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: Familienunternehmen ohne Blutsbande: Das Frankfurter Aktionstheater Antagon wird 15 Jahre alt

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An dem stählernen Gerüst sind unregelmäßig verkantete Rahmen hintereinander aufgehängt. Sie eröffnen einen Blick wie in die Tiefe eines Tunnels, in dem gleich einem surrealistischen Gemälde erst Gegenstände, ...

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          An dem stählernen Gerüst sind unregelmäßig verkantete Rahmen hintereinander aufgehängt. Sie eröffnen einen Blick wie in die Tiefe eines Tunnels, in dem gleich einem surrealistischen Gemälde erst Gegenstände, dann Gliedmaßen und Köpfe und schließlich komplette Gestalten aufblitzen, bis sich die Bilder zu konkreten Ereignissen verdichten, etwa wenn eine Frau mit Sturmgewehr und ein nach hinten abkippender Soldat sich abwechseln. Erfahrungen und Informationen sind die Bestandteile dieser Collage, in deren gestaffeltem Raum die Akteure so zweidimensional wie Figuren im Papiertheater wirken.

          Ebenso intensiv wie plakativ ist die Wirkung der Inszenierung "Frames", neben "Time out" die zweite Show im aktuellen Repertoire des Frankfurter Aktionstheaters Antagon. Am Samstag gehören Ausschnitte aus den Straßenaktionen zum Jubiläumsprogramm des Theaters, das auf seinem Arbeits-, Probe- und Wohngelände an der Orber Straße 57 das fünfzehnjährige Bestehen feiert.

          Unter den freien Bühnen in Frankfurt ist Antagon das einzige Straßentheater. Der 48 Jahre alte Gründer und "Artistic Director" Bernhard Bub hat nach dem Studium von Germanistik, Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften das Metier in Paris beim Theatre du Soleil, in Ferrara beim Teatro Nucleo und in Warschau beim Churtowski Laboratorium kennengelernt. Heute ist die Truppe eine von einer Handvoll vergleichbar großer Aktionstheater in ganz Deutschland. Inzwischen elf große Inszenierungen mit 15 bis 40 Akteuren wie "Get Natural" oder "Schreie Niemandsland" wurden herausgebracht. In Frankfurt hat sich die Gruppe mit stimmungsvollen Inszenierungen mit Feuer und Wasser, mit bizarren Kostümen, expressiver Mimik, verwegener Akrobatik und suggestiver Live-Musik im Hof des historischen Museums, im Bonameser Hubschrauber-Hangar oder am Mainufer eingeprägt. So hat Antagon vor elf Jahren mit "Der Traum, die Stadt und der Sprung" die Kaiserstraße in eine Bühne verwandelt und zum zehnjährigen Bestehen die City von der Alten Oper bis zur Konstablerwache mit einem musikalischen und akrobatischen Spektakel durchzogen. Auch beim diesjährigen Museumsuferfest waren Antagon-Akteure zu sehen.

          Angefangen hat die Gruppe mit einem Kombi, in dem die Ausstattung - damals ein paar Stelzen - verstaut war. Heute geht Antagon mit einem Tourbus mit 16 Betten, Lastwagen, mehreren Anhängern und Lieferwagen auf Tour. Dazu kommen Kräne mit einer Tragfähigkeit von bis zu 800 Tonnen, die bei Bedarf geliehen werden. Jedes Jahr werden rund 40 große Aufführungen und 20 bis 30 kleinere Inszenierungen gespielt - letztere sind meist Auftragsarbeiten.

          In Frankfurt organisiert sich Antagon ohne Veranstalter die Auftritte selbst, wie zuletzt bei der "Sommerwerft", dem Sommertheater an der Weseler Werft. Mit

          "Protagon" wurde dafür ein Partnerunternehmen gegründet. Es vergeht kaum eine Woche ohne Auftritte, und die führen die Frankfurter auch auf Tour in die Ukraine, nach Armenien und Aserbaidschan, in Südamerika haben sie ebenso gespielt wie in Südostasien. Mit ihren nonverbalen Ausdrucksformen, mit eher archaischen statt theaterästhetischen Stilmitteln sind sie überall verständlich und umgekehrt offen für alle möglichen Eindrücke und Einflüsse. Derzeit plant die Gruppe ein Projekt mit Akteuren aus Kamerun.

          Offen ist das Ensemble auch für die Beeinflussung untereinander. Denn die meisten der Mitglieder - 22 Schauspieler, Musiker und Techniker unterschiedlichsten Alters - leben zusammen. An der Orber Straße residieren sie in Wohnmobilen und Jurten, Frühstück für alle gibt es von neun Uhr an, das gemeinsame Abendessen wird meistens gegen 21 Uhr eingenommen. In der ehemaligen Lagerhalle mit eineinhalbtausend Quadratmetern Nutzfläche wird geprobt, werden die teils aufwendigen Requisiten hergestellt.

          Auch wenn die echten "Blutsbande" fehlen, sieht man ab von Bubs Sohn Joscha Erker, der als Technischer Leiter fungiert, pflegen die Ensemblemitglieder ein familiäres Zusammenleben. Das liegt an den gemeinsamen Interessen, aber auch an den Arbeitszeiten, die keinen Unterschied zwischen Werktag und Wochenende machen. In den Produktionsphasen, die von der Vorbereitung über die Proben bis zur Tournee rund neun Monate dauern, ist das Team rund um die Uhr zusammen. Ein freier Tag wird dann gern auch zur gemeinsamen Bootsfahrt auf der Nidda oder für andere Zerstreuungen genutzt.

          Neben dem Aktionstheater selbst veranstaltet Antagon auch Kurse: In der Reihe "Transformator" etwa werden Workshops für Tanz, Stimme und Körperausdruck geboten, spezielle Ausdruckskurse sind für Behinderte konzipiert. Jeden Montag von 19 Uhr an können Neugierige an einem offenen Training von Tanz und Bewegung teilnehmen. Beim Jubiläum am 3.September soll es kein starres Programm, sondern eine Art Selbstdarstellung anhand eines "Work in Progress" geben, beim Schminken und bei Proben etwa. Dazu soll es Videovorführungen geben und sicher auch ein paar der bekannten Feuereffekte. Wie bei der "Sommerwerft" wird auch wieder gekocht. JÜRGEN RICHTER

          Das Jubiläumsfest des Aktionstheaters Antagon findet am 3.September von 16 Uhr an statt.

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