https://www.faz.net/-gzg-a38x4

Feiern in Alt-Sachsenhausen : Wo Frau Rauscher eine Unbekannte ist

Von den „AHA-Regeln“ fehlt jede Spur: Jugendliche am Samstagabend des ersten Septemberwochenendes in Alt-Sachsenhausen. Bild: Lando Hass

Zu lange schon will man Alt-Sachsenhausen samt seinem Image aufpolieren. Wer in einer Samstagnacht versehentlich dort landet, sieht sich in eine Vorhölle versetzt – Verlorene dürfen noch einmal so richtig aus sich herausgehen.

          1 Min.

          Auch die Fraa-Rauscher-Ampel ändert nichts am Zustand von Alt-Sachsenhausen. Aber Corona, das kleine Biest, hockt dort unter dem Pflaster und freut sich erst einmal, dass auch ohne sein Zutun die Fieberkurve nach oben rast. Ausgelassenheit allenthalben. Der Wille zur Party ist groß.

          Zu lange schon ist die Rede davon, das Viertel samt seinem Image aufzupolieren, wo sich früher die amerikanischen Soldaten Vergnügungen erhofften, von denen sie in den unendlichen Weiten von Minnesota oder Missouri träumten, die sie aber auch in der Tiefe der Bembel nicht fanden. Weshalb die GIs hin und wieder dazu neigten, alles kurz und klein zu schlagen. Was die Militärpolizei, die damals in der Großen und Kleinen Rittergasse patrouillierte, zu verhindern suchte.

          Heute zeigt die deutsche Polizei dort eine noch stärkere Präsenz als vor der Pandemie, was einen ermutigen könnte, im auch gegenwärtig nicht zuletzt wegen gelegentlicher Gewaltausbrüche verrufenen Amüsier-Areal nach des Tages Mühen Zerstreuung bei einem gepflegten Schoppen zu suchen. Im Schutz der Ordnungsmacht, die auf Abstandsregeln pocht. Aber wer kennt schon Einheimische, die älter als 30 sind und freiwillig einen Fuß dort hineinsetzen würden. Die meisten hielten einen für nicht ganz bei Trost, wenn man „Old-Sax“ als Ausgehziel vorschlüge, auch wenn es manchmal heißt, man könne ja eigentlich doch mal diese oder jene Traditionsgaststätte besuchen.

          Grelles Ballermann-Getöse

          Wer aber in einer Samstagnacht versehentlich hier landet, sieht sich in eine Vorhölle versetzt, in der die Verlorenen noch einmal so richtig aus sich herausgehen dürfen. Menschen aus den ländlichen Gebieten Hessens und angrenzender Bundesländer feiern Junggesellinnen- und Junggesellenabschiede, indem sie sich in peinlichen Klamotten mit idiotischen Aufschriften dem Suff ergeben, Lieder grölen, die nicht fröhlich klingen, und andere belästigen, sofern diese noch in der Lage sind, Belästigungen als solche wahrzunehmen.

          Ein grelles Ballermann-Getöse umfängt den Besucher, die Masse wankt und schwankt, und vom Alkoholverbot des Propheten lässt sich auch keiner abhalten, fragwürdige Flüssigkeiten in sich hineinzuschütten. Wie guter Ebbelwei schmeckt, werden ohnehin die wenigsten wissen, und die Frau Rauscher dürfte für die meisten eine Unbekannte sein. Da kann sie von ihrem kleinen Refugium in der Klappergass’ aus noch so eifrig auf die Passanten spucken.

          Die Online-Flatrate: F+
          FAZ.NET komplett

          Zugang zu allen exklusiven F+Artikeln. Bleiben Sie umfassend informiert, für nur 2,95 € pro Woche.

          Jetzt 30 Tage kostenfrei testen
          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Von Goethe bis Ebbel Video-Seite öffnen

          Quiz zu 75 Jahre Hessen : Von Goethe bis Ebbel

          Die Hessen haben ein Lieblingsgetränk, ihr Bundesland hat eine geographische Mitte und große Namen spielen eine Rolle und das Land hat Nachbarn. Ein Quiz zum 75. Jahrestag der Gründung des Bundeslands in Deutschlands Mitte.

          Klopapierrollen statt Urnen

          Frankfurter Volksbühne : Klopapierrollen statt Urnen

          Die Frankfurter Volksbühne zeigt Samuel Becketts Einakter „Spiel“. Und damit ein absurdes Corona-Theater, das sich einem modernen Klassiker widmet, den viele immer noch als ziemlich anstrengend empfinden.

          Topmeldungen

          Ein Patient im Intensivzimmer eines bayerischen Krankenhauses.

          Coronavirus : Krankenhäuser reduzieren Betten für Covid-Erkrankte

          Nur noch zehn Prozent der Intensivbetten werden künftig freigehalten: Ärzte befürchten bei einer zweiten Welle Engpässe in der Pflege. Der Präsident der Bundesärztekammer warnt davor, auf die Quotenregelung ganz zu verzichten.
          Dunkle Wolken über Mehrfamilienhäusern aus der Gründerzeit im Prenzlauer Berg (Archivbild)

          Immobilienmarkt : Der Mietendeckel verschärft Berlins Wohnungsnot

          In Berlin können Mieter bald verlangen, die Miete auf eine gesetzlich vorgegebene Grenze zu senken. Schon jetzt wirkt sich das umstrittene Instrument zur Preisdämpfung massiv auf den Wohnungsmarkt aus. Selbst die Genossen sind verärgert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.