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Musik in der Kronberg Academy : „Die Ohren sitzen nun einmal an den Seiten“

Unvollendet: Obwohl der Kammermusiksaal im Casals-Forum in Kronberg noch nicht fertig ist, hat es darin schon ein Konzert gegeben. Bild: Cornelia Sick

Der Bau des Kronberger Kammermusiksaals stellt Architekten und Akustiker vor große Herausforderungen. Musiziert wurde in dem Saal jedoch bereits – auch wenn die Bauarbeiten noch nicht abgeschlossen sind.

          2 Min.

          Die Bedingungen sind denkbar schlecht. Von draußen dringt das Rauschen von Autoreifen auf regennasser Fahrbahn. Drinnen ist es zwischen nackten Betonwänden mangels Fensterglas zugig. Das Publikum muss auf Klappstühlen ausharren. Welcher Künstler würde unter diesen Bedingungen auftreten? Gidon Kremer zum Beispiel, der gestern Nachmittag eine Solo-Violinsonate von Mieczystlaw Weinberg gespielt hat. Der Ort war ihm wichtiger als die leicht zu erklärende Unzulänglichkeit. Denn noch steht das Casals-Forum der Kronberg Academy, das seit zwei Jahren am Bahnhof emporwächst, nur im Rohbau. Gestern war Richtfest für den einzigen Kammermusiksaal der Region, der nach Worten von Axel Wintermeyer (CDU), Chef der Hessischen Staatskanzlei, nicht nur deshalb einzigartig sein wird.

          Bernhard Biener

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.

          Es sei wunderbar, hier jetzt schon Musik zu hören, sagte András Schiff, wie Kremer Mitglied im Künstlerischen Beirat der Kronberg Academy. Er dankte im Namen der Musiker dem Vorsitzenden und Gründer der Academy, Raimund Trenkler, und den versammelten Geldgebern des Bauwerks. „Es ist ein Jammer für uns“, sagte der Pianist. „Wir müssen oft in viel zu großen Sälen spielen.“ Das Casals-Forum, zu dem auch das Verwaltungs- und Studienzentrum der Academy gehören wird, habe die richtige Dimension.

          Der richtige Klang für jedes Ensemble

          550 Zuhörer soll der Saal einmal fassen, wenn er Ende 2021 oder Anfang 2022 fertig ist, und dabei für Ensembles unterschiedlicher Größe den richtigen Klang bieten. Eine Herausforderung, an der Architekt Volker Staab und der niederländische Akustiker Martijn Vercammen gemeinsam arbeiten.

          „Als wir am Wettbewerb teilnahmen, dachten wir eher an einen terrassenförmigen Weinbergsaal wie in der Berliner Philharmonie“, sagte Staab. Dann habe es doch eher ein rechteckiger „Schuhkarton“ wie der Wiener Musikverein sein sollen. „Jetzt versuchen wir, die akustischen Eigenschaften eines Schuhkartons in einem beschwingten Saal zu entwickeln.“

          Nackter Beton: Später soll das Haus mit Muschelkalk verkleidet werden.
          Nackter Beton: Später soll das Haus mit Muschelkalk verkleidet werden. : Bild: Cornelia Sick

          „Verboten ist nur das Wort Kompromiss“

          Letzteres ist schon dem Rohbau von innen anzusehen. Die nur scheinbar symmetrischen Kurvenlinien geben dem Saal eine organische Form, und das Dach scheint wegen der breiten Fensteröffnungen darüber zu schweben. Die äußeren Glasscheiben werden den geschwungenen Linien folgen, innen jedoch werden gerade Scheiben nach den akustischen Anforderungen gefaltet. „Es wird ein öffentlicher Ort, in den man von allen Seiten hineinschauen kann“, erläuterte der Architekt. Bei Bedarf kann der Saal mit Vorhängen verdunkelt werden, die sich zwischen den Glasfronten befinden und daher keine Auswirkung auf den Klang haben.

          Viele frühe Reflexionen und damit eine nicht ganz so analytische Strenge wie etwa die Elbphilharmonie sollen den Kronberger Saal einmal auszeichnen. Dazu haben Vercammen und sein Team nicht nur gerechnet und Messungen in einem auf ein Zehntel verkleinerten Modell vorgenommen, sondern auch viele Säle angehört und vermessen. „Die Ohren sitzen nun einmal an den Seiten“, beschrieb der Akustiker die Aufgabe, mit einer Holzverkleidung den Schall von den konkaven und konvexen Wänden zum Publikum zurückzuwerfen. „Verboten ist nur das Wort Kompromiss.“

          In seiner äußeren Gestaltung wird sich das Casals-Forum am fast fertiggestellten Hotel nebenan orientieren und über die gleiche Verkleidung aus Muschelkalk verfügen. Ob die Kosten bei den zuletzt genannten 45 Millionen Euro bleiben, muss sich noch zeigen. Dafür steht fest, wie die Freifläche zwischen Studienzentrum, Hotel und Kammermusiksaal heißen soll: Beethoven-Platz. Das Casals Forum werde für Qualität, Kreativität, Internationalität und Menschlichkeit stehen, versprach Trenkler. „Der Meister wäre begeistert“, sagte Marta Casals Istomin, Witwe des für das Bauwerk namengebenden Cellisten Pablo Casals.

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