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: Erleuchtung: Cerith Wyn Evans in einer Ausstellung im Frankfurter Kunstverein

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Cerith Wyn Evans scheint mit John Cage und Theodor W. Adorno auf vertrautem Fuß zu stehen, auch mit der Prinzessin von Cleves, die im 1678 entstandenen Roman der Madame de Lafayette das Konzept der romantischen Liebe verkörpert.

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          Cerith Wyn Evans scheint mit John Cage und Theodor W. Adorno auf vertrautem Fuß zu stehen, auch mit der Prinzessin von Cleves, die im 1678 entstandenen Roman der Madame de Lafayette das Konzept der romantischen Liebe verkörpert. Im Frankfurter Kunstverein erklärt der walisische Künstler mit seiner ungewöhnlichen Inszenierung "Look at that picture...How does it appear to you? Does it seem persisting?", die 2003 im Londoner White Cube gezeigt wurde, was es mit diesen drei und zwei weitere Heroen seiner Wahl auf sich hat. Und Evans' künstlerische "Aufklärung", im Englischen "enlightenment", zeigt sich hier wahrhaft als - wenn vielleicht auch nicht unmittelbare - "Erleuchtung": In fünf üppigen Kronleuchtern von unterschiedlicher Schönheit geht das Licht in ganz unregelmäßigen Abständen an und wieder aus. Nur erfahrene Seemänner der älteren Generation würden merken, daß es sich hier um nichts anderes als um Morsezeichen handelt.

          Aus einem antiken Kronleuchter, der ursprünglich für das Palais Victor Horta in Brüssel hergestellt worden sein soll, blinkt Adornos Text "The Stars down to Earth", eine 1974 auf englisch verfaßte Studie über die anti-aufklärerische Wirkung einer Astrologie-Kolumne in der Los Angeles Times. Aus dem John-Cage-Leuchter werden Auszüge aus seinem "Diary: How to Improve the World (You Will Only Make Matters Worse) Continued 1968 (Revised)" gemorst. Zum Glück können alle, die vom Morsecode nicht mehr als "SOS" beherrschen, die lesenswerten Texte auf fünf Wandmonitoren nachsehen: So auch "Paranoid reading and reparative reading, or, you're so paranoid, you probably think this essay is about you" aus dem Werk "Touching Feeling" der Literaturwissenschaftlerin und Queer-Theoretikerin Eve Kosofsky Sedgwick.

          In Deutschland wird Cerith Wyn Evans zum ersten Mal vom Frankfurter Kunstverein in einer großen Werkschau vorgestellt. Geboren wurde er 1958 im walisischen Dorf Llanelli, als Sohn eines Amateurfotografen, der mit seltsamen "Anthropomorphic Portraits" in der Ausstellung des Sohnes präsent ist. Nach dem Studium an der St. Martin's School of Art in London und am Royal College of Art arbeitete Evans als Assistent des Filmregisseurs Derek Jarman und als Tutor bei der "Architectural Association", machte experimentelle Filme und Musikvideos für Pop-Gruppen. Seither bringt er immer wieder Künstler unterschiedlicher Disziplinen und Generationen zusammen, mit oft erstaunlichen Resultaten. Seit 1990 enstehen vor allem Skulpturen, Installationen und Fotos: er nahm an internationalen Ausstellungen teil, etwa an der elften Documenta in Kassel, der Biennale in Venedig 2003 oder der "Brit Art"- Schau "Sensations".

          Evans zeigt sich als pictor doctus, nicht als Maler zwar, gleichwohl als gebildeter Künstler, fasziniert von den großen Werken aus Literatur, Kunst, Musik, Film und Philosophie. Lustvoll zitierend bedient er sich dieses ästhetischen und geistigen Fundus', um gescheite, anregende, auch unterhaltsame Arbeiten entstehen zu lassen: So eine runde Lampe aus den Leuchtbuchstaben "In Girum Imus Nocte Et Consumimur Igni", ("Wir irren des Nachts im Kreis umher und werden vom Feuer verzehrt"), ein lateinisches Palindrom und zugleich der Titel eines Films von Guy Debord. Einen besonders reizvollen und tatsächlich endlos wirkenden "Moebius Strip" hat Evans 1997 aus weißen Neonröhren geschaffen. Und noch besser als jedes Spiegelkabinett ist "Inverse, Reverse, Perverse", ein großer runder konkaver Spiegel, frei nach Vitruv und Le Corbusier, mit verblüffenden Effekten. Evans hat den Spiegel als "machine for generating strangeness" bezeichnet: "at a certain point you lose all perception of space." Sicher fühlen sollen wir uns durch Evans' kunstvolle Spiele mit der Aufklärung offenbar nicht. KONSTANZE CRÜWELL

          Die von der DeKaBank geförderte Ausstellung ist bis 23. Mai zu sehen. Öffnungszeiten Dienstag bis Sonntag von 11 bis 19 Uhr.

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