Zufall: Sein Darmstädter „Fidelio“ ist ausgewiesen als „weiterentwickelte Übernahme“ seiner Bremer Inszenierung aus dem vergangenen Jahr. Mit ihren Videosequenzen historischer Ereignisse begleitet sie die zitierten Inszenierungen etwas schlicht verdoppelnd, für die gesprochenen Passagen aber findet die Regie eine konsequente Lösung: Gerstenbergers Leonoren-Engel führt seine Dialoge im Wechsel mit Einspielungen der entsprechenden Passagen aus historischen Aufnahmen.

          Das Orchester spielt frisch und knackig

          Den zweiten Akt verortet die Übertitelungsanlage klar im Hier und Heute. Angesiedelt in „Darmstadt, den 26. Oktober 2019“ lässt Dittrich das Publikum an der Schwierigkeit teilhaben, „Fidelio“ in unserer Gegenwart zu verankern. Freiheitsmetaphern wirken gezielt konstruiert und führen darum ins Leere, etwa jene, den heldentenoral stattlich singenden Heiko Börner als Florestan vor den Tasten eines Klavierflügels zu plazieren, der zerbrochen ist. Aus dem Publikum sind 50 Zuschauer auf die Bühne umgezogen, als Mitglieder einer Festgesellschaft, die sich bald als privilegierte Gäste des derb von Wieland Satter gesungenen Pizarro entlarven lassen müssen.

          Die anschließende Revolte hat allerdings kaum historische Ausmaße, zur dritten „Leonoren“-Ouvertüre, die das Orchester des Staatstheaters unter Daniel Cohen so frisch und knackig spielt wie diese ganze polarisierende Premiere, übertragen Kameras live aus dem Orchestergraben. Und das Jubelfinale bringt dann tatsächlich die Weiterentwicklung der Bremer Inszenierung, denn die 1964 in Dessau geborene Komponistin Annette Schlünz hat es für die Darmstädter Produktion musikalisch überschrieben, lässt die mitten in den Zuschauerreihen gesungenen Einsätze der Choristen zu tonalen Klanginseln werden, setzt beispielsweise grelle Signale der Trompeten ein, die hier freilich, anders als bei Beethoven, von keiner Befreiung oder Erlösung künden.

          In dieses Finale mischen sich neben dem Chor auch die Solisten ein, darunter Dong-Won Seo als stattlicher Rocco und Jana Baumeister als ätherische Marzelline, bevor die Musik im Leisen verhallt. Die widerstreitenden Reaktionen des Darmstädter Premierenpublikums fallen dafür umso lauter aus. Freilich sind die umstrittenen „Fidelio“-Inszenierungen schon in der Vergangenheit meistens die besseren gewesen.

          „Fidelio“ Darmstadt

          Nächste Vorstellungen am 10. November von 16 Uhr an sowie am 22. November, 14., 21. und 28. Dezember von 19.30 Uhr an.

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