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: Experimentierfreudige Naturbetrachtung: Erwin Filter im Projektbüro Stadtmuseum in Wiesbaden

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Am Talent, an der Qualität seiner Arbeiten kann es eigentlich nicht liegen. In allen seinen Schaffensphasen hat der Maler Erwin Filter (1904 bis 1987) immer wieder zu einnehmenden und, angesichts der ...

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          Am Talent, an der Qualität seiner Arbeiten kann es eigentlich nicht liegen. In allen seinen Schaffensphasen hat der Maler Erwin Filter (1904 bis 1987) immer wieder zu einnehmenden und, angesichts der auffälligen Brüche zwischen den einzelnen Werkphasen, auch höchst überraschenden Ausdrucksmöglichkeiten gefunden. Filter hat einen bemerkenswerten Weg vom spätimpressionistisch inspirierten Landschaftsmaler zum rein abstrakt arbeitenden Künstler und - in den letzten Lebensjahren - wieder zurück absolviert. Daß er heute selbst in Wiesbaden, wo er fast 40 Jahre gelebt hat, nahezu vergessen ist, mag seinen Grund haben im weitgehenden Desinteresse des Malers am Kunstbetrieb einerseits, in einer für viele seiner Generation typischen "nachholenden" Entwicklung andererseits.

          Zum 100. Geburtstag Filters erinnert nun die Ausstellung "Faszination Farbe" im Wiesbadener Projektbüro Stadtmuseum (Friedrichstraße 7) mit rund 50 Arbeiten an einen Künstler, dessen Thema selbst in den rein abstrakten Bildern im Grunde die Natur in ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen geblieben ist. Chronologisch aufbereitet, offenbart die Schau zunächst vor allem den - besonders nach seiner Übersiedlung ins märkische Oderberg - versierten Landschafter, der in teils bezaubernden und meist eher unspektakulären Ansichten zu einer zunehmend freieren, das Motiv in einzelne Pinselstriche auflösenden Malerei gelangt. Anklänge etwa an Corot einerseits und den Impressionismus eines Max Liebermann sind unübersehbar.

          Das ist mitunter durchaus überzeugend. Avantgarde aber sah damals bereits anders aus. Zugleich zeigen die Arbeiten der dreißiger und vierziger Jahre, daß Filter vor allem in den Arbeiten auf Papier und hier wiederum in den Aquarellen zu einer deutlich freieren und experimentierfreudigeren Malweise findet als in seiner Ölmalerei. Und doch deutet zu dieser Zeit kaum etwas auf den mit seiner Übersiedlung nach Wiesbaden 1950 zu beobachtenden eklatanten Bruch im Werk des damals immerhin schon weit über vierzigjährigen Malers. Im Umfeld der "Gruppe 50" aber zeigt er sich tief beeindruckt von der bis dahin von seiner Generation in Deutschland kaum wahrgenommenen abstrakten Malerei und erscheint zunächst als ein Suchender, der, zur Abstraktion fest entschlossen, auf der Basis einer Vielzahl völlig neuer Einflüsse sich seiner eigenen Mittel und seines Vokabulars allererst lustvoll zu vergewissern sucht.

          Filter nimmt die Welt mit völlig anderen Augen wahr, ist experimentierfreudiger als je zuvor. Es entstehen Stilleben in Anlehnung an Picasso, kubistisch inspirierte und schließlich völlig abstrakte Arbeiten. Vom Informel, wie es zu Beginn der fünfziger Jahre die Frankfurter "Quadriga"-Künstler entwickelten, zeigt sich der Künstler nachhaltig beeinflußt, wenngleich in seinen Kompositionen die Figur-Grund-Problematik zunächst deutlich im Vordergrund steht. Erst allmählich findet er zu freieren, mitunter von graphisch erscheinenden Strukturen überlagerten und vorbehaltlos lyrisch zu nennenden Farbklängen, während parallel dazu eine Reihe kalligraphisch inspirierter Tuschzeichnungen entsteht.

          Gleichwohl, so scheint es, bleibt im Grunde selbst in den sehr freien Arbeiten stets die Naturbetrachtung sein eigentliches Thema. Und wie schon der Landschaftsmaler, so wagt Filter auch als jetzt ganz der Abstraktion verpflichteter Künstler in seinen Mischtechniken auf Papier meist deutlich mehr als in seinen Gemälden. Der älter werdende Maler mag schließlich gespürt haben, daß er seine Möglichkeiten auf dem Feld der Abstraktion ausgeschöpft hatte. Die neuerliche Hinwendung zur gegenständlichen Landschaftsschilderung in den siebziger Jahren aber erscheint dennoch völlig überraschend. Christoph Schütte

          Bis zum 18. Juli, Dienstag bis Sonntag von 14 bis 19 Uhr geöffnet.

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