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: Familiäre Elementarteilchen: Die norwegische Autorin Hanne Orstavik im Literaturforum

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Als Hanne erwacht, merkt sie, daß sie eingesperrt ist. Eigentlich wollte sie an diesem Tag mit ihrem Freund nach Amerika reisen. Statt dessen sitzt sie nun in ihrem Zimmer, spürt, wie ihr der Schweiß unter den Achseln hervorrinnt, und fragt sich, ob das Blau ihrer Tapeten wirklich ist.

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          Als Hanne erwacht, merkt sie, daß sie eingesperrt ist. Eigentlich wollte sie an diesem Tag mit ihrem Freund nach Amerika reisen. Statt dessen sitzt sie nun in ihrem Zimmer, spürt, wie ihr der Schweiß unter den Achseln hervorrinnt, und fragt sich, ob das Blau ihrer Tapeten wirklich ist. Wie kann ich wissen, was wirklich ist, fragt sie sich auch, als sie zurückdenkt an den Tag, da ihre Mutter sie in den falschen Liebesfilm mitgenommen hatte. Oder an das Abendessen, das sie mit ihrem Freund vorbereitete, als die Mutter nach Hause kam und wissen wollte, was dieser junge Mann eigentlich unter Liebe versteht. Denn Sex ist für die Mutter verdeckte Gewalt und Liebe identisch mit Gott.

          Hanne Orstavik hat ihr erzählendes Ich eingesperrt in ein Denken, das permanent um Wahrheit und Wirklichkeit kreist. Einen Titel, "der nicht zu eng ist", konnte die norwegische Autorin für ihren Mutter-Tochter-Roman zunächst nicht finden, bis ihr ein Satz aus Virginia Woolfs "Waves" entgegenleuchtete: "Genauso wahr wie ich wirklich bin". Unter diesem Titel ist ihr vierter Roman als zweiter Teil einer Trilogie in Norwegen erschienen, aber

          der Deutsche Taschenbuch Verlag hat die Übersetzung von Ina Kronenberger unter dem eingängigeren Titel "Als ich gerade glücklich war" publiziert.

          Im Hessischen Literaturforum sind nordische Autoren willkommen. Nur wenige Wochen nach den ersten Skandinavischen Literaturtagen stellte Uwe Englert vom Institut für Skandinavistik an der Goethe-Universität jetzt Hanne Orstavik vor und las mit ihr gemeinsam mehrere Passagen aus dem Original und der Übersetzung. 1969 in Tana geboren und ebendort in der Finnmark, der nördlichsten Ecke Norwegens, aufgewachsen, war Hanne Orstavik mit 16 Jahren nach Oslo gezogen. Dort studierte sie Soziologie und Psychologie, ließ sich aber dann auf einer Schule für Schriftsteller zur Autorin ausbilden. Als erstes Buch erschien 1994 ihr Roman "Einschnitte", gefolgt von dem Roman "Entropie".

          Mit beiden Büchern hatte die Autorin der epischen Breite des konventionellen Romans eine Absage erteilt zugunsten fragmentarischer Prosa-Miniaturen, die kaum eine Handlung erahnen ließen. 1997 erschien mit "Liebe" der erste Teil ihrer Trilogie, mit der sie zwar zur Alltagsrealität zurückkehrte, aber ihren Figuren eine transparente Biographie noch immer vorenthielt. Um Hierarchien und Machtkonstellationen zwischen Eltern und Kindern kreisen die beiden ersten Teile der Trilogie, tragische Mißverständnisse ergeben sich aus einer nur oberflächlichen Kommunikation innerhalb solcher Mutter/Sohn- und Mutter/Tochter-Dyaden.

          Denn anders als bei dem schwedischen Kollegen Mikael Niemi, der sich eine Woche zuvor im Literaturforum vorgestellt hatte, dominiert bei Hanne Orstavik nicht der Clan, sondern die Zweierbeziehung. Die wenigen Personen ihrer Romane sind in sich selbst und in ihrer Sprache eingeschlossen wie die Ich-Erzählerin Hanne in ihrem Zimmer. Hanne Orstavik versucht sie zu öffnen, um dem Individuum als Elementarteilchen der Familie, des Clans und der Gesellschaft auf den Grund zu gehen. Claudia Schülke

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