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Festival „Stromern“ : Ohne Plexiglas kein Autogramm

  • -Aktualisiert am

Mit Abstand: Anna Katharina Hahn (rechts auf dem Podium) liest im Haus am Dom. Bild: Wonge Bergmann

Nur Vorverkauf, Abstand und Datenschutz: Das mehrtägige Festival „Stromern“ in Frankfurt zeigt, wie Lesungen mit Publikum in Zeiten der Pandemie möglich sind – und dass dabei nichts dem Zufall überlassen wird.

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          Als der Autor Leif Randt auf der Dachterrasse des Hauses am Dom seine Lesung beendet, springen die Zuschauer in den ersten Reihen sofort auf, um sich ein Autogramm zu holen – in Zeiten der Pandemie ist das ein Regelverstoß. Also laufen die Organisatorinnen des Literaturfestivals „Stromern“ schnell zur Bühne und weisen darauf hin, dass im Erdgeschoss signiert wird. Dort sollen die Autoren hinter großen Plexiglasscheiben stehen.

          Die viertägige Veranstaltung „stromern“, die am Sonntag zu Ende gegangen ist, hat gezeigt, wie Lesungen derzeit und in naher Zukunft durchgeführt werden können. Nichts ist in dem Tagungszentrum dem Zufall überlassen. Die Besucher konnten nur im Vorverkauf Tickets kaufen, eine Abendkasse gibt es nicht. Am Empfang erhalten sie eine Karteikarte mit ihrem Namen und Anschrift, die sie vor dem Betreten des Saales wieder abgeben. Die Organisatorinnen notieren sich dann die Nummer des Stuhles, an dem die Besucher jeweils Platz nehmen. Hinter dieser Regelung steckte eine klare Absicht. „Somit geht keine Liste herum, wo Besucher die Daten von anderen einsehen können. Sie können sich zudem ihren Platz frei wählen, während wir einen Saalplan erstellen“, sagt Björn Jager, Leiter des Hessischen Literaturforums. Im Falle einer Infektion werden anhand des Plans alle Anwesenden kontaktiert. Seit Mai haben er und sein Team angefangen, ein Hygienekonzept für Lesungen zu entwickeln, das sie beim Festival erstmals ausprobieren.

          Einige Autoren, die beim Festival lesen, haben ihre Bücher kurz vor und während der Pandemie veröffentlicht. So auch die Autorin Anna Katharina Hahn. Ihr schwäbischer Familienroman „Aus und davon“ ist im Mai erschienen. „Als Schriftstellerin arbeitet man sehr einsam,“ erzählt sie. Nach der Vollendung ihres Buches freute sie sich darauf, „endlich rauszugehen, Leser zu treffen und Städte zu besuchen“. Doch all ihre Lesungen seien wegen der Pandemie abgesagt worden: „Es war furchtbar, wie ein Schlag mit dem Hammer“, sagt Hahn.

          Die Tickets mit mulmigem Gefühl gekauft

          Anders ist es bei Leif Randt verlaufen. Er beschreibt es als „großes Glück“, dass sein Roman „Allegro Pastell“ am 5. März erschienen ist, zwei Wochen bevor Angela Merkel ihre Ansprache an die Nation gehalten hat. Seine erste Lesung habe am 7. März stattgefunden. Es sei für Randt die letzte Lesung gewesen, wo Besucher „sich die Getränke teilen, trocken husten und sich umarmen konnten“.

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          Während der Lesungen ist nichts von der Pandemie zu spüren. Die Autoren sprechen, wie gewohnt, über ihre Bücher und deren Protagonisten. Doch sobald eine Lesung vorüber ist und man den Platz verlässt, gilt Maskenpflicht. Zudem müssen die Besucher unterschiedliche Ausgänge nehmen, abhängig davon, ob sie ein Buch signiert haben wollen.

          Das scheint die Besucher nicht zu stören. Eine Besucherin, Manuela Ruckdeschel, ist vom Hygienekonzept des Veranstalters begeistert. Ihr habe es gefallen, dass die Abstände zwischen den Stühlen eingehalten und zwischen den Veranstaltungen ausreichend gelüftet wurde, sagt sie. Allerdings habe sie die Tickets mit einem mulmigen Gefühl gekauft, sagt sie. Sie sei sich unsicher gewesen, ob eine Veranstaltung mit 35 Menschen in einem Raum eine gute Idee sei. Doch während der Veranstaltung habe sie ein gutes Gefühl gehabt – ein „Restrisiko“ sei aber in ihrem Hinterkopf geblieben.

          Jager hat beobachtet, dass einige potentielle Besucher sich haben vom „Restrisiko“ aufhalten lassen. So seien viele Lesungen zwar ausverkauft gewesen und trotzdem einige Plätze leer geblieben. Er vermutet, dass mancher Ticketkäufer sich wegen der Angst vor einer Infektion gegen die Veranstaltung entschieden habe. Insgesamt zieht er aber eine positive Bilanz. Viele Besucher hätten sich bei ihm und seinem Team außergewöhnlich oft bedankt. Das Einhalten der Hygiene-Maßnahmen sei auch problemlos verlaufen. Jager hatte zuvor Sorge, dass einzelne Besucher die Regeln missachten würden. „Das Publikum war aber diszipliniert, trug immer eine Maske, und es gab nie ein großes Drängen“, sagt er.

          Wie Jager weiter sagt, plane das Hessische Literaturforum im Herbst einzelne Lesungen, unter anderem mit Ulrike Almut Sandig und Roman Ehrlich. Viele ältere Autoren hätten aber wegen der Infektionsgefahr ihre Lesungen abgesagt. Trotzdem will Jager an Veranstaltungen vor Ort und Publikum festhalten. „Lesungen im Livestream sind stinklangweilig“, sagt er. Ein solches Format funktioniere nur bei Podiumsdiskussionen. Ein Literaturfestival im Frühjahr hält Jager daher für „durchaus vorstellbar“.

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