https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/kultur/festival-heimspiel-knyphausen-in-eltville-mit-wein-und-pop-18212464.html

Heimspiel Knyphausen : Rocken bis der Absatz bricht

Die niederländische Band Yin Yin bei ihrem Auftritt am Samstagabend. Bild: Samira Schulz

Wein und Pop: Das Festival Heimspiel Knyphausen auf dem Draiser Hof in Eltville ist wieder eine wunderbare Sause unter freiem Himmel.

          3 Min.

          Am Tag als der Regen kam, summte niemand mit Dalidas Chanson im Ohr „Lang ersehnt, heiß erfleht“. Zumindest nicht auf dem Draiser Hof in Eltville, obwohl gerade im Rheingau die Felder respektive die Weinberge glühen und die Wälder dürsten. Ist Regen dort also grundsätzlich willkommen, hätte er vielleicht nur nicht ausgerechnet am frühen Freitagabend auf den Ort herabprasseln sollen, an dem kurz zuvor das dreitägige Festival Heimspiel Knyphausen begonnen hatte. Allerdings gehört ein ordentlicher Schauer spätestens seit Woodstock bei einem ordentlichen Festival einfach dazu, weshalb sich die Plätze vor der Bühne im idyllischen Park des Weinguts auch gleich nach dem Regen wieder füllten, stand doch ein besonderer Auftritt des Veranstalters Gisbert zu Knyphausen an. Der aus Eltville stammende, schon lange in Berlin lebende Singer-Songwriter hat das Festival auf dem mittlerweile von seinem Bruder Frederik betriebenen Gut 2009 begründet, ist dort aber nicht jedes Jahr zu erleben, schon gar nicht mit seinem 2016 gemeinsam mit Produzent Moses Schneider und Musiker-Schriftsteller Tobias Friedrich (Der dünne Mann) gestarteten Projekt Husten.

          Christian Riethmüller
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das sollte nämlich live überhaupt nicht spielen, sondern nur jährlich eine EP veröffentlichen. Von dieser Prämisse haben sich die drei verabschiedet, noch drei Musiker dazu geholt und eine Band gegründet, die bis weit in den Herbst touren wird (am 13. Oktober ist sie im Schlachthof Wiesbaden zu Gast). Auf dem Draiser Hof hat sie erst ihr zweites Konzert überhaupt gegeben und wer Gisbert zu Knyphausen vielleicht nur noch als den melancholischen Liederschmied seiner wunderbaren Soloalben im Ohr hatte, durfte mit einiger Überraschung feststellen, dass der Freiherr durchaus auch mit Schmackes in die Saiten zu hauen versteht und mit Songs wie „Wir brennen“ oder „Manchmal träum ich von Träumen“ zackigen Indie-Rock bot, der in die Beine ging und somit die Gelenke für den Hauptact des Abends und einen der Höhepunkte des Festivals lockerte, die österreichische Band Bilderbuch.

          Entspanntes Miteinander vor der Bühne Bilderstrecke
          Festivalimpressionen : Ausverkauftes Festival Heimspiel Knyphausen in Eltville

          Die hat bei aller hinreißenden Kitsch-Attitüde ihres jüngsten Albums „Gelb ist das Feld“ natürlich nicht ihre Hip-Hop- und Funk-Einflüsse und schon gar nicht ihre augenzwinkernden Rock-Manierismen vergessen, für die neben ihrem charismatischen Frontmann Maurice Ernst vor allem der formidable Gitarrist Michael Krammer steht, der mit seinen Saitenkünsten und seinen Posen gewiss auch für die Metal-Fans in Wacken eine Schau wäre. Dort würde man sich vielleicht nur über den Bühnenaufzug der Österreicher wundern, die auf Stöckelschuhen unterwegs waren, was Maurice Ernst während des Konzerts auch mal in die Bredouille brachte. Bei einem seiner Schuhe knickte der hohe Absatz ab, was der gut aufgelegte Sänger mit dem Satz „Das Problem ist, wir rocken zu hart“ kommentierte, um nach einer Schuhgabe ungerührt, genau, weiter zu rocken und das immer begeisterter reagierende Publikum mit Songs wie „Bungalow“ oder „Maschin“ endgültig auf Festivaltemperatur zu bringen.

          Mit der Band Bilderbuch konnten Gisbert zu Knyphausen und Festivalorganisator Benjamin Metz einen Erfolgsgaranten verpflichten, wobei sich die knapp 2200 Tickets für das immer beliebter werdende Festival schon vor der Bekanntgabe des Line-Ups verkauft hatten. Die Sehnsucht nach der besonderen Atmosphäre des Heimspiels, das in den vergangenen beiden Jahren der Pandemie wegen nur als Streaming-Konzert beziehungsweise als massiv zuschauerbeschränkte Veranstaltung stattfinden konnte, war also riesengroß.

          Sich tagsüber wie bei einem Picknick zwischen den Rebstöcken niederlassen zu können, ein wenig zu flanieren und zu plaudern, mit den Kindern zu spielen oder an einer Weinprobe teilnehmen und eher nebenbei auch noch der Musik lauschen zu können, war vielen Besuchern am Freitag und am Samstag ausreichend. Dabei ist das ambitionierte Musikprogramm seit jeher aller Ehren wert und setzt ganz bewusst nicht auf eine Massenbeschallung. Das Hauptprogramm am Samstagabend forderte denn auch den bewussten Zuhörer, der bereit war, sich auf eine sperrige Band wie die aus Atlanta stammende Formation Algiers um den eigenwilligen Frontmann Franklin James Fisher einzulassen. Deren mit Gospel und Soul verschränkter, dystopisch anmutender Post-Punk geht gewiss nicht gleich ins Ohr, hallt aber lange nach, selbst wenn die Band ihren Auftritt ziemlich abrupt und grußlos beendete.

          Fast schon überschwänglich wirkte dagegen die niederländische Formation Yin Yin, die mit ihrem Thaichedelia getauften Sound aus Funk, Disco, Psychedelia und südostasiatischem Pop selbst dem größten Griesgram ein Lächeln ins Gesicht treiben würde. Und die Tanzschuhe hätte er ebenfalls ruckzuck an. Es müssen ja nicht die mit den hohen Absätzen sein.

          Weitere Themen

          Streit um Autobahn

          Heute in Rhein-Main : Streit um Autobahn

          Die Frankfurter Grünen verärgern die Koalitionspartner mit einem Brief an die Bundesregierung. Die Bahn baut eine Brücke. Und die Polizei plant schneller als die Stadt. Die F.A.Z.-Hauptwache blickt auf die Themen des Tages.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.