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„Barock am Main“ : Eröffnet mit hessischem „Tartüff“

Im Hof der Hochster Porzellan-Manufaktur: Komödie in Hessischer Mundart von Wolfgang Deichsel nach Molière. Bild: Maik Reuß

Im Höchster Bolongaro-Garten eröffnete das Festival „Barock am Main“ mit hessischem „Tartüff“: eine Neuinszenierung des Klassikers – in reinstem „Bühnenhessisch“.

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          Wir wären nicht in einer Komödie, endete nicht alles in Wohlgefallen. Orgon erhält sein Geld zurück, das Mariesche kriegt seinen Walter und Tartüff, der Heuchler, die gerechte Strafe. Dass bei Moliere immer ein unaufgelöster Rest bleibt, dass die Tragik der Komik erst ihre Wirkung verleiht, zeigt nichts so deutlich wie das Ende, das Wolfgang Deichsel und Sarah Groß als Regiegespann dem hessischen „Tartüff" gegeben haben. Es ist ein vielstimmig geträllertes Operettenfinale. Doch der Refrain "Denn was uns nützt, des werd geschützt" wirft weder auf den Rechtsstaat noch auf die etablierte Ordnung ein allzu rosiges Licht.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Deichsel, der in seinen Theaterstücken auch auf hessisch die Tragikomik des Alltags mit handfester Sozialkritik verbunden hat, verleugnete diese Handschrift auch nicht in seinen Moliere-Übersetzungen ins Hessische. Nach einem Test im Vorjahr mit „Die Schule der Frauen" ist nun das Festival „Barock am Main" mit Deichsels hessischem „Tartüff" aus der Taufe gehoben worden. Zum Großteil aus den Eintrittsgeldern finanziert, soll es eine dauerhafte Einrichtung in dem reizenden Garten des Höchster Bolongaro-Palastes werden.

          Ein bewährtes Team

          Das Ensemble versammelt ein bewährtes Team, das zum Teil schon bei den Uraufführungen in Bad Vilbel zu sehen war. Matthias Scheuring gibt den reichen Orgon und verleiht der nicht zu überbietenden Dummheit, mit der dieser dem Hochstapler Tartüff in die Hände spielt, die rechte Mimik. Hildburg Schmidt ist seine Gattin Elmire, der Tartüff nachstellt und die zur wahren Furie wird, um sich und ihre Familie (Nadja Brachvogel, Martin Horn, Florian Lange) vor dem Heuchler zu schützen. Pirkko Cremer entzückt als fesche Magd Dorche, die neben Clemens (Philipp Hunscha) als einzige den gesunden Menschenverstand bewahrt.

          Nach dem Test im Vorjahr, soll jetzt eine dauerhafte Einrichtung im Garten des Höchster Bolongaro-Palastes entstehen.

          Im minimalistischen Bühnenbild, das den Bolongaro-Palast als Kulisse nutzt, dienen die Darsteller dem Postulat des „intelligenten Volkstheaters": bunt, deftig, laut - ohne künstliche Verstärkung - und in reinstem „Bühnenhessisch". Der unbestrittene Star aber ist Michael Quast: In der Nebenrolle der Großmutter kreischt er mit Altweiberstimme „Isch kennt misch gifte!", als Tartüff gleitet er virtuos von der Selbstgeißelung und dem Psalmodieren zu den schmierigen Annäherungsversuchen des vorgeblichen Heiligen und zurück.

          Dass ein ausgemachter Kabarettist im Schauspieler Quast steckt, beweist er unnachahmlich mit spontanen Beigaben. So wird ihm ein Zuspätkommer zum willkommenen Opfer: Lediglich mit einem vorwurfsvollen Blick über das zerpflückte Brathuhn hinweg schlägt Quast komische Funken. Ein Hauch mehr dieses Minimalismus täte mancher Szene gut, denn in der Wahl der Mittel ist das Regieduo keineswegs zimperlich.

          Dass ansonsten die Maxime „Mehr ist mehr" aufgeht, zeigen sowohl die Inszenierung als auch das Ambiente: Das Publikum, empfangen von Cembaloklängen und Hostessen in Rokokogewändern, beklatschte nicht nur begeistert das Ensemble, sondern gewiss auch den liebevollen Umgang mit der höchst reizvollen Höchster Kulisse.

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