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Jüdisches Museum Frankfurt : Frau Weisheit und Gottes Gegenwart

Die Frau als böse Verführerin: das Bild „Eva mit Schlange“ des deutschen Jugendstil-Malers Franz von Stuck Bild: bpk / Städel Museum

Das Jüdische Museum eröffnet mit „Die weibliche Seite Gottes“ seine erste Wechselausstellung im Neubau. Neben antiken Artefakten und Replikationen von Idolen zeigt die Ausstellung auch zeitgenössische Perspektiven.

          3 Min.

          Schon am Eingang zwei Sitzplätze? Nein, das ist eine Installation. Zwei Stierhörner, wie von der altägyptischen Muttergöttin Hathor getragen, drehen sich, ihre Rückseiten zeigen sich als offene Vulven mit einem Sitz. Umflossen von silbernem Mondlicht und umgeben von Wänden, die mit hellgrauem Satin bezogen sind, lädt dieser „Prolog-Raum“ des Jüdischen Museums Frankfurt zu der ersten Wechselausstellung ein: „Die weibliche Seite Gottes“. Die Installation „TutGamToo“ von der Künstlerin Ayala Serfaty spielt mit ihrem Titel auf die ägyptische Herkunft alter weiblicher Gottheiten des Orients an, wie das Mondlicht auf die sumerische Herkunft der Mondgöttinnen. Stierhörner und Mondsichel verschmolzen gelegentlich in der Ikonographie der Fruchtbarkeitskulte, die das werdende Volk Israel mit seinem Monotheismus umgaben.

          Claudia Schülke

          Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Bevor sich die Türen im Neubau zu den Räumen der künftigen Wechselausstellungen öffneten, enthüllten Ortsvorsteher Oliver Strank und Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) ein Straßenschild: „Bertha-Pappenheim-Platz“ heißt von nun an der nördliche Zugang zum Jüdischen Museum von der Hofstraße aus: nach der Frankfurter Sozialarbeiterin und Frauenrechtlerin, die 1859 in Wien geboren wurde und 1936 nach einer Vorladung der Gestapo in Neu-Isenburg starb. Pappenheim hatte sich für jüdische Kinder und gegen Prostitution und den Mädchenhandel aus Osteuropa eingesetzt. Hartwig verwies auf aktuelle Parallelen.

          Berta Pappenheim hat nicht nur Bücher, sondern auch Gebete verfasst. Eines liegt jetzt in einer Glasvitrine im Ausstellungsraum unter dem Leitwort „Selbstermächtigung“. Doch bevor es so weit war und sich Frauen in eigene Gebetsmäntel kleiden durften, wie in der Ausstellungsarchitektur von Martin Kohlbauer zu sehen, vergingen Jahrtausende. Deshalb heißt der erste Abschnitt in dem von gigantischen Spiegeln vergrößerten Raum „Göttinnen im alten Israel“. Eine Film-Animation archaischer Statuetten zieht sofort den Blick auf sich, so dass man beinahe „Die Große Mutter“, ein rotes Monster von Maria Lassnig, übersieht. Die Ausstellung präsentiert nämlich nicht nur vorgeschichtliche und antike Originale wie Pillar-Figurinen oder Replikationen von Idolen, sondern auch die Auseinandersetzung zeitgenössischer Künstler mit dem Thema.

          Die Frau auch als „Bedrohung“

          Blaue Kreise auf dem Boden kündigen einen neuen visuellen Raum an. Denn um die „Visualität des Themas“ geht es Museumsdirektorin Mirjam Wenzel und ihrer Kuratorin Eva Atlan. In Zusammenarbeit mit dem Jüdischen Museum Hohenems in Vorarlberg, wo eine gleichnamige Ausstellung schon 2017 zu sehen war, hat Atlan die Schau um zeitgenössische Kunst erweitert. Etwa um „Die Schechina“ im Brautkleid von Anselm Kiefer in der Abteilung „Frau Weisheit und Gottes Gegenwart“. Die Sophia-Lehre leitet sich schon aus den Weisheitsschriften der hebräischen Bibel ab und setzt sich in christlich apokryphen Schriften fort, die Christus mit Sophia gleichsetzen – bis in die Sophienmystik der Renaissance. Hier hat auch die Hagia Sophia von Istanbul ihren Ursprung.

          Die weibliche und schöpferische Kraft Gottes namens Schechina wiederum wohnte nach dem jüdischen Glauben im Allerheiligsten des zweiten Tempels und folgte den Juden nach der Zerstörung desselben im Jahr 70 nach Christus als „Gottes Gegenwart“ ins Exil. Sie galt als eine der zehn göttlichen Kräfte in der jüdischen Mystik, der Kabbala. Aber auch die Tora, Grundlage jüdischen Lebens, galt als „mütterlich“ – gekrönt und verborgen hinter einem roten Toravorhang mit silberbesticktem Paradiesgarten.

          Eine negative Tradition, die „Bedrohung Frau“, griffen Maler wie Franz von Stuck auf. Seine „Eva mit Schlange“ setzt den alten jüdischen Mythos von Lilith fort, Adams erster Frau, die dem Mann die Unterordnung verweigerte. Hier hat die „Femme fatale“ ihren Ursprung: die Frau als böse Verführerin. Die Schlange galt als Symbol von Muttergöttinnen, war aber auch heiliges Tier eines kaanitischen Heilgottes. Aus dem Museumsboden trällert dazu Mozarts „Königin der Nacht“, noch eine böse Frau.

          Weiter geht es zu den positiv besetzten „Glaubensmüttern“, wie Joos van Cleves „Madonna mit der Birne“, Brust und Frucht in parallelen Formen, oder einer „Marienkrönung“ von 1460. Von hier ist es nur noch ein kleiner Schritt zum Exkurs über die „Selbstermächtigung“ der Frauen, ein extrem pointierter Begriff, der weder christlich noch jüdisch ist, weil er die Macht, die nur Gott gebührt, an sich reißt. Dort ist unter anderem eine „Esther-Rolle“ in hebräischer Schrift zu sehen, die 1564 in Venedig erstellt wurde. Sie erzählt von der Rettung der Juden vor einem Pogrom im alten Persien wie das altbiblische Buch. Zeitgenössisch ist der „Mikwa Dream Text“, der Bezug nimmt auf eine öffentliche Performance der Künstlerin Ukeles in New York. Eine Hymne zur Begrüßung des Schabbat führt hinüber zu den „Mystischen Verbindungen“: „Komm mein Freund, der Braut entgegen.“ Wieder klingt die Schechina an.

          Die Ausstellung wird am Freitag, 23. Oktober, eröffnet und dauert bis 14. Februar. Sie wird unterstützt von der Art Mentor Foundation Lucerne und vom Kulturfonds Frankfurt/RheinMain.

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