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Erinnern und Vergessen : Die Kunst des geistigen Zurückholens

Erinnerungsstützen: Hunderte Notizzettel ihres an Demenz erkrankten Vaters hat die Künstlerin Karin Schulte gesammelt. Sie sind im Historischen Museum Frankfurt zu sehen. Bild: dpa

Eine Tagung über „Erinnern und Vergessen“ im Historischen Museum Frankfurt zeigt, dass jedes Vergessen auch eine Form des Erinnerns sein kann.

          Sammlungen sind unantastbar. Jedenfalls nach der Inventarisierung ihrer Objekte. Im Frankfurter Historischen Museum steht Jan Gerchow für diese „Ewigkeitsklausel“ ein – auch für die Sammlungen von Objekten des gegenwärtigen Gebrauchs. Das machte der Museumsdirektor jetzt bei einer Tagung deutlich, welche die Ausstellung „Vergessen. Warum wir nicht alles erinnern“ vertiefen sollte. In Kooperation mit dem Sigmund-Freud-Institut (SFI) und seiner Direktorin Vera King haben Ausstellungskurator Kurt Wettengl und seine junge Mitstreiterin Jasmin Alley auch das Konzept für die Tagung über „Dynamiken des Erinnerns und Vergessens“ entworfen. Es ging auf: 13 Wissenschaftler und Künstler, darunter Friedenspreisträgerin Aleida Assmann, sprachen unter der Moderation von Literaturwissenschaftlerin Insa Wilke zu und mit dem Publikum über interdisziplinäre Aspekte. Und sie stießen auf Resonanz bei den kundigen und disziplinierten Besuchern.

          Claudia Schülke

          Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Jedes Vergessen ist eine Form des Erinnerns“, erklärte zum Auftakt die Luzerner Philosophin Christine Abbt mit einem Essay Umberto Ecos und plädierte dafür, beide Perspektiven ernst zu nehmen, denn sie seien keine Gegensätze, sondern eng aufeinander bezogen. Sie berief sich auch auf Jorge Louis Borges, in dessen Roman „Das unerbittliche Gedächtnis“ der Protagonist an einer Erinnerungsüberforderung scheitere, die ihm Denken und Leben unmöglich mache.

          Was unter diesen „basalen Prozessen des menschlichen Geistes“ (Vera King) zu verstehen ist, erfuhr man von Hannah Monyer, die am Universitätsklinikum Heidelberg die Klinische Neurobiologie leitet. Was im griechischen Mythos noch Lethe und Mnemosyne erledigten, übernehmen jetzt „Mnemosyne“-Rezeptoren, um die Synapsen zu verändern: Wenn die Hippocampus-Neuronen feuern, erhöht sich die sogenannte synaptische Plastizität. Im Schlaf wird das neu Gelernte in die Großhirnrinde transferiert, aus dem episodischen wird das Langzeitgedächtnis. Überhaupt scheint eine Interferenz wie Schlaf oder Alkoholkonsum die Konsolidierung der Plastizität zu fördern. Besonders plastisch sei das Gehirn bis zum Abitur. Erheiterung im Publikum, das größtenteils die 50, wenn nicht 60 überschritten hatte.

          „Es macht keinen Sinn, sich an alles zu erinnern“

          Tilmann Habermas, Psychologe an der Goethe-Universität und Leiter der MainLife-Langzeitstudie, hat Erfahrung mit den Lebensgeschichten von acht-bis achtzigjährigen Frankfurtern. Identität und Selbstkontinuität soll die Studie ermitteln, aber Achtjährige seien damit überfordert. Je älter, desto stabiler werde eine Lebenserzählung. Verzerrte Erinnerung passe die Vergangenheit an die aktuelle Identität an, so werde sie in die Lebensgeschichte eingebettet. „Es ist auch wichtig für die Evolution, dass man sich nicht jeden Schrott merkt“, meldete sich Monyer zurück. „Es macht keinen Sinn, sich an alles zu erinnern.“ Wenn die Versuchsmaus den Elektroschock nicht vergesse, sei sie ein traumatisiertes Tier.

          Das Trauma kam erst am zweiten Tag so richtig zur Sprache. Lehranalytikerin Ilany Kogan war aus Israel eingeflogen, um Agnieszka Hollands Film „Hitlerjunge Salomon“ zu analysieren. Dieses berührende Porträt, das mancher im Publikum „voyeuristisch“ fand, weil es dem Zuschauer nicht nur wie dem Protagonisten unter die Vorhaut ging, erzählt von einem jungen deutschen Juden, der unter dem Nazi-Regime die Identitäten wechselt, um zu überleben, und nach einem osteuropäischen Bolschewisten zu einem „arischen“ Helden der Wehrmacht wird. Wie sollte er trotz seiner starken Resilienz ein Identitätsgefühl aufbauen, eine Kontinuität der Persönlichkeit, fragte sich Kogan: Doch: „Life is the most important thing.“

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