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Erika M. Anderson : Verletzlichkeit und unbeugsamer Widerstand

  • -Aktualisiert am

Schüchtern ist sie sicher nicht: Erika M. Anderson alias EMA. Bild: Marcus Kaufhold

Unverblümte Worte, die polarisieren: EMA alias Erika M. Anderson gibt sich rebellisch bei ihrem Auftritt im Offenbacher Hafen 2.

          2 Min.

          An ernsthaften Sängerinnen, die eigene Lieder mit akustischer Gitarre oder Klavier begleiten, herrscht derzeit kein Mangel. Weit seltener sind hingegen charismatische Frauen, die das ehemalige Feuer von Patti Smith, PJ Harvey oder Courtney Love in die Gegenwart tragen. Möglicherweise ist das einer der Gründe, warum EMAs Debütalbum, vor mehr als drei Monaten erschienen, so viel Aufsehen erregt. In den neun Songs auf „Past Life, Martyred Saints“ vereint Anderson große Tugenden des Underground-Rock. Ihre Musik ist eigensinnig, sperrt sich gegen beiläufiges Hören und den Einsatz im Supermarkt; die subversive Haltung wird durch EMAs expressiven Gesang und persönliche Songtexte manifestiert. Deren unverblümte Worte polarisieren ebenso wie die oft ruppig-verzerrten Arrangements.

          Es zeugt von starkem Selbstvertrauen und Dringlichkeit, eine CD mit einem Titel wie „The Grey Ship“ zu beginnen. Binnen sieben Minuten wechselt EMA hier von intimen, beinahe folkverwandten Klängen über sphärische Sounds zu rabiatem Noise-Rock, in dem eine elektrisch manipulierte Violine von Breitseiten der E-Gitarren beinahe erstickt wird. Anfangs wirkt der Song wie eine Live-Übertragung aus dem Proberaum, später schwellen Volumen und Klangfülle mächtig an. Entsprechend wandelt sich Andersons Gesang von beinahe flüsternder Erzählhaltung zu insistierender Betonung. Mit imponierender Konsequenz wandelt EMA auf dem schmalen Grat zwischen Verletzlichkeit und unbeugsamem Widerstand, sinistren Erinnerungen und entschlossenen Abschieden. Die Reibung von spröden Klängen und Andersons warmtimbrierter Stimme erzeugt spannende Kontraste.

          Unerwartete ruhige Momente

          Natürlich ist das Talent nicht vom Himmel gefallen. Mit 18 ging Erika M. Anderson von South Dakota nach Los Angeles, um Film zu studieren. Stattdessen spielte sie alsbald Gitarre in einer Folk-Noise-Band, gründete dann die experimentierfreudige „Drone“-Formation Gowns, deren CD „Red State“ 2007 in Amerika zum Geheimtipp avancierte. Nach einer Zeit in Oakland lebt EMA mittlerweile in Portland, Oregon. Ihre Abneigung gegenüber dem Lebensstil in Los Angeles hat sie im Song „California“ gnadenlos verewigt. Eine juvenile Lust an pathetischer Rebellion ist der 25 Jahre alten Musikerin auch live anzumerken, zumal ihr energiegeladenes Konzert im Offenbacher Hafen 2 unmittelbarer überfällt als die vergleichsweise variablen Studioaufnahmen. In den ersten Minuten steht die raumgreifende Musik für sich. Zur Einleitung spielt Leif Shackelford seine elektrische Bratsche wie eine Gitarre und lässt die Phrase als Loop durch den Song laufen; darüber legt er ein kratziges Motiv, das später von Noise-Attacken geradezu erdrückt wird. Anderson verschanzt sich zunächst hinter Gitarre und Mikrofon, nach einer Weile spricht sie zwischen den Songs auch mit dem Publikum. Während ihrer Interpretation von „Add It Up“ der Violent Femmes springt Anderson unvermittelt von der Bühne; inmitten der Zuschauer fühlt sie sich wohl, so dass sie den Ausflug später wiederholt. Schüchtern ist EMA sicher nicht. Rudernde oder hoch gerissene Arme und Anflüge von Raserei mögen Pose sein, wirken aber angesichts der leidenschaftlichen Präsenz Andersons stimmig. Zumal auch ihr dynamischer Gesang eine lauernde Energie vermittelt, die jederzeit ausbrechen kann.

          Andersons Schwester Nicole drischt rumpelnd-rollend auf das Schlagzeug ein, Shackelford steuert mit Keyboard und Sampler dunkel-dräuende Sounds bei. Während EMAs Gitarre vor allem schrammelige, teilweise heftig verzerrte Akkorde liefert, wechselt Nikki Mao von Breitwand-Noise zu getupften Mustern; zuweilen suggerieren die Riffs der beiden Gitarristinnen einen zähen Lavastrom. Zwischendurch greift Mao zur Violine, ihr Geigenduett mit Shackelford sorgt unerwartet für ruhige Momente. Am Ende des eindringlich kompromisslosen Konzerts bleibt die Ahnung, dass EMA auch in größeren Clubs auftreten könnte.

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