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English Theatre Frankfurt : Die Puppe des Bösen

He´s the Boss: Die garstige Handpuppe Tyrone hat die Gewalt über Jason (Nicholas Hart) Bild: Martin Kaufhold

Teuflisch lustig: Das English Theatre zeigt Robert Askins’ „Hand to God“ mit einer garstigen Handpuppe als Star.

          „Lieber Gott, mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm“ - mit derlei Einfachheiten lockt man selbst im tiefsten Texas keine Schäfchen mehr in die Kirchen, weshalb sich viele Gemeinden des Puppenspiels bedienen, um Kindern und Jugendlichen die Bibel nahezubringen und sie zu lehren, teuflischen Verlockungen zu widerstehen. So geschieht es auch im Städtchen Cypress, wo Pastor Gregg (Matt Addis) die jüngst verwitwete Margery (Sarah Waddell) gebeten hat, sich der Puppenspielgruppe anzunehmen, in der neben Margerys verklemmtem Sohn Jason (Nicholas Hart) noch dessen heimlicher Schwarm Jessica (Samantha Dakin) und der aufsässige und rücksichtslose Timothy (Tom Machell) mittun.

          Christian Riethmüller

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Allerdings sind die Vorbereitungen für eine sonntägliche Aufführung ins Stocken geraten, weil sich die zwischenmenschlichen Beziehungen aller fünf Beteiligten nicht ganz einfach gestalten: Der einsame Pastor umwirbt die trauernde Margery, auf die auch der jugendlich erregte Timothy ein Auge geworfen hat. Jason hingegen ist in seiner Schüchternheit gefangen, bis plötzlich seine Handpuppe Tyrone das Regiment übernimmt.

          Egozentrisches Tun

          Diese äußerlich den Figuren der Muppet Show ähnelnde Puppe des Bösen, ein vulgärer, egoistischer Strolch, ist der Clou in Robert Askins’ satirischer Komödie „Hand to God“, die im Jahr 2014 in New York uraufgeführt wurde und nun im English Theatre Frankfurt in der Regie von Derek Anderson erstmals in Deutschland gezeigt wird. Denn es ist Tyrone, der die Rolle des Bühnenstars innehat, blickt er doch in all seinem egozentrischen Tun auch hinter die Fassaden der anderen, erkennt und benennt ihre Schwächen und ist in all seiner Garstigkeit doch vor allem teuflisch lustig.

          Ein Stück Stoff so zum Leben zu erwecken, dass ihr alle Blicke im Publikum wie gebannt folgen, ist das Verdienst des großartigen Nicholas Hart, der nicht nur eine Schauspielausbildung absolviert, sondern auch das Puppenspiel erlernt hat. Man nimmt ihm daher ohne weiteres die böse Figur an seinem linken Arm ab, der er eine furchterregende und rauhe Stimme verleiht, während er im nächsten Moment leise und zurückgenommen den allmählich über seine Puppe verzweifelnden Jason verkörpert, der sich vorkommen mag, als wäre der Leibhaftige in ihn gefahren. Die beiden Rollen zusammengenommen, bietet Hart hier eine wahre Tour de Force, die das gute Spiel des übrigen Ensembles fast zwangsläufig etwas in den Hintergrund drängt. Allerdings haben auch sie gerade im Aufeinandertreffen mit Tyrone etliche große Momente, etwa wenn Jessica ihre Handpuppe Jolene die Puppe Tyrone verführen lässt, was schon allein den Besuch des Stücks lohnt.

          Keine überzeichnete Satire

          Dabei ist „Hand to God“ nicht nur ein Puppenspiel mit Horror- und (ganz wenig) Splatter-Elementen. Es ist auch keine überzeichnete Satire auf das fundamentalistisch-evangelikale Amerika, selbst wenn Rachel Stones gelungenes, mit Hilfe der Drehbühne mehrere Räume darstellendes Bühnenbild dieses Milieu andeutet. Robert Askins, der nicht immer auf Klischees verzichtet, hat seinen menschlichen Figuren Tiefe gegeben. Ihr Verhalten, auch wenn es anderen gegenüber verletzend sein mag, ist nicht willkürlich oder „böse“, sondern von ihren Nöten bestimmt: Margerys und Jasons Trauer um den Mann beziehungsweise Vater, Pastor Greggs Einsamkeit, Timothys Familienprobleme.

          Nur Jessica scheint hier einigermaßen sorgenfrei, was sie auch von Tyrones Giftpfeilen verschont. In ihrem Fall spricht er nur völlig unverblümt Jasons geheime Sehnsüchte aus. Für einen von Sex und Gewalt besessenen Gesetzlosen wie diese Puppe, der zum Ende des Theaterstücks nur mit einem Exorzismus beizukommen ist, geschieht das aber trotz notorischer Four-Letter-Words fast noch galant.

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